Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/3062972-3063469-3063481--05978-3072943- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 12. Die Wahrheit. Seite 7. Er schreibt: ..An dem Ende des Weinberges (welcher früher Eigentum des Bischofs Rnffino war und zn jener Zeit den Söhnen des Mario Vitozzi gehörte) fanden wir Sonnabends, den 14. Dezember des Jahres 1602 eine enge, schwierig nnd gefährlich zn betretende Grottenmündung an dem Felsen eines Abhanges, unter welchem -sich ein Tal hinzieht. Nachdem wir mit gebücktem Körper durch jene Mündung eingetreteu waren, drangen wir in einen Platz ein, welcher in den weichen Tuff ausgehaueu war. In zwei Stunden, welche wir uns dort aufhielten, schien es uns, als ob wir ihn Zanz nmschritten hätten, allein mau erkannte. daß noch andere Auswege nnd volle Gänge vorhanden seien, welche sich weiterhin ausdehnen dürften. Die Grabmäler sind in die Wände eingehauen und an -einigen Stetten sind noch Gräber nnd Grabmäler in den Fußbodeit ausgehöhlt. Die Grabmäler sind mit Backsteinen verschlossen. welche mit Kalk übertüncht sind, worauf man fast immer mit roten Buchstaben die Grabschristen geschrieben sieht. Einige von diesen haben wir gefunden, aber alle in griechischer Sprache nnd verstümmelt, da die Grabmäler von neugierigen und habsüchtigen Leuten geöffnet worden waren und -ein Teil der Ziegel und des Kalkes entfernt worden ist. Nur sieht man fast an jedem Grabe mit roter Tinte abgemalt oder in den Kalk eingegraben den siebenarmigen Leuchter. Daraus, sowie daß wir in diesem Begräbnisplatz kein christliches Abzeichen fanden, ferner daß wir auf einem Bruchstück einer Inschrift das kurze Wort ,Synagoge^ lasen und ans anderen Umstätlden haben wir geschlossen, daß dieses der eigentliche Begräbnisplatz der alten Hebräer war." 1859 wurde die zweite jüdische Katakombe in Rom an der Via Appia entdeckt nnd von G a r u c c i beschrieben; 1867 die dritte, gleichfalls an der Via Appia und von de Rosst besprochen; 1882 die vierte an der Via Labicana nnd von Orazio Marncchi geschildert; 1885 die fünfte an der Via Appia Pignatellt und vom deutschen Gelehrten Nrkolaus Müller behandelt. Ueberaus anschaulich beschreibt Professor Dr. Berliner in seiner „Geschichte der Juden in Rom" seinen Einstieg in eine jüdische Katakombe: „Der Wächter, welcher in seinem Hause, hinter dem das Feld liegt, wohnt, führte uns zuvörderst einen schmalen Steg durch das Feld und an eine von außen sich sonst nicht merkbar machende Stelle angelaugt, gab er einem jeden von uns ein brennendes Licht in die Hand; er selbst ging voran und führte uns tief unter die Erde hinweg . .. Wir gelangten zuerst in einen Vorraum, in welchem daliegende Trümmer an frühere Baulichleiten, die hier vorhanden gewesen, erinnern. Man erkennt noch die Anlage eines rechtwinkligen Zimmers, die Spuren eines Mosaikbodens, einen verschütteten Brunnen und den Rest einer Wasserleitung . . . Ans dem unterirdischen Vorhose stiegen wir in das n o ch etwas tiefer gelegene Gewölbe hinab, w o m a n r e ch t s u n d l i tl k s i n d.e n Wänden h o r i z o n t a l e Nischen erblickt, die, häufig au 1 übereinander, eingehauen s i n d. Die Wände sind aber noch zudem von Gängen durchbrochen, d'ie wiederum in neue Gewölbe mit Nischen führen." Alle diese Katakombengräber sind mit Aufschriften in griechischer oder lateinischer Sprache versehen und zudem zumeist noch mit Emblemen, wie mit dem Leuchter, der Palme, dem Esrog geziert. Hie und da finden sich noch einzelne hebräische Wörter vor wie: svn. Der h i st o r i s ch e u n d k u l t u r h i st o r i s ch e W ert d i e s e r I n s ch r i s t e n i st namentlich deshalb von