Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Delle 6. Die Wahrheil Nr. 12. Wandel geschaffen werden. Wir könnten Schulen namhaft machen, deren Direktoren noch vor wenigen Jahren allen jüdischen Kindern den Besuch des Sabbath-Jugendgottesdienstes ermöglichten, was heute nur mehr vereinzelt der Fall ist. Wir müssen dem gegenüber auss n a ch d r ii ck l l ch st e verlangen, daß die Stundenpläne an den öffentlichen Schulen so angelegt werden, daß jedes jüdische Schulkind — die ganz kleinen, die noch nicht beten können, werden ja ohnedies nicht hierzu verhalten — allwöchentlich seiner Jugendandacht im Gotteshause beiwohnen könne. Es sei keine G n a d e, die man den israelitischen Kindern seitens der Schule gewähre, unsere Jugend hat vielmehr ihr volles Recht, und die Eltern, die den gänzlichen Verfall einer jeden religiösen Erziehung nicht ruhig mitansehen können, stellen auch das Verlangen, daß unsere Vertreter uns bei unseren hohell Behörden' zu unserem Rechte verhelfen mögen. „Amitti“. Das Kadischgebet. Mit Wehmut mußte Schreiber dieser Zeilen anläßlich einer Beerdigung am jüdischen Friedhose die Ueberzengung gewinnen, welchen Niedergang das Kadiichgebet bei Kindern nach Verlust der Eltern, welche sich vielfach aufopfernd bemüht haben, den Kindern eine sorgfältige Erziehung angedeiheu zn lassen, erleidet. Bei vier nacheinander vorgenommenen Bestattungen mußte man Söhnen und Brüdern verschiedenen Atters das Kadischgebet soufflierend vortragen. Ganz anders ist es bei den Andersgläubigen! Schon im Kindesalter wird das „Vaterunser" gelehrt, und welches katholische Kind kennt das „Vaterunser" nicht! Im ..Vaterunser" kommt die Verherrlichung -Gottes, das Bekenntnis eines Gottesreiches, der Weltregierung vor, welches auch im Kadischgebete enthalten ist. Die Verherrlichung Gottes, welcher die Welt nach seinem Willen erschaffen. Jeder Jude hat den Berus, durch sein Leben und Wirken beizutragen, daß Gottes Name geheiligt werde, und andere auch zum Dienste Gottes geführt werden. Nach dem Tode der Eltern geht dies heilige Erbe aus die Kinder über. Das Kadischgebet ist doch ein herzliches Trostwort, das uns lehrt, über die Leiden hinweg zn Gott emporzuschauen, um den Schmerz geduldig zn ertragen. Wer gottesgläubige Kinder hinterläßt, ist nicht gestorben a--ntan a-na ljn? na denn so seine Kinder leben, lebt auch er. (Taanith.) Es wäre daher angezeigt, daß man in sämtlichen jüdischen Schulen frühzeitig, vor und nach dem Unterricht, dieses Kadischgebet lehrt, damit dieses Gebet, welches die Lobpreisung Gottes enthält, niemals in Vergessenheit komme. Wenn eine Leidenszeit hereinbricht, soll dem Sohne, welcher durch den unerbittlichen Tod Eltern oder Geschwister verloren, ohne Souffleur dieses trostbringende Gebet wohlbekannt und geläufig sein. Rettet Seelsorger, Lehrer, G e m e i n d e n dieses in Niedergang kommende Kadischgebet! Albert L ö w. in den Katakomben Doms? Ein Vortrag von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. Wenn mau das Schicksal des Jndeittums nach dem Jahre 70 der christlichen Zeitrechnung, da es durch Roms gewaltige Heere seines staatlichen Lebens beraubt und in einzelnen Splittern über die Erde zerstreut wurde, in R o m selb st, im Herzen seiner Ueberwinder und Bezwinger, bildlich darstellen wollte, wenn man nach einem bezeichnenden Symbol für das Los der Besiegten und Gefangenen am Tiber Ausschau hielte: kein passenderes fände sich wohl, als jenes Relief, das den Arco di Tito, den Titusbogen schmückt, den die dankbaren Römer ihrem Liebling Titus errichteten, als er von der Eroberung und Niederwerfung Judaeas heimgekehrt war. Dieses Relief st e l l t n. a. d e n s i e b e n a r m i g e n Leuchter des Tempels zu Jer ns a l e m dar, der a ls B ente stück hoch in d er H ö h e getragen wird. So erging es auch den Inden Roms. In ihrer achtzehnhnndertjährigen