Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 11 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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9ir. 10 Die Wahrheit Und dann, was können diese vereinzelten, zerstreilteu Schalen Tansenden und aber Tausenden jüdischer Kinder nützen? Einzelne Männer mit schwachen Krästen können, ohne das Vertranen der Nation, diese große Frage nicht lösen. Sv eine große Sache können wir nnr nach reiflichster Ueberlegnng entscheiden, um das wirkliche Leben mit der jüdischen Erziehung in Einklang zu bringen und dies kann nnr ein religiöses Zentrum vollbringen. Nur eine allgemeine Autorität, deren Wort sowohl nach außen als nach innen eine entscheidende Geltung besitzt, kann resormierte Schulen schaffen, die mit Oeffeutlichkeitsrecht ansgestattet und gegründet auf der Basis der Thora, des Glaubens und der Nation, mit dem wirklichen Leben übereinstimmen. Solange uns dieses Fundament fehlt, werden die Assimilanten von Tag zu Tag sich mehretl, entfremdet Gott, der Thora und ihrem Volke. Gesetzestrene Männer! Wenn Ihr diesen Namen wirklich verdient, lvenn derselbe keine falsche Etikette ist, so müßt Ihr einsehen, daß schon um der Erziehungsfrage willen der Gedanke einer religiösen Zentrale mit zwingender Kraft sich anfdrängt. Aber wir haben eine noch größere Frage, eine Frage, die nicht nur die zwei ersten Fragen, sondern alle materiellen und geistigen Güter der Nation umfaßt. Und diese Frage kann gewiß nicht ohne eine allgemeine Autorität gelöst werden — ich meine die nationale Frage. Diese nationale Bewegung, die die meisten Herzen der gegenwärtigen Generation gewonnen, diese Begeisterung, die wir seit Esra und Rabbi Akiba nicht gesehen, dieses Wiedererwachen, daß längst abgefallene Juden nun vor aller Welt rufen: „Wir sind Juden, wollen Inden bleiben," so eine öffentliche Rückkehr führt gewiß zum Wiederaufleben des Judentums, der Inden, erhebt das Ansehen der Thora, führt zur Gottesliebe, — diese Rückkehr könnte der Anfang der Erlösung sein. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß es unser Unglück und das Unglück der Nationalen ist, daß sie Inden zu sein glauben, ohne jüdische Religion, Thorasrende — ohne Thora . . . Die Gesetzestrene:: sehen in diesen Brüdern, denen Religion nur Privatsache, kein nationales Gut ist, nnr Gottesleugner und Abtrünnige. Umgekehrt müssen die Nationalen in Gesetzestrene::, die, dem Nationaljndentnm abhold, sich mit seinen Feinden verbinden, nnr s i ch assimilierende religiöse Juden sehen. Ein tiefer Abgrund scheidet diese beiden Lager. Und obwohl gerade in dieser Zeit die Lage des Judentums mehr denn jemals die Vereinigung aller Kräfte erfordert, so gibt es nirgends im Lager der Gesetzestrene:: einen Mann oder Männer von Bedeutung, die den Mut fänden, anfzutreten und ihre Meinung ansznsprechen, daß es nnnmehr dringend ist. von der einen Seite nach der anderen eine Brücke zu schlagen, daß die Nationalen in ihr Programm die jüdische Religion anfnehmen müssen, die Religiösen die jüdische Nationalität. Gesetzestrene! Es geht nicht mehr an, sich in den Mantel des Schweigens zu hüllen oder sich ferner au die Regel halten: „Das Neue ist von der Thora verpönt." Wenn Ihr weiter gleichgiltig znseht, wird das Volk, dessen Angen nun längst geöffnet (Beweis: die Wahlen), sich seine Wege allein suchen, und das religiöse Judentum wird von Stufe zu Stufe sinken, bis es von selbst verschwindet. Wollt Ihr das, Gesetzestrene? Schreckt Ihr nicht vor dieser furchtbaren Zukunft zurück? Werdet Ihr noch weiter starrsinnig bleiben, die Ohren wegwenden von der Wahrheit, um sie nnr nicht zu hören? Gesetzestreue! Ihr seht, das Jndentum steht jetzt auf dem Scheidewege nnd wir haben niemand, der für uns zur Wahlstatt ginge. Wollen wir in Wahrheit den Sieg des religiösen Judentums, so haben wir keinen anderen Ausweg, als der alten Dynastie die Krone wiederzngeben, den historischen Boden dort wieder anznknüpfen, wo er zerrissen wurde, alle Kräfte der Gesetzestrene:: zu vereinigen, ein Zentru m, eine allgemeine religiöse Autorität zu schaffen. Gesetzestreue! Der Sieg des religiösen Judentums hängt von der Einigkeit