Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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(Seite 6. Die Wahrheit dir. 13. dem Tode in den Mars verschwindet, sind längst dem Narren- und Schrnllenlexikon einverleibt. Und noch werden die Vogtisch- Büchnerischen „Lösungen" als bare Münze genommen, nur kleidet man sie in die mehr wissenschaftliche Form von der Seelemätigleit als „Funktionen des Gehirns". Es soll nun unsere Ausgabe sein, in eben der Tagesliteratnr als solchen den Kampf gegen diese verheerenden Erscheinungen anfzunehmen und wir wählen zunächst einen ihrer glänzendsten Vertreter: Max Nordau. p. Serie: Max Norda u.sk In Nr. 14163 der „Neuen Freien Presse" beschäftigt sich der geniale Kritiker Max Nordau mit den Hypothesen, welche die Naturforscher zur Erklärung der Radiumswirknngen, deren Zustandekommen sich in die festerstarrten Theorien des Materialismus nicht einrahmen lassen, aufgestellt haben. Das Radium-Element weist ungeheuere Kraftwirknngen auf, deren Ursprung mit dem seit Robert Meyer und Helmholz uns geläufigen Gesetz von der Erhaltung der Kraft nicht übereinzustimmen scheint. Wo wir auf Kräfte stoßen, sind wir gewöhnt, dieselben als eine Verwandlung oder Umsetzung von Kräften, die früher in einer andern Form tätig waren, anzusehen; diesem Gesetz scheint die Radinmtätigkeit zu widersprechen. Einige Physiker sind daher nach einer Theorie auf die Suche gegangen, welche die Radiumtätigkeil mit dem Gesetze von der Erhaltung der Kraft versöhnen soll. Diese Theorie glauben die Physiker in der Zersetzung der Atome gefunden zu haben, welche die Kraftwirkungen des Radiums Hervorrufen soll. Ob sich die Atome in Aelher oder Jonn anflösen, bleibt sich für die Sache gleich. Diese Annahme bekämpft Max Nordau auf das heftigste, er führt den Krieg grausam und unerbittlich, wie je nur eine wissenschaftliche Debatte geführt wurde. Ein furchtbares Bombardement im Eingänge der Arbeit verkündet uns den Aufmarsch der Nordauscheu Myrmidonen, die wutschnaubend auf die Vertilgung des Gegners ansgehen. Muß man schon überhaupt jede Leidenschaftlichkeit in einer wissenschaftlichen Diskussion perhorreszieren, um wie viel mehr ist die Argumentation durch Kraft und Schmähausdrücke in Nordans „Radimystik" zu bedauern. Schon der Titel ein Pamphlet, von der Einleitung gar nicht zu sprechen. Wir können nichts Besseres tun, als einige Stichproben hier folgen zu lassen. Nordau beweist die Unrichtigkeit der gegnerischen Hypothese, daß er folgendes als fachmännische Einleitung vorausschickt: „Die Mitteilungen der Forscher, die sich mit dem neuen Stoffe beschäftigen, haben in Fachkreisen und im Publikum großes Aufsehen erregt . . . . Aber es war ein Aufsehen besonderer Art. Es war bei vielen nicht die Genugtuung über die Erweiterung unseres Wissens von der Natur und über ein tieferes Eindringen in die Eigenschaften des Stoffes. Es war eine Art Schadenfreude über das angebliche Versagen der Gesetze, die das Verhalten der Materie zu bestimmen scheinen." Man höre weiter und staune: „Die Unwissenheit glaubte sicherlich ihre Revanche an der vernünftigen Namrerkenntnis nehmen zu können. Alles, was als gesicherter Besitz des Menscheugeistes galt, ist wieder in Frage, gestellt. Der feste Boden, auf dem sich die moderne (8io!) mechanistische Weltanschauung aufbaut, ist erschüttert, schwankt und droht einzubrechen, und mit ihm der stolze Bau. den er trägt. Aller wilde Aberglaube, alle unsinnige Phantastik, die in qualmigen Hirnen spucken, jedoch vom hellen Licht der schulgeaichten Naturlehre in die verborgensten Traumwinkel des Bewußtseins znrückgescheucht werden, brechen jauchzend hervor und rächen sich durch Aufruhr, Verachtung und Spott an den Ordnungsgewalten, die sie seit dem Anbruch des Zeitalters der Naturwissenschaft in Zucht hielten. Und nicht etwa bei der Laienmenge ist diese erschreckende Erscheinung hauptsächlich wahrzunehmen gewesen, es waren im Gegenteil zuerst Fachleute, physikalische Forscher von Berns, die alle Gesetze der Physik für