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Die Wahrheit · 1909-03-12 · Heft 11 (12.3.1909) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 11 (12.3.1909)
Date
1909-03-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 11. Stande des religiösen Judentums zufrieden?" Utld wenn ihr keine Starzynski - Schtvärmer seid, müßt ihr gestehen: Die Wahlen haben es der ganzen Welt gezeigt, daß etwas faul ist im Staate Dänemark! Wie heißt dieses Ding? Wo ist es zu suchen? Und durch welche Mittel können wir es desinfizieren? Doch ich will nicht in Parabel und Metapher sprechen, denn tödlich krank ist das religiöse Jndentnm und die Heilung muß am raschesten eiutreten. Der kraute Organismus kann nicht mehr warten. Bor allem müssen wir die Wurzeln des alten gesunden Judentums untersuchen, um die Quelle seiner Kraft zu kennen. Haben mir diese entdeckt, so wissen wir auch, wie das gegenwärtige kranke Judentum zu behandeln sei. Auch jetzt werde ich keine tiefen Geheimnisse offenbaren, wenn ich sage: Die Lebensqnelle unseres Volkes, seitdem es zur Nation geworden, war bis etwa vor 200 Jahren die geistige Zentrale, welche sich von Generation auf Generation vererbte. Mit anderen Worten: In Fragen der jüdischen Allgemeinheit wurden die Meinungsverschiedenheiten nie stabil, sondern die Weisen jeder Generation hielten stets ihr Auge offen für den Gang der menschlichen Entwicklung im allgemeinen und des jüdischen Volkes im besonderen und urteilten über jede neu auftailchende Strömung ohne Nebengedanken, ohne Vorurteile, bloß vom Standpunkte der ewigen jüdischen Psyche und der überlieferten Thora. Erst nach langem und gründlichem Untersuchen und Forschen fällten sie ihr Urteil, und indem die ganze Jndeuheit sich ihrem Urteile für alle Zeiten unterwarf, wurden die Reformen und Verordnungen zum Besitztum der ganzen Nation. Ihr gesunder Organismus schied immer diejenige, t Gedanken und Parteien aus, die vom wahren Weg der Thora abwichen und sich den Weisungen der Chachomim und Sehoftim, die den Stuhl Mosis innehaben, nicht fügen wollten. Aus Gründen, die an dieser Stelle nicht erörtert werden können, wurde das Band, das Israel in der Diaspora einte, zerrissen. Verloren ging die allgemeine Autorität. Der würgende Individualismus erhob sein Haupt unter unseren Führern und unser Volk gleich, einem verirrien Schaf. In allen Dingen des Judentums herrsch, vollständige Anarchie und vor jeder Frage, die an die Türen der Judenheil pocht, stehen die Gesetzestreuen, zerstreut und zerrissen, in Parteien zerklüftet, ohne Grundgedanken und ohne Programm, ohne Zentrale und ohne Führer. Gesetzestreue! Die Krankheit des religiösen Judentums ist das Verlorengehen der allgemeinen Autorität; von dem Tage an. da wir d i e Autorität mit Autoritäten vertauscht haben, wurde unser Schicksal erfüllt. Unser furchtbarer Feind ist der lügenhafte Gedanke, der seinen Ansgang von den Köpfen der „Starzynski-Lneger-Schwärmer" nimmt, der selbstmörderische Gedanke, daß die Zentralisanon der Orthodoxen eine Gefahr für das religiöse Judentum bildet. Diesen Satan, der sich in das Gewand der ..Gottesfurcht und Gesetzes treue" hüllt, müssen wir mit denselben Mitteln bekämpfen, deren sich unsere tapferen Vorfahren gegen alle Verräter und Verführer bedienten. Menschen, die gegen die Gründung einer religiösen Zentrale kämpfen, verdienen.