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Die Wahrheit · 1909-03-26 · Heft 13 (26.3.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 13 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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'.Hr. 13 Die Wahrheit Seite 5. sagen soll, um den verstorbenen Vater aus der Hölle zu befreien, sondern deswegen, um den Betenden in der Synagoge Gelegenheit zu bieten, das nachsagen zu können, wodurch der Sohn mekadesch ha schem ist, und dieser Liääri8oh haschem, diese Verherrlichung des göttlichen Namens, gereicht den verstorbenen Eltern zur höchsteir Ehre. 2-ni W'ipn;a inr» au?n: j'a^pa dki mit nraa pmnnb 'xib -r:r axn bv p.m bbarrw nb’an u'k ,-n V'iprn ir* napn •b L" ria 18 D' "arr ntyn anpa 122V2 ain na1? xin mxai. mar 8mva inbjr® rr *:a8 vai mxa rrn a*si fax vnriK lyr 8npm &’arnn Ans dieser hier reproduzierten Stelle ist klar und deutlich zu entnehmen, daß der Sohn nur dann das Seelenheil seiner im Jenseits ruhenden Eltern fördern kann, so er ernstlich bestrebt und bemüht ist, einen Gott und Menschen gefälligen Lebenswandel zu führen und wohltätig im Kreise der menschlichen Gesellschaft zu wirken; denn was frommt das Herunterleiern der Kadischformel, wenn man sonst die religiösen Vorschriften und humanitären Satzungen nicht im entferntesten beachtet? ..Jeder Wohltätigkeitsakt, den der Sohn als frommer Jude oder die Tochter als fromme Jüdin ausübt, ist verdienstlicher und wirkungsvoller als alle Kaddeschim."! Der wackere Herr Löw schließt seinen jüngsten Artikel in - der „Wahrheit" mit den Worten: „Rettet Seelsorger, Lehrer,! Gemeinden, dieses in Niedergang kommende Kadischgebet!" Ob aber durch die Erhaltung des Kadistbgebetes das Judentum auch gerettet werden kann, ist sehr fraglich. Ich erinnere mich da einer Anekdote, die ich in meiner! frühesten Jugend erzählen hörte. Ein wohlhabender Dorfjude nahm einen Hauslehrer für seinen schwachsinnigen Knaben auf und ersuchte ihn dringend, dem Jungen das hebräische Lesen beizubringen. Der tat sein möglichstes, konnte aber kein günstiges Resultat erzielen. Der Vater inspizierte einmal den Lehrer und war höchst unangenehm berührt, als er sah, daß dieser sich Mühe gab, dem Jungen das Kadischgebet beizubringen. „Was treiben Sie, Herr Lehrer?" rief er ans. „Ich bin ja noch jung, gesund und rüstig, wozn lehret! Sie ihn das Kadischgebet lesen?" Der Lehrer aber entgegnete, ihn besänftigend: „Beruhigen Sie sich, Verehrtester Herr, leben Sie nur so lange, bis der Junge das Kadischgebet erlernt haben wird und Sie werden ganz gewiß ein sehr hohes Alter erreichen. Ploni. Materialistische Nachzügler tu der Tagesliteratnr und das Judentum. Hinterlassene Schriften, herausgegeben von Dr. I. Sinnreich. Wer einmal Gelegenheit hatte, einer philosophischen Vorlesung über den neuern Materialismus beizuwohnen, wird sich gewiß noch erinnern, mit welcher Gründlichkeit der betreffende Dozent bestrebt ist, die Ursachen aufzudecken, die zum Neuaufleben des Materialismus und dessen Ueberwindung durch den neuentdeckten Kant geführt haben. Vom Materialismus wird mit Recht als von einer Verirrung des Denkens gesprochen, die längst zu ihren Vätern eingegangen ist. Nur ist man bestrebt, bei diesem nngerateneu Sohne, der so schlecht geendet, seine Geburt, sein Leben, seinen tragischen Tod, ja sogar die mütterlichen Verfehlungen und Gebnrtswehen genau sestznstellen unb zu erforschen. Mit anderen Worten, der Materialismus hat für uns historischen Wert, wie etwa die Kenntnis der ptolemäischen Theorie für die Astronomie. Das philosophische Denken des letzten Viertels des vorigen Jahrhunderts war von der Erkenntniskritik, genauer von Kant beherrscht. Zellers Ruf: ..Zurück auf Kant!" Zurück zur Theorie des Erkennens, hat den Materialismus zermalmt. Dies ist jedem mit der Philosophie nur einigermaßen Vertrauten geläusig. Ja, der menschliche Geist ging noch weiter, er reduzierte die ganze Philosophie auf den Begriff „Erkenntnistheorie" und damit geriet das Denken in einen gewissen Grad von Erstarrung, da bedurfte es erst der ganzen Energie der hervorragendsten Philosophen der Gegenwart, um die Philosophie ein bischen unternehmungslustiger, besser flügge zu machen. Wir hören wieder Rufe, wir müssen auch Metaphysik haben; auf Kant's