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Die Wahrheit · 1909-03-19 · Heft 12 (19.3.1909) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 12 (19.3.1909)
Date
1909-03-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrbeu Nr. 12 Das religiöse Leben in der Judengemeinde hat in einem nicht minder intensiven wirtschaftlichen und kulturellen seine Ergänzung gefunden. Die Genossenschaft der jüdischen Kalkbrenner dürfte nicht vereinzelt vorhanden gewesen sein. Auch die Kunst war den damaligen Juden Roms nicht fremd. Ein Maler Eudoxius wird in einer Inschrift erwähnt. Den Schauspieler Alityrus führt Josephus an; daß es aber auch jüdische Schauspielerinnen gab,ist aus einem von Franziscus Ficornius in seinem in Rom 1754 erschienenen Buche: Oi88ertatio de larvis scenis et figuris comicis antiquorum ßomanorum veröffentlichten Relief zu ersehen: Drei Masken schmücken ein Grabmal, aus welchem der Name der jüdischen Schauspielerin Fanstina Verzeichnei ist. Nur eine kleine Auslese der wissenschaftlichen Ergebnisse aus den jüdischen Inschriften in den Katakomben Roms konnte hier geboien werben. Zahllose jüdische Inschriften, warten noch unter Trümmern der Sammlung, Sichtung, Entzifferung und Erklärung. Saxa loqrmntur, Steine reden, lautet ein lateinisches Sprichwort. Die christlichen Inschriften haben eine überaus sorgfältige Bearbeitung in den umfangreichen Werken von G a r u c c i, de R o s s i und M a r u c ch i gefunden, d i e j ü d i f ch e n sind noch z u m e i st st u m m g e b l i e b e n. Möge auch für sie bald die Stunde schlagen, da sie, in ihrem vollen Werl erkannt, jene Würdigung seitens des Judentums fänden, die es ermöglichte, sie zu dem zu gestalten, was sie ihrer Tendenz nach sein könnten: zu lauten Verkündern höheren jüdischen Kultur- und K u l t n s l e b e n s! Walisischer Hilssvereiu. (Schluß.) Im Jahre 1907 war die Zahl der jüdischen Arbeitskräfte 3124 bis 3154 und der Gesamtjahresverdienst belief sich auf K 267.846 45. Es hat also im Jahre 1908 gegenüber dem Vorjahre die Zahl der Arbeitskräfte u m 3 9 3 bis 396 und der Betrag des Jahresverdienstes um K 29.319*15 zugenomm en. Daß der Gesamtlohnbetrag, der im Jahre 1909 zur Auszahlung gelangen dürfte, den des Berichtsjahres um ein Bedeutendes übersteigen wird, haben wir schon bemerkt. Da wir im letzten Tätigkeitsberichte den Arbeitslohn, der durch unsere Bemühungen seit der Gründung des Hilfsvereines (1901) in Galizien ausbezahlt wurde, auf mindestens eine Million Kronen eingeschätzt hatten, so können wir sagen, daß nunmehr dieser Arbeitslohn auf mindestens K 1,300.000* — gestiegen ist. Landwirtfchaf t. Wir haben im Tätigkeitsberichte pro 1907 ausgeführt, daß nnt Rücksicht auf die uns zugegangenen Gutachten eine Zuführung der Inden zur Landwirtschaft in Galizien nur in ganz bescheidenen Grenzen möglich sei, und zwar in der Art, daß insbesondere eine kleine Anzahl galizischer Juden für den Obst- und Gemüsebau ausgebildet wird. Zn diesem Zwecke eine Gartenbauschule zu errichten, hielten wie nicht für angezeigt, wohl aber die Unterbringung von Lehrlingen bei Obst- und Gemüsegärtnern. Wir wandten uns daher, wie wir ebenfalls schon im früheren Berichte bemerkt haben, an die Leitung der Erziehungsanstalt in Ahlem, in der bekanntlich Knaben für Obst- und Gemüsebau rc. ausgebildet werden, um ein Gutachten, ob mit Aussicht auf Erfolg ein Versuch unternommen werden könnte, galizische Knaben bei einem in Galizien in der Nähe einer größeren Stadt ansässig zu machenden jüdischen Obst- und Gemüsegärtner als Lehrlinge unterzubriugen und bejahendenfalls uns einen solchen Gärtner zu empfehlen. Wir erhielten die Nachricht, daß gegen Anfang des Jahres 1908 zwei junge Leute, die in Ahlem ansgebildet wurden und seither längere Zeit in Deutschland praktiziert hatten, sich mit Hilfe eines größeren, zu günstigen Bedingungen von Seile der Alexander und Fanny Simonscheu Stiftung in Hannover gegebenen Darlehens nach Ezernowitz begeben, um dort eine Kunst- und Gemüsegärtnerei zu errichten. Diesen jungen Leuten nun machten wir den Vorschlag, jüdische Lehrlinge, die wir ihnen empfehlen würden, auszunehmen; wir wollten ihnen für jeden Lehrling einen Umerstützungsbeitrag von K 200*— jährlich geben. Wirr