der Kräfte ab und. wenn Ihr Großes wollt, entschließet Euch! _ Dr. I. L-innreich. Seite 5 Zionismus nnd Palästina. I a f f a. am 21. Februar 1909. Hoch gehen die Wogen Der zionistischen Diskussionen. Eine nicht unansehnliche Literatur verdankt dem zionistischen Eifer ihr-Dasein. Das Judentum wird gewaltsam aus seiner Lethargie wachgerüttelt. Kongreß nnd Presse verkünden dem jüdischen Volke einen neuen herannahenden Frühling. In ergreifenden Reden schildern hervorragende Meister des Wortes das jüdische Massenelend, verbildlichen den jeder Kultur und Zivilisation hohnsprecheuden Antisemitismus, überzeugen das jüdische Volk von der Fruchtlosigkeit des Hinnnd Herwanderns und stellen ihm durch das geschaffene Baseler Programm eine Heimstätte in Palästina in Aussicht. Diese Botschaft wurde von einem großen Teile der denkenden Jndenheit mit großer Begeisterung anfgenommen. Die hochklingenden Worte wurden gierig anfgesvgen und ein Senkblei in die Seelen der nach Idealen sich sehnenden Jugend vertieft. Dreizehn Jahre Zionismus. In Sans nnd Braus, durch Streit und Hader, durch hochtrabende Selbstsicherheit, durch scharfe Polemik alle Proteste und Hindernisse niederreißend, erlebt diese Lieblingsidee ihre Barmizwah. Unterdessen hat sich die jüdische Lage immer verschlechtert, die Existenzberechtigung in allen Golnsländern unerträglich erschwert nnd im rapiden Wachstum desNativnalitäten-Chauvinismns un me ns ch l i ch er gesta ltet. Und Palästina? Und die m t solcher Vehemenz in Aussicht gestellte Gründung einer Heimstätte? Hat der Zionismus die Ermöglichung seiner Verheißungen angestrebt? Mit nichten? Der Zionismus hat sich ganz anders gestaltet. er ist seiner ursprünglichen Idee vollständig entrückt worden. Die Heimstätte in Palästina wurde als Aushängeschild, bloß als Reklamemittel ausgenntzt nnd ein Palästina en miniature wird den eifrigen Anhängern in Form einer A n s i ch t s - P o stkarte geboten. Was Wunder, daß die zionistischen Abgaben auf ein Minimum herabgesnnken, daß die ehemalige zionistische Armee, die nahezu eine halbe Million Schekel nnd Kongreß-Organitationen zählte, aus eine kleine Schar begeisterter Anhänger sich reduzierte. Das unter zionistischer Firmatafel mit schreiender Reklame feilgebotene Palästina blieb unberührt. Die begeisterten Reflektanten fanden ein reich assortiertes Lager allerhand nationaler, kultureller, sozialer Gegenwartsfragen, aber kein Palästina. Obwohl kein jüdisch Denkender die Richtigkeit dieser Thesen in Abrede stellen wird, findet jedoch dieses Potpourri arge Bekämpfung und gereizte Gegnerschaft, verbunden mit einer galligen Polemik. Die unnötigen Beigaben haben den uralten Nährstoff verkennen lassen, das historisch-traditionelle, das unvergeßlich ewig altnene Ideal duldet keine allznschwere Belastung. Die Gedrückten sögen gierig die hochherzigen Ideale ans, während die Tolerierten durch ihre Erziehung und Weltanschauung entweder schmollend ferublieben, oder in beschämender Apathie ihre Teilnahmslosigkeit bekundeten. Die grandiose Dokumentierung der stark pulsierenden Lebenslust einerseits und die Amalgamiernngssucht anderseits entfach len heftige Streitigkeiten, welche die Aufmerksamkeit der Zionskämpfer vom eigentlichen Ideal ablenkten. Der im Golns um die Zionsidee, aber nicht für Erez Israel wogende Kampf hat die Altzionisten entfernt und die Assimilauten nicht näher gebracht, sondern erbittert. Hingegen vermögen die so gelichteten Reihen der wackeren Zionskämpfer kaum die unentbehrlichen Parteikosten zu bestreiten. Palästina war dem jüdischen Volke noch nie io nahe, wie in der gegenwärtigen ottomanischen Renaissanceperiode. Der große, geschichtlich noch nicht dagewesene Moment, darf kein kleines Geschlecht vorfinden! An den Golnsströmen der Donau und der Wolga können die herrlichsten Zionsideale nnr kümmerlich durch außerordentlichen Kraftverbrauch dahinfristen. Dort im barbarischen Norden können diese edlen Pflanzen nicht gedeihen. An allen eifrigen Kämpfen für die herrlichsten Knlturideale haben die Juden wackeren Anteil genommen, aber immer nnd überall schnödesten Undank geerntet. Das darf der Zionismus, der sich die Er-