Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Nebaklion ». yibmmirtratiou: Wien, 11/, NvvaragcissL -7. TflfDDou ber Slnnteiei 153»!S Unabhängige Aeitfchrift für Mische '»uiltl.lDUvl . . . Jt 14.— | Ö.ilbiiiövifl' . » 7 - K. k. österr. Postsparkasia- Scheck-Konto Nr. 100.91S. Hill er I Hierein.' F»i Qultiidtvunitr: Dtc viermal gelvalt-il- Nonvareilie.Ueile 25 Heller. Erscheint jeden Kreita g. v>.»,,.,v"a . . » >» betrage liub m Wien zahlbar! >»,,»,iah, lg . . . S 'VIii v l j iinb klagbar. Motta : „Das Hiegel Wollt!» ist Wahrheit.!" j ö WnDcl tfbri l6! Ar. 13 Wie». 19. Min; 1909 Inhalt: Dokumente zur galizischen Judeufrage. — Ist der gegenwärtige Antisemitismus zahmer als der von ehedem? — Zur unsere großstädtische Jugend. — Das Kadischgebet. — Was erzählen die jüdischen Inschriften in den Katakomben Roms'? — Galizischer Hilssverein. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Eine gebildete Frau. — Austritte aus dem Judentum. — Polnisch-Singeu in den modernen Synagogen. Dokumente;in gali;ijchrn Indensrage. Der österreichische G e m e i n d e b u u d. Es ist schwer, Tagesereignisse objekiv zu betrachten, wir wollen es aber trotzdem versuchen. Was ist geschehen? Der Vertreter der ultraorthodoxen Richtung, der Rabbi von Belz, sowie die Repräsentanten der großen Gemeinden haben ihren Anschluß an die allgemeine jüdische Organisation verweigert, resp. gegen denselben starke Bedenken geäußert. Darob großer Lärm und erbitterte Gehässigkeit. Es soll nicht geleugnet werden, daß diesem Sichausschließen viel Menschliches, ja Allzumenschliches zugrunde liegt, anderseits darf man nicht übersehen, daß diese Tat gewissermaßen nur die Resultierende früberer Rechnungen ist. Es würde zu weit führen, sich im engen Rahmen dieses Artikels über historische, kulturelle und soziale Momente Galiziens anszulasfen, wir wollen hier nur erinnern, daß Galizien in Oesterreich eine Sonderstellung einnimmt, daß Galizien sozusagen mit der übrigen Monarchie faktisch nur durch Personalunion zusammenhängt, und daß Galizien, d. h. der Adel und die Beamten — das Volk zählt nicht — durch die nicht formell ausgesprochene Sonderstellung nun die Vorteile genießt, sich nicht aus eigener Tasche verwalten zu müssen. Es muß j weiter in Betracht gezogen werden, daß Galizien ein ausgesprochenes Agrikulturland ist — die Ansätze zur Industrialisierung sind so klein, daß sie keine Berücksichtigung verdienen — und infolgedessen, mit selbstverständlicher Ausnahme des Feudaladels, sehr arm ist. Leben also die galizischen Jltden schon politisch und sozial in einer von Westösterreich ganz verschiedenen Atmosphäre, so > kömmt noch hinzu die psychisch-geistige Kluft zwischen dem Osten j und Westen Oesterreichs. So wie der Krakauer Pole mehr Be-! Ziehungen hat nach Warschau, als nach Wien, so hängt der galizische Jude geistig viel mehr mit Chotim und Berditschew zusammen, als mit Prag und Brünn. Der echte bodenständige Galiziauer — von den Entwurzelten soll hier nicht die Rede sein — wird sich in der Kamieniec-Podolsker Synagoge sofort zu Hause fühlen, während der ihm von Wien importierte j Tempelgottesdienst, den er in jeder größeren' Stadt täglich vor Angen hat, ihm fremd und unverständlich bleibt. Ich kann es hier auch nicht unterlassen, auf den Unterschied zwischen dem galizischen und ungarischen altorthodoxen Juden aufmerksam zu machen. Der Ungar haßt den Tempel, der Galiziauer v e r st e h t ihn nicht. Und nicht nur dies, auch der ungarisch-deutsche, ja sogar der lithauische Orthodoxe mit seinem pedantisch reglementierten, paragraphierten Himmel bleibt ihm im Grunde seines Wesens fremd. Man darf nicht vergesfen, daß Galizien der Urquell des Chassidismus ist, und da ich voraussetzen darf, daß man auch schon in Westösterreich über die naiv-kindiiche Auffassung, im Chassidismus nur wüsten Altweiber-Aberglanben an „Wunderrabbis“ zn sehen, erhaben sei, sondern denselben in seiner ganzen Erhabenheit als die Romantik eines ganzen Volkes, als die erhabenste Erscheinung nach Esra begriffen hat, so wird mau hier zumindest verstehen, welche Kluft zwischen dem rationalistischen, real-nüchtern bis zur Trockenheit gestimmten Westen und dem jn Gott lebenden Osten vorhanden sei. Dieses gegenseitige Nichtverstehen, zu welchem die territorial oder psychisch entwurzelten O st j n d e n das meiste beigetragen haben, brachte und bringt bis zur Stunde über das österreichische Judentum, unsägliches Leid. Ja, ich wage die Behauptung, daß die maßgebenden Kreise im Westen über die galizischen Juden uichtsweniger als gut unterrichtet sind, da es ihre schriftlichen und mündlichen Auskunstgeber ebenfalls nicht sind. So wenig man die assimilierten abgefallenen Gemeinde-Repräsentanten der Großstädte als die wahren Vertreter des Volkes ansehen darf, ebensowenig darf man in dem geographisch begrenzten Belzetzer Karikatur-Judentum den typischen Volksgeist, zumindest den des Chassidismus suchen. Wie paradox es westlicheil Ohren, vielleicht auch manchem östlichen Ohr klingen mag, ich will es offen aussprechen: das so gefürchtete und als chasfidäischer Hort gehaltene Belz hat mit dem im galizischen Judentum lebenden, wahrhaften Chassidismus nichts zu tun. Dieser schlecht drapierte, auch territorial auf einige Kreise beschränkte Auch-Chasfidismns ist nichts mehr und nichts weniger als 68-er ungarische starre Hyperorlhodoxie in» Galizische übersetzt. Will man schon rabbäifche Repräsentanten als Symbole, als Ansdrncksweisen der galizisch-jüdischen Psyche haben, so kommt vor allem das Haiis F r i e d m a n n in Betracht, deren vornehmster Zweig inCzortkow residiert — Sadagora, der Stammsitz ist ganz heruntergekommen. Dieses älteste rabbäifche Haus, welches den Begründer des Chassidismus R. Ber Meseritsch zu seinen Ahnen zählt, dessen Autorität nicht nur in Galizien, sondern fast im ganzen russischen „AnsiedlungSrayon" mit Ausschluß Lithanens willig anerkannt wird, dieses weit verzweigte Haus repräsentiert so eigentlich den geistigen Typus, die Autorität des galizisch-russischen Juden. Dabei kommt noch in Betracht für die Bukowina und Südost-