besonders hoher B e d e n t u n g. weil bei sehr vielen von i £) n e lt Die Zugehörigkeit der Verstorbenen z tt d e tt einzelnen S y n a g o g e n Roms und die R a n g st e l l n n g, die sie dort ei n n ah m e n, fürsorglich angegeben werden, und w i r io den genauesten Einblick in das k u l t u e l l e Leben it u b Treibet! d er Juden Roms in d e n e r st e n n a ch ch r i st l i ch e n I a h r h u n d e r t e n erlangen können. Einige Inschriften, ans der Fülle herausgegriffen, erläutern diese Tatsache aufs deutlichste, so: 1. Hier liegt Quintianns. der Gerusiarch der Augustäischen Synagoge, welcher 54 Jahre lebte. In Friede sei seine Ruhestätte. 2. Hier liegt der Priester (— Ko Yen) Julianns. Archon der Kampasier nnd Agrippesier, Sohn des Julianos, des Synagogenvorstehers. 3. Hier liegt Zosimos. welcher wäarend seines Lebens der Synagoge der Agrippesier angehörte. In Frieden sei seine Lagerstätte. 4. Hier l egt Pancharins, Vater der Synagoge Eleia, 110 Jahre alt, nach menschenfreundlichem und gutem Leben. 5. Hier liegt Minaseas (= Manasse), der Schüler der Waisen (= Mn -robn) nnd Vater der Synagoge. 6. Dem Flavins Juliauus, dem Synagogenaufseher (= Chasau), Flavia Jnliana, die Tochter. Interessant ist die Inschrift: BETVRIA PAV LLA F. DOMI HETERNAE QVOS TITVTAQVAE BI XIT AN. LXXXVI MESES VI PROSELITA AN XVI NOMINE SARA MATER SY NAG 0 G AR V M CAMPI ET BOLVMNI BENIRENAE AYCYMICIC AYTIS Beturia, Tochter Paulas, beigesetzl im ewigen Hause, lebte 86 Jahre und 6 Monate; als Proselytiu mit Namen Sara 16 Jahre. Mutter der Synagogen Campus und Volumnns. In Frieden sei ihre Lagerstätte. Rührend und für den ewig sich gleich bleibenden Familiensinn des Judentums zeugend, ist die Inschrift: Dem tvohlverdiemen Gatten Aurelius Hermiatns hat es Julia Asrodisia errichtet und bittet, es möge ihr der Platz Vorbehalten bleiben, damit sie zn ihrem Gatten gelegt werde, wann immer. — Dazu als Emblem — zwei Epheublätter. Was erhellt aits allen diesen beredten Zeugen der Vergangenheit? Zunächst, daß in Rom ein überaus intensives jüdisches Gemetndeleben in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten existierte. Nicht weniger als neun Synagogen sind festgestellt worden. Eine führt den Namen: die augustäische. zu Ehren des Kaisers Augnstus, die zweite: die agrippinische, zu Ehren des kaiserlichen Freundes Agrippa. Dann. gab es noch eine Synagoge der Volumner, eine Synagoge der Bewohner des campus martius. eine Synagoge der Siburesier, eine Synagoge Eleia. eine der „Hebräer", eine der Ryodier und eine der Genossenschaft der Kalkbrenner (nach Garucci). An der Spitze einer jeden Synagoge stand ein Verwaltungs- Vorstand. Gerusia, mit dem Gerusiarch als Vorsitzenden. Die einzelnen Mitglieder der Gerusia hießen Archonten. Außerdem gab es noch im engeren Sinne Tempelvorsteher — Gabboim — Väter der Synagoge genannt, nnd auch Tempelvorsteherinnen, wohl für dieFrauenabteilung: MütlerderSyuagoge Talmudgelehrte. Schriftgelehrle, Borbeter, Kinderlehrer übten ihr Amt eifrig ans. Die einzelnen Gemeiudemirglieder rühmen von sich, daß sie dia viu — wie die lateinisierte griechische Form lautet — d. h. lebenslang dieser oder jener Synagoge angehörteu. Unter der Heranwachsenden Jugend scheint ein besonders reger Eifer geherrscht zu haben. Es d ü r f k en w a h r s ch e i n l i ch i ch o n d a m a l s i n Rom I u g e n d g o t tes d i e n st e a b g e h a l t e n worden sein, die ihre eigenen ju g e n d l i ch e n B o r st e h e r nnd Aufseher besaßen. Wir finden nämlich auf den A n f s ch r i f t e» bei verstorbenen K i nd e r n im Alter von 8. 12 Jahren den auffallenden Titel arciion nepios, der junge V o r ft e h e r.