gingen bei der Bestimmung des Betrages von der Erwägung aus, daß ein jüdischer Lehrling, den wir in Wien bei einem Handwerker nnterbringen, uns jährlich K 96r— kostet; dast ferner in Wiener Gärtnereien Lehrlinge nicht nur ohne Bezahlung eines Unterstützungsbeitrages an den Gärtner ausgenommen werden, sondern von ihm, der ihre Arbeitskraft ausnützt, außer der vollen Verpflegung noch einen kleinen Wochenlohn erhalten. Da die erwähnten jungen Leute höhere Anforderungen stellten, ließen wir vorläufig die Sache fallen. Nunmehr aber haben sie ihre Bereitwilligkeit erklärt, zwei Lehrlinge gegen die erwähnte Subvention in die Lehre zu nehmen, und wir werden uns bemühen, geeignete Knaben für sie zu finden. V o r s ch u ß k a s s e n. Auch mit der Frage der Errichtung von Vorschußkassen für den Kleinhandel und das Kleingewerbe haben wir uns eingehend beschäftigt. Bekanntlich besteht derzeit in Galizien eine größere Anzahl solcher Vorschußkassen, die von der Jewish Colonisation Association (I. C. A.) errichtet wurden und sehr segensreich wirken; diese Gesellschaft bemüht sich auch, die Zahl dieser Kassen alljährlich zu vermehren. Mit Rücksicht daraus, hielten wir es nicht für atlgezeigt, ebenfalls mit der Errichtung von Vorschußkasseu vorzugehen, und wir beschlossen daher, von einer Tätigkeit in dieser Hinsicht iusolange abzusehen, als die I. C. A. überall dort, wo die hiesür erforderlichen Voraussetzungen gegeben erscheinen, wozu in erster Linie geeignete Persönlichkeiten gehören, solche Kassen ins Leben ruft. Sozial-ethische Aktion. Im Laufe des Berichtsjahres haben wir uns auch eingeheud mit der Frage beschäftigt, wie unsere Tätigkeit, die bisher in erster Reihe darauf gerichtet war, „die materielle Lage der Juden in Galizien zu verbessern", dahin ausgedehnt werden könnte, „das Kulturniveau dieser Juden nach Möglichkeit zu heben", um auf diese Weise auch die andere im § 1 unserer Statuten als Zweck des Hilfsvereines angegebene Richtung unserer Tätigkeit intensiver zu pflegen. Daß wir nicht schon früher uns mit dieser rein kulturellen Hebung der Lage der galizischen Juden befaßt haben, erklärt sich aus unseren Statuten, die im § 2, in dem die Mittel zur Erreichung des Vereinszweckes angegeben werden, uns in erster Linie wirtschaftliche Aufgaben stellen. Auch der Hilfsverein der Deutschen Juden in Berlin hat von allem Anfang au die Hebung des wirtschaftlichen Niveaus der Juden in Galizien als die wichtigste Aufgabe betrachtet. In seinem ersten Geschäftsberichte (1901 bis 1902) schreibt er nämlich: „Der geschäftsführende Ausschuß und die galizische Kommission unseres Vereines haben es übereinstimmend als erstes Ziel aufgestellt, durch Einführung von Hausindustrien denjenigen Juden und Jüdinnen in Galizien, welche arbeiten wollen, diese Möglichkeit zu bieten. Wir sind uns von Anfang an über die Schwierigkeit dieser Aufgabe klar gewesen" u. s. w. Um nun für diese rein kulturelle Tätigkeit eine sichere Grundlage zu gewinnen, haben wir eine Anzahl Gutachten darüber eiugeholt, durch welche Veranstaltungen die Hebung des Kulturuiveaus herbeigesührt werden könnte, um sodann ein Programm drber diese Tätigkeit auszuarbeiten. Für die Vorschläge, die uns zugingen, müssen wir auch au dieser Stelle unseren besten Dank ausdrücken; dieser Dank gebührt insbesondere dem von unseingesetzten Beirate in Lemberg und seinem Referenten, dem Reichsratsabgeordneten Herrn Dr. Gabel, ferner Herrn Dr. M. Hammerschlag in Prag und Herrn Dr. Hermann Hirsch in Krakau. Wir haben nun sowohl aus den uns zugekommenen Vorschlägen, wie auch aus den von uns seit langer Zeit gesammelten sonstigen Materialien ein Programm für diese rein kulturelle Tätigkeit entworfen. Unterdessen ist die Israelitische Allianz zu Wien, die damit umgeht, eine solche Aktion in Galizien zu unternehmen, durch eines unserer Vorstandsmitglieder an uns mit dem Vorschläge herangetreten, bei der Beratung und Durchführung des Programmes für diese von ihr zu leitende Aktion mitzuwirken. Die Verhandlungen hierüber sind derzeit noch im Zuge. Wir bemerken jedoch, daß auch der Hilfsverein der Deutschen Juden in Berlin eingeladeu werden soll, an dieser Aktion, teilzunehmen.

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