Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Di". Wahrheit Nr. 12. galizien das Haus Hager, Residenz Wiznitz am Czeremoß, . Bukowina. Es ist von sehr großer Wichtigkeit zu luiffen, daß in dem ersten nach ungarisch-deutschem Muster in Lemberg zusammengetrommelten „Schwarzenhundertkongreß" das Hans Friedmann! bewußt nicht vertreten war. Ich möchte noch erinnern, daß dieses Hans schon lange her wegen seiner Liberalität von einem Wutgeheul der „echleu Juden" aufs heftigste verleumdet, augekläfft und bekämpft wurde. Zweck aller dieser Ausführungen ist, zu zeigen, daß man in dem starren torqnemadischen Belzer-Starzynskl-System nicht den typischen Galizianer sehen darf. Den typischen Galizianer mich mau vom Hause Friedmann ablesen. Der Galizianer ist religiös, orthodox, aber nicht aus Gemachtheit und Gewolltheit, sondern aus Natürlichkeit. Nur ist er im Gritnde seines Herzens Chassid, d. h. mystisch, sentimental, romantisch, neuplatonisch gestimmt, demnach kein Pharisäer, keine starre, kalvinische Bnchstabenkreatur, vielmehr im Innern seines Wesens tolerant, liberal im edelsten Sinne dieses leider so sehr abgeuntzteit Wortes. Auf eine Formel zu pressen, würde ich sagen, dem Galizianer ist das Judentum Herzenssache und dürfte man ein Beispiel gebrauchen, so würde ich weiter sagen: So wie der Italiener, zum Teile auch der Spamer in der Tiefe seines Herzens katholisch ist und sich gerade infolgedessen Freiheiten yerausnimmt, worüber man sich im kalten Norden entsetzt (siehe das Fastenprivilegium der Spanier), ebenso geht es dem Galizianer. Er wurzelt im alten Judentum unzerstörbar und gerade infolge dieses Gotteskiudbewußlseins erlaubt er sich so manches, worüber man sich in orthodoxen, deutsch-ungarischen Kreisen entsetzt. Wird es aber e r n st. so steht alles wie ein Mann hinter der überlieferten Tbora, gerade wie die Antiklerikalen Italiens in der Kammer gegen die Ehescheidung stimmen, weil es der Wille des Papstes ist. Tritt man an den Gatizianer mit dieser heuristischen Maxime heran, so hat man einen sicheren Schlüssel für seine Vorzüge, aber auch für seine nicht unbeträchtlichen Fehler, und zwar sind es die Fehler aller romantisch gestimmten Naturen und Völker. Ueberschänmtheit und Nachlässigkeit, Melancholie und Ansgelaffeuheit, Lichtertvhbrennen und rasches Erlöschen, äußerste Energie und sofortige Mattigkeit, Ueberhebnng und Zerknirschung, Selbst- .bewußtsein und Schüchternheit, sanguinischer Optimismus und miserabelster Pessimismus wechseln miteinander ab. Dort, wo das Herz dem Kopfe, das Gefühl dem Verstände durchgeht, wie bei echten Romantikern, fehlt der Sinn für Regelmäßigkeit, Genauigkeit, Detaillierung, kurzum für das alle-!', tvas wir Form, Takt. Benehmen heißen. Idealisten sind schlechte Wirtschafter, und der romantische Süditaliener hat es in dieser Beziehung bis zur Klassizität gebracht. Höchstens wir Galizianer können ihm den Rang ablanfen. Nun ist es selbstverständlich, daß solche Naturen sich nicht ans eigener Kraft erheben können; in Angelegenheiten des Verstandes muß Galizien vom Westen geführt werden, die Führung muß eine derartige sein, daß sie das Teuerste, die Herzenssache nicht verletze. Idealisten sind eitel und der Galizianer ist es im höchsten Grade und verzeiht eine Verletzung sehr schwer. Vor allen Dingen darf man uns nicht verletzen und das ist geschehen — nicht jetzt, aber vor zwanzig Jahren. Der galizische Jude kann es Wien nicht vergessen, daß es il!in das Rabbinergesetz bescherte. Nie werdet Ihr es — und gerade dem liberalen galizischen Juden — beibringeu können, daß. nachdem man sich 25 Jahre den Kops mit staatlich geaichter Wissenschaft vollgepropft, man schon würdig sei, den Stuhl des Ture sahaw einznuehmeu. Ich betone ausdrücklich, nicht die Wissenschaft an sich bekämpft der Galizianer a 1a „Marmaros Sziget", sondern die Art und Weise der Erwerbung und die Qualität des Erworbenen. Das Rabüinergesetz hat das gerade Gegenteil von dem bewirkt, was es bezweckte. Wäre nicht dieses unglückliche, von maßgebender Seite angeregte Gesetz, so hätte sich durch Gründung von mit allem wissenschaftlichen Komfort altsgestatteten Jeschibhas