aufgehoben, alle Hypothesen und Theorien der Wissenschaft für entwertet, alle Schulsysteme für bankbrüchig erklärten." (Fortsetzung folgt.) Das Koben und Wirken der Inden in Oesterreich in vormärziichen Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Freitag gegen Mittag kamen in der Regel die „Dorfgeher" nach Hause, wo sie, kaum^ angelangt, ihre gewiß nicht vollen Taschen sofort öffnen mußten, denn vorerst kam der Mehlhändler mit dem Zettel, worauf die zwei oder drei „Mäsel" Mehl geschrieben waren, welche die Frau geborgt, und bald darauf kam der Weinhändler, um sich die Maß Wein, welche am verflossenen Sabbath geholt wurde, bezahlen zu lassen, denn in der vormärzlichen Zeit hat es kein Jude in der „Gasse" gewagt, am Sabbath etwas fürs Geld holen zu lassen. Die Wohlhabenderen in der Gemeinde lebten etwas bequemer. Sie fuhren nach größeren Handelsstädten, wickelten dort ihre Geschäfte ab, speisten in Traiteurhäusern und kleideten sich schon nach der Mode. Die Lebensweise der vormärzlichen Juden Oesterreichs verdient im allgemeinen eine einfache, mäßige genannt zu werden; denn sie nährten sich, außer bei freudigen Familienfestlichkeiten, von mäßiger Kost, besuchten äußerst selten öffentliche Gast- und Kaffeehäuser und trugen die einfachsten Kleider. In den reicheren Häusern wurde zumeist auch au Wochentagen Fleisch und Gemüse gekocht, während die ärmeren Leute sich mit Erbsen, Fisolen, Kartoffeln, Kürbissen rc. begnügten und nur am Sabbath Fleisch nebst der obligaten „Kugel" aßen. Während die Wohlhabenden zumeist drei bis vier Piecen bewohnten, mußte sieh der Arme gar oft mit einem kleinen „Stübchen" in einem dunkeln Hofe des düsteren Ghetto begnügen, dessen Boden nicht getäfelt war und dessen Plafond ans Querbalken bestanden hatte, die die achtzackige Lampe nebst dem „Hängeleuchter" sicher ertragen konnten. Das Mobiliar bestand gewöhnlich ans einem eichenen, der Ewigkeit trotzenden Tische, mit vier „Stallen" unten zusammengefügt, ans einigen eichenen Stühlen und Betten, einem Schubladkasten und in wohlhabenden Häusern aus einem sogenannten „Aufsatzkasten", der viele Fächer und Fächlein hatte, und gewissermaßen im Rokokvgeschmacke gearbeitet war. Bei ärmeren Leuten stand die obligate „Truhe", worin das Sabbathgewand und die sogenannten „guten Kleider", mit welchen sich besonders die Frauen schon im besten Alter vorgesehen haben, aufbewahrt wurden. Der Schrank mit zinnernem Geschirr fehlte im armen wie im reichen Hanse nicht. Daß die Wohlhabenden auch im Besitze von Gold und Silber waren, ist selbstverständlich. Von schweren roten Damasttapeten, prachtvollen Wandkandelabern, riesig großen Spiegeln, vergoldeten Fauteuils rc. war selbst in den Salons der reichsten Juden keine Spur. Man vermied jeden überflüssigen Luxus, um nicht da draußen noch mehr den Neid und Haß zu erregen. Was nun die Kleidung anbelangt, so gingen die meisten Juden Oesterreichs noch in den ersten zwei bis drei Dezennien in altmodischer Tracht. Die Männer trugen kurze Kniehosen mit langen Strümpfen und Schuhe mit silbernen Schnallen und einen langen Rock. Am Sabbath legten sie die „Schubeze", einen langen, mit weiten Aermeln versehenen Ueberzieher, an und setzten das Barett auf, das man in der „Gasse" gewöhnlich das „Häubenbrettel" nannte. Die Frauen hingegen schmückte die sogenannte „goldene Haube", aus der kein Haar hervorguckte, nebst dem offiziellen blühweißen „Kränsel". Die Wäsche wechselte selbst der Reichste nur einmal in der Woche, und zwar am Freitag nachmittags. Nichtsdestoweniger herrschte überall in allen Räumen die größte Reinlichkeit und Nettigkeit, was übrigens als eine natürliche Folge der nach gewissen religiösen Vorschriften, Zeremonien und Observanzen geordneten jüdischen Lebensweise betrachtet werden mußte. Besonders waren die jüdischen Frauen am Freitag bestrebt und bemüht, die ganze Behausung zu Ehren des,, lieben Sabbath" recht säuberlich und anmutig herzurichten. Selbst die ärmste Hütte wurde am Freitag iu ein beseeligeudes, Herz und Gemüt