Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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tut. 12. Die Wahrheit?eiie 5. mit ein Gott wohlgefälliges Werk, ad majorem dei gloriam, zu verrichten. Kann man dasselbe von den hentigen Antisemiten behaupten, deren mancher den wohl scheußlichen! jedoch nicht frommen Wunsch hegt, an jedem Laternenpsahl einen Inden als Schmuckstück hängen zu sehen? * * Früher haßte man die Juden wegen der Kreuzigung Christi; Christum aber sein Judentum abzusprechen, kam niemand zn Sinn; heute sieht man den Juden diese vom römischen Landpfleger Pilatus begangene Tat schon eher nach, aber Christus wird zum Arier gestempelt. * * Ließ sich in der sogenannten guten alten Zeit ein Jude taufen, so gelangte er dadurch in den Vollbesitz aller gesellschaftlichen und bürgerlichen Rechte, wobei es gar nichts zu sagen hat, daß diese letzteren bescheidene Dimensionen auswiesen, ein vollgerüttelt Maß besteht ja heute auch noch nicht. Hingegen dem jüdischen Renegaten des XX. Jahrhunderts geht es nicht so gut, denn seinem Urenkel noch hastet die Schmach der jüdischen Herkunft als unverwischbares Brandmal an. Unvergessen bleiben dem Kolonialminister Dernburg seine semitischen Ahnen und der „Simplicissimus" karrikiert ihn als protestantischen Prediger mit prononziert jüdischer Nase. Vergeblich autisemitelt Paul Heyse verschämt in Romanen und Novellen, Adolf Bartels wirst ihm seilte jüdische Mutter doch vor und spricht ihm die Fähigkeit ab, deutsch zu fühlen und zu denken. — Die Mischlinge werden als Dreiviertel-, Halb- und Vierteljnden klassifiziert, der Bruch geht ins Unendliche, wird aber niemals gleich Null. Uebrigens wollen wir ob dieser ungleich größeren Härte, der die Gelausten heute begegnen, nicht gar beivegliche Klage führen, geschieht ihnen schon Recht! . * ' . | Aber wird man sagen, in einem Punkt ist es doch besser j geworden. Seitdem die französische Revolution die allgemeinen i Menschenrechte proklamierte, und speziell seit dem Jahre 1848 werden I wir auch sozusagen unter die Menschen gerechnet; nicht alle diese i Rechte stehen nur ans dem Papier und ein nicht zn verachten-! der Teil davon kommt schon ans uns. Wenig kann es da, j scheint es, verschlagen, wenn wir auch die Pflichten, die mit j den einigermaßen verkürzten Rechteit verkettet sind, voll und ganz j zn tragen haben. Können wir im Heer auch nicht so hoch i avancieren, lvie unser arischer Waffenbruder, der Ehre den Rock? des Kaisers und das zweifarbige Tuch zu tragen, werden wir! doch teilhaftig, welche Ehre früher keinem Inden widerfahren ist.! Wohl wahr! Vormals aber blieb uns die Notwendigkeit erspart, i ein Gewehr oder eine Kanone zu laden und diese Mordwerki zeuge ans jüdische Mitbrüder zn richten. Wir morden einander jetzt, wenn auch unter konventionellen Formen. Wir machen unsere Franen und Kinder zu Witwen und Waisen, und zwar gegenseitig, wenn wir uns in feindlichen Lagern gegenüberstehen.! Es ist ein Schauspiel nicht für Götter, sondern für Teufel, wenn die Belgrader Knltusgemeiude eine namhafte Spende für Kriegszwecke znwendet, wenn im männermordendeu Kamps Serben und Inden das Weiße im Auge zeigen den Oesterreichern, Ungarn und Inden. Die Phantasie schaudert davor zurück, die Gränes eines Weltkrieges attszumalen, wie er jetzt gleich einem Alp ans der Seele der Menschheit lastet. Welch babylonische Gefühls- und Begriffsverwirrung würde dies für das Judett-! tum bedeuten, welche Blasphemie ferner, wenn in den Synagogen j gar Gottesdienst abgehalteu werden sollte, um den Segen j Gottes auf die Waffen des jeweiligen Vaterlandes herabzuflehen!! Denn der Jude hat, wie der Deutsche vor der Einigitng viele Vaterländer, ob aber auch Ursache sie zu lieben?