eilt wahrhaft gebildeter Nabbinerstand, zu dem das Volk mit Ehrfurcht hinaufsieht, herausgebildet. So aber geschah das Gegenteil. Der seminaristische Gymnasiast wird nie das Vertrauen des Volkes erringen; das Gesetz fordert Gymnasiasten. das Volk will von ihnen nichts wissen — und die Schwarzen Hundert triumphieren. Resultat: Die Liberalen sind vor den Kopf gestoßen und mit Mißtrauen erfüllt, die Purischkewitsch und Krupeuski sind selbstverständlich gegen jede Organisation, und die großen Knltnsgemeinden sind einerseits indifferent, anderseits politisch auf das Wohlwollen der „echten Inden" angewiesen. Betrachtet man den Gemeindebnnd als eine religiöskulturelle Organisation, so mußte er notwendig das Mißtrauen, — natürlich ich für meine Person sage unverdientes — der gesamten galizischen Jndenheit Hervorrufen. Gewiß, will man den galizischen Zeitungen trauen, so ist das ganze Volk für die Organisation begeistert, nur die bösen „Moschke's" verhindern alles Gute. Aber so wenig die „Ehrwürdige" aus der Fichtegasse die Meinung des Wiener Volkes ansdrückl, so we,ilg die jüdische, namentlich die hebräische Presse, die größtenteils nationaltümelt die Meinung der jüdischen Masse ansdrückt, ebensowenig drücken die galizisch-jndischen Zeitungen die Meinung des Volkes über den Bund ans. Die Anhänger des Bundes sind nämlich diejenigen Kreise, deren Macht die hiesige Knltnsgemeinde bei den jüngst verflossenen Wahlen zu beobachten Gelegenheit hatte. Der „jüdische Klub" möchte in der Gemeindestube das nachholen, was er im Parlament ans „politischen Rücksichten" zit tun unterläßt. Also, als religiöse Organisation, wofür der Bund selbst nicht gelten will, findet er in Galizien keinen Anklang. Als wirtschaftliche Organisation, was der Bund ebenfalls nicht sein null, würde er Begeisterung finden, aber er wehrt sich gegen eine derartige Auffassung mit Leib und Seele. Will man doch im Westen von einer großzügigen Unterstützung Galiziens nichts wissen, und wurde doch der voriges Jahr gegründete Hilssverein in Galizien sich selbst überlassen, bis er zusammenbrach. Als politisch-nationale Organisation, wofür in den galizischen Massen trotz der bitter enttäuschenden jüdischen Klub-Politik noch immer viel Verständnis vorhanden ist — von seinem Gesichtspunkte ans mit Recht, — wird sich der Bund mit Händen und Füßen wehren. Wofür also sollte man sich in Galizien begeistern? Rechnet man noch dazu das natnrnotwendige, provinzlerische Mißtrauen gegen Residenz-Zentralisinns und Absolutismus, fügt man dann noch hinzu das Undemokratische der ganzen Organisation, — weder hat man die Massen befragt, noch haben sie ihre Spezialvertreter gewählt — merkwürdig, daß die erzdemokratischen Zionisten sich daran nicht stoßen —, so wird man begreifen, daß alle Tiraden der galizischen Zeitungen und einzelner Schreiber Wiens und der ausländischen Organe nichts anderes sind, als subjektiver Tratsch. Noch eins möchte ich bemerken, daß bei aller persönlichen Animosität gegen die galizischen Großkahal- Moschkes es doch sehr begreiflich ist, wenn sie. die als antonomistisch gesinnte Polen gelten wollen linb müssen, geradeso wie die Westösterreicher deutsch-zentralistisch' sind, ans landespolitischen Rücksichten den Eintritt in den Bund ablehnten. Hat doch Ungarn nur eine einzige gemeinsame Intervention (zugunsten der bosnischen Juden) abgelehnt, und man verhielt sich dieser Ablehnung gegenüber verständnisvoll. Galizien verdient es nicht minder. Will man Galizien ernstlich gewinnen, so muß man die Sache vor allem ans demokratische Grundlagen stellen, muß ein neues Programm entwerfen, muß es wirtschaftlich national ansgestalten, muß direkt au die Massen appellieren, sich mit den liberalen Rabbäim verständigen, tind es wird gelingen. Ob man sich dazu im Westen entschließt, bezweifeln wir. Dr. I. Sinnreich. Ist der gegenwärtige Antisemitismus zahmer als der non ehedem? (A p h o r i s m e u.) Man briet im Mittelalter die Inden bei Autodafss, ließ sie die eiserne Jungfrau küssen, linb was der Gräuel mehr waren, aber viele der Inquisitoren handelten wenigstens bona fide, nicht wenige derselben — wo nicht alle — glaubtet!, da