Gefangenschaft und Unterdrückung, die erst im Jahre 1870 ihr Ende fand, war es der Leuchter d e s ' G l ä u b e n s, den sie in die Höhe hielten und durch den sie selber auf der Höhe ihres Menschtums sich erhielten. Gleichwie die heilige Schrift von der kupfernen Schlange zu berichten weiß, daß die Wanderer in der Wüste im gottgläubigen Aufblick zu ihr von einem noch so giftigen Biß Heilung fanden, so war es oft dieser Leuchter, zu dem die Besiegten hoffuungsfreudig und gestärkt aufschauten, obschon Dunkelheit und Finsternis sie umgaben. Und als ob die Juden Roms mit dem siebenarmigen Leuchter ihr ganzes inneres Wesen für verwoben hielten, als ob sie in demselben ihr jüdisches Stadtwappen, im Gegensätze zu dem der Römer von der Wölfin, sahen, welches sie selbst im Tode nicht missen wollten, übertrugen sie den siebenarmigen Leuchter auf ihre Gräber, und zahlreiche Grabinschriften in Rom und rings um Rom sind mit Abbildungen desselben versehen. Die Menorah, der Leuchter des Glaubens, leuchtete den arg Bedrückten und unter seinen Strahlen entwickelte und entfaltete sich bald in ihrer Mitte ein reiches kultuelles und kulturelles Leben. Freilich die Berichte der damaligen Historiker und Schriftsteller sind über das innere Leben der Jadeit Roms in den ersten Jahrhunderten nach der Katastrophe sehr kärglich gehalten. S u e t o n, D i o C a s s i n s, die Satyriker M a r t: a l und I u v e n a l erwähnen die Juden Roms nur flüchtig. Dio j Cassins enthält eine Bemerkung, die an den Bericht der Bibel ' im zweiten Buche Mosis (I, 12) erinnert: „Je mehr man sie I unterdrückte, desto mehr wuchsen sie."! Joseph ns Flavins, der jüdische Geschichtschreiber,! weiß uns etwas mehr über sie zu erzählen; wir erfahren,! daß viele Mitglieder der Patriziersamilien, ja sogar des i kaiserlichen Hofes, . dem jüdischen Glauben sich geneigt zeigten,! was später, nach anderen Berichten, zil drakonischen Maßj regeln gegen die jüdische Propaganda Veranlassung gab. Aits dem talmndischen Schrifttume dringt zu uns die j Kunde von einem Neffen des Kaisers Hadrian, A q u i l a, der j zum Judentum offen übertrat und eine griechische Bibelübersetzung j anfertigte, sowie von einem römischen Inden Theodosins, der die! Opferung des Passahlammes in Rom selbst einführeu wollte und hiebei auf den Widerstand und das Veto der Mischnahlehrer stieß. Sonst versiegen und versagen alle historischen Quellen bezüglich dieser interessantesten Epoche der Juden Roms. Eine umso willkommenere, überaus reiche Ausbeute an verläßlichen und eingehenden Nachrichten lvird uns unerwarteterweise von einer anderen Seite geboten: von den Katakomben R o m s. Diese unterirdischen, labyrinthartigen Hohlräume, welche die Stadt Rom in einer solchen Ausdehnung umgeben, daß ihre Gänge, an einander gereiht, ein Ausmaß von über 1000 Kilometern bilden würden, liefern uns in griechischer und lateinischer Sprache zahllose Dokumente über die römischen Juden in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten. Die Katakomben Roms, welche in der Mitte des verflossenen 19. Jahrhnndertes die romantischen Schlupfwinkel für allerlei Verschwörer und Verschwörungen abgegeben haben, w a r e n ihre m Ursprünge u n d ihre r A n l a g e n a ch n i ch t s a n d e r e s, als u n t e r i r d i s ch e F r i e dh ö s e, z n e r st v o n d e n I u d e n nach palästinäns i s ch e m Muster (paia Baba batlira 100 b ff.) u n d dann von den C h r i st e u angelegt. Vier -Jahrhunderte hindurch, vom ersten nachchristlichen bis zum. vierten Jahrhunderte wurden sie benützt, gerieten dann in Vergessenheit, bis sie anr. Eingang der Neuzeit entdeckt wurdeu. Der Italiener Bosio, der eigentliche Begründer der Katakombenforschnng, gibt uns in seinem im Jahre 1632 posthum veröffentlichten Borna sotteranea eine anziehende Schilderung der Auffindung der ersten jüdischen Katakombe in Rom.