*) . . . *) Wir möchten nicht, daß diese Bemerkung des Autors von Freund oder "Feind — von letzteren natürlich mehr, als von ersteren - dahin mißverstanden würde, als genügten die Inden nur widerwillig der Militärpflicht. Die aphoristische Form hinderte den Autor offenbar, den Punkt ganz klar zu stellen. Die Aenßernng will also cum grano salis aufgesaßr werden. Tolstoi predigt zwar rür den Fall eines Krieges eine Art passive Resistenz und auch Friedrich der Große tat mit Hinblick auf seine Grenadiere einmal den Ausspruch: „Ich bin nur neugierig, was entstünde, wenn die Kerle mal nicht wollten", aber das ist Zukunstsmusik oder Utopie und Chamisso, der deutsche Dichter und vertriebene französische Adelige schrieb eines der rührendsten Gedichte der Weltliteratur: „Schloß Boncourt", aus dem ich nur einige Verse zitiere: Ich träum als Kind mich zurück Und schüttle mein greises Haupt. Wie sucht ihr mich heim ihr Bilder, Die längst ich vergessen geglaubt, äo stehst Du Schloß meiner Väter Mir treu und fest in dem Sinn, Und bist von der Erde verschwunden, Der Pflug geht über Dich hin. Sei fruchtbar, o teurer Boden, Ich segne Dich mild und gerührt. Ich segne Dich zwiefach, wer immer Den Pflug nun über Dich führt. Er hatte in Deutschland sein zweites Vaterland gefunden und alles, was ihm die Heimat versagt: Häuslichen Herd, Freunde und Ruhm. Da brach der Krieg im Jahre 1813 ans, der Kampf zwischen Frankreich tlnd Preußen ltnd er klagte im seelischen Zwiespalt: Die Zeit hat kein Schwert für mich, nur für mich keins. Das war ein Dichter mit sensitivem Gemüth. von uns modernen Juden, die wir nicht so zart besaitet sind, kann man nicht verlangen, daß wir im gleichen ober ähnlichen Fall seelische Konflikte durchmachen oder Skrtlpel habeik. * * _ * Ist es nach dem Gesagten wirklich besser geworden, versendet die Sonne der Huiuanitas jetzt lvärmere, das Herz erfrenendere Strahlen? Braucht es eine ausdrückliche Antwort ans diese Frage? S. V i n e t a. Für unsere großstädtische Jugend. Betrübend ist es, die ständige Rubrik Abtrünniger zn lesen, die den: alten Väterglanbeil den Rücken kehren, und es drängt sich jedem unter uns, der noch Herz fürs Judentum besitzt, die Frage aus: Was hat zur Erstarkung des religiösen Bewußtseins, namentlich bei unserer jungen Generation, zu geschehen? Ist es nicht tiefschmerzlich, zn hören, daß z. B. eine junge Wiener jüdische Advvkatensgattin ihr einziges Söhnchen. vor Eintritt in die öffentliche Schule, mit Eiuwillignng ihres Gatten, der noch im Elternhause „koscher gegessen", der Taufe znführt und selbst einen „Altar" in der Kinderstube errichtet, vor dem das Kind täglich zu knien hat, und dies tut eine jüdisch geborene Mutter, deren Großvater an den Festtagen sicherlich noch „geduchent" hat? Solche Fülle sind leider keine vereinzelten und diesetl muß entgegengearbeitet werden in der Großstadt und ans dem Lande. Die Wahrheit gesagt, bei uns in Wien geschieht viel und doch kanli und muß noch mehr geschehen. Eines wollett wir heule zrir Sprache bringen. Im nüchsten Jahre werden es 40 Jahre, daß der Ingendgottesdienst in Wien eingeführt wurde, eine Institution, die sich nach allen großen jüdischen Gemeinden verbreitet hat. Knaben und Mädchen haben allsabbathlich einen Gottesdienst, der viel neben dem Religionsunterricht zur Hebung des jüdisch-religiösen Bewußtseins beitragen kann und soll. Da finden wir aber leider, daß an vielen öffentlichen Knaben- und Mädchenschulen, trotz eines Erlasses, die Samstagstunde 11—12 für die israelitischen Schüler freizulassen, diese Stunde mit irgend einem Lehrgegenstande. meist einem minderwichtigen, bei Mädchen auch mit Handarbeit, belegt wird und so deit jüdischen Kindern, die au der betreffenden Anstalt numerisch stark vertreten sind, man könnte fast sagen, mit Absicht unmöglich gemacht wird, zum Gottesdienst zit kommen. Ja, sie kommen, außer vielleicht am ersten mib letzten Sabbath des Schuljahres, überhaupt in kein Gotteshaus. Kommt derartiges bei nichrjüdischen Schülern vor? Gewiß nicht. Und da m n ß, schon mit Rücksicht aus unser Schulgesetz, das eine religiössittliche Erziehung der Jugend verlangt. wir Juden können schon um des Odiums der Feigheit willen nicht den Reigen eröffnen. Daß der Menschenfreund dem Phänomene des Kriegs verhüllten Angesichts und trauernd gegenübersteht und daß der Jude, wie der Autor richtig ausführt, doppelte Gründe dafür hat. ist freilich wahr. „ (Die Redaktion.)