festen Schultern stehend, müssen wir uns zu seinen Nachfolgern erheben. Zurück aut Schelling! zurück auf Schleiermacher hin zu Eduard v. Hartmann. Wie steht es mit dem nicht eingeweihten Publikum? Ist auch dasselbe von der Erkenntnistheorie übersättigt? Nicht im geringsten! Es will vielmehr scheinen, daß die große, gebildete Laienwelt. die erkenntnis-theoretische Studien noch nicht einmcu begonnen, von Kant keine Ahnung hat. Kann man denn ohne Kant nicht selig werden? O ja'. gewiß kann man es, nur philosophieren darf man nicht, ohne sich mit dem Königsberger Weisen in zustimmeuder oder verneinender Art auseinandergesetzt zu haben. Und philosophiert wird hie und da trotz drahtloser Telegraphie und T-Strahlen. aber in einem Tone, als ob wir heute 1855 zu schreiben hätten. Ein trauriges Jahr — in welchem das spekulative Denken damals so gesunken war, daß der Arzt Ludwig Büchner dem Wahn verfallen konnte, mit seinem zusamniengestoppelten Machwerk „Kraft und Stoff" I die Philosophie endgiltig abgetan zu haben. Wenn auch die Erinnerung an diese Absicht ernsten und nüchternen Menschen ein Lächeln ablockeu kann, so wirkt es andererseits sehr deprimierend, da doch ein Blick auf die heutige Tagesliteratnr genügt, daß diese sich noch zur Stunde von diesen alten platten Phrasen nasesühren läßt und mit ihnen in ein unzertrennliches Eins verwachsen ist. Ueberhanpt bieten sich uns in den populärwissenschaftlichen Erzeugnissen letzterer Zeit sehr tragikomische Erscheinungen, die den Psychologen zum Nachdenken zwingen. Wir stehen hier vielleicht vor einem masseupsychologischen Fragezeichen. Friedrich Delitzsch entdeckt Wahrheiten in der Bibelkritik, die so neu sind, daß, wenn es zwischen ihm und dem seligen Astrnc zum Patentstreit käme, dieser siegreich hervorgehen würde, trotzdem dieselben Wahrheiten schon vor 150 Jahren widerlegt worden sind. In! den betreffenden Fachkreisen staunt man über die Naivität des j gebildeten Publikums, das alte Waschlappen für neue sinaitiscbe i Offenbarungen hinnimmt: Das große literarische Publikum j bleibt doch den „neuemdecklen Tatsachen" treu und läßt sich über die kleinen Nörgeleien der staubigen Gelehrten feilte grauen Haare wachsen; der jedenfalls staubige oder besser tönerne Delitzsch bleibt der Held des Tages. Hammel. Jensen, Bezold. Heilprecht n. a. protestieren ans das energischeste gegen Delitzschs Lesart und Schlußfolgerungen; Winkler und Jeremias führen eine winselnde Verteidigung. Julius Oppert, der Vater der Assyriologie, weist Delitzsch nach, 2) daß er elamitisch für babylonisch hielt oder ausgab. daß er schlecht gelesen hat, daß sogar nach seiner eigenen Lesart die Schlüsse unlogisch und falsch sind. Die große Oeffentlichkeit ist doch von der Wahrhaftigkeit und Erhabenheit des Delitzffchen Geplappers überzeugt. In den nalurwisfenschastlichen Kreiien gerät der Darwinismus mit Ausnahme der uralten Entwicklungslehre immer mehr in Mißkredit; viele Tatsachen sprechen gegen „die Hypothese der Hypothesen" (Reincke) u. a. in der allgemeinen Literatur wird vom Darwinismus mit derselben Selbstverständlichkeit gesprochen, wie von den Axiomen der Geometrie. Doch wir wollen nicht alle Verirrungen des Denkens in einem Artikel aufdecken und bekämpfen. Wir müssen uns mit dem spekulativen Geist in der Tagesliteratnr beschäftigen. Häckel, der letzte Ueberrest der wissenschaftlich-materialistischen Schule, ist genugsam besprochen und widerlegt worden. Man vergißt aber dabei die tagesliterarischen Erscheinungen zn berücksichtigen, die ganz verknöchert, reaktionär-materialistisch geblieben sind und deren Einwirkung auf das lesende Publikum unbegreiflich bedeutender ist; verwirrend und verflachend bis in die tiefsten Schichten des Volkes dringt. Das fünfzigste Jabr, seit dem die Plattheit in der Gestalt von Büchners „Kraft und Stoff" ihre höchsten Triumphe feierte, ist schon vorüber, Karl Vogts berühmter Blödsinn über Gehirn, Urin, Galle und Gedanken, sowie der seines Gegners (Wagner), von der ätherischen Seele, die mit *) „Kraft uub Stoff", empyrisch-naturphilosophische Studien, Frank» furt a. M., 1855, 20. Auflage 1902. 2) Siehe die von Prof. Bezold in München herausgegebeue Zeitschrift für Assyriologie Bd. 17, S. 391 f. f.

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