öffenllich an den Pranger gestellt zu werden. Es find dies Schüler des Jerobeam bei, Nabot, Sünder und Verführer des Volkes. Gesetzestrene! Die Kraft des Judentums ist noch nicht versiegt. Sein Organismus ist frisch und gesund, nur fehlen uns die Führer. Die Zentrale fehlt uns, eine Autorität. Ihr Mangel war unser Verhängnis in der Aufklärungsperiode, ihr Mange! war unser Verhängnis in der Rabbinerfrage, ihr Mangel war unser Verhängnis in der Frage der Erziehung und ihr Mangel unser Unglück in der allergrößten Frage, in der Frage des Nationalismus. Es ist hier nicht der Ort, die Frage der Aufklärung und des Unterrichts des Breiten auseinanderznsetzen. Sie gehört in das Gebiet der Geschichte. Wir wollen nur andenten, daß. wenn wir eine geeinigte stramme Führung hätten, wir wirklich in der Lage wären, die jüngsten Regungen des nationalen Körpers dazu zu benützen, um wenn schon nicht das Wiederaufblühen der Nation, so doch wenigstens ihre Gesundung herüeizuführen, indessen die Art, wie jene vitale Frage gelöst worden, nichts anderes denn die Zerstörung der Nation herbeiführen müßte. Hätten wir eine Zentrale gehabt, so hätte sie voraussehen können, daß der Strom der Aufklärung — eine Folge der veränderten politischen und ökonomischen Verhältnisse unseres Landes in den Fünfzigerjahren,— eine weitere mit unerbittlicher logischer Konsequenz herbeisühren werde: Die Rabbinersrage. Und Lichten wir eine vernünftige autoritative Leitung gehabt, so hätte sie diese wichtige Frage durch moderne staatliche Lehranstalten, wie z. B. die „Jeschiba" des Rabbiners Kuk in Jaffa, gelöst. Da würde der angehende Rabbiner eine theoretische und praktische Ausbildung genießen und auch mit anderen Wissenschaften vertraut werden. Und kaum Hütte die Regierung gemerkt, daß die Inden unseres Landes eine Organisation haben, die die Repräsentantin und Bevollmächtigte des Volkes ist. so würde sie gewiß nichts in Sachen der internen jüdischen Angelegenheiten unternommen haben, ohne jene zu befragen und umso weniger in einer Angelegenheit, die wie die Rabbinerfrage mit dem Leben und der Zukunft des Judentums so eng verknüpft ist. Aber die Gesetzestreuen haben die lange Friedenszelt verschlafen, als Organismus kein Lebenszeichen gegeben, und so konnte der Staat ihre Forderungen und Bedürfnisse nicht kennen und befragte einzelne Assimilauten, die es nur dem Zufall zu verdanken hatten, daß sie als Juden geboren wurden und nach dem kurzsichtigen und oberflächlichen Wissen dieser ihrer besonderen Anhänger hat die Regierung die Rabbinerfrage gelöst. Welche Aussichten bieten sich nun für die Zukunft in Galizien? In kleinen Städten, von denen so manche mehr Juden enthält als ganze Provinzen in Deutschland, werden die erblichen Rabbiner bleiben, die, bar alles Wissens, mit ihrem ganzen Habitus nur ein mitleidiges Lächeln bei jedem vernünftigen Menschen Hervorrufen müssen und so manchen Juden dazu bringen, daß er ihretwegen das Judentum verachtet und verspottet. Und auch in den großen Städten werden die „Gaouim" mit Dispens, dem Freibrief für Armut an Geist und Wissen, amtieren, und das Judentum und die Thora werden immer mehr in den Augen eines jeden Kulturmenschen sinken, bis ihr Wert und Bedeutung gänzlich schwindet, oder — es werden an ihre Stelle junge Leute kommen, die ihre b e st e n Jahre mit allem v e r b r a ch t haben, nur nicht mit dem T h o r a st u d i u m, bei denen von Gottesfurcht und Liebe der Thora und .ihrer Gebote keine Rede sein kann, die ihre Köpfe mit Bibelkritik ä la Wellhausen und Genossen, deren Ziel die gänzliche Ausrottung des Judentums ist, vollgefüllt haben. Ob schließlich die Alten oder die Jungen die Oberhand gewinnen, es ist für uns eins und dasselbe, ob so oder so, das Jndentnm wird inzwischen verloren gehen. Gesetzestrene! Wer hat das alles verschuldet, wenn nicht unsere Trennung in Parteien und Köterien? Wer trägt die Schuld, wenn nicht der Mangel an einer allgemeinen Autorität? Das grenzenlose Unheil, das uns durch den Mangel derselben auf dem Gebiete der Kindererziehnng erwachsen, ist jedermann bekannt und so will ich diesen Pilnkt nur beiläufig erwähnen. Wer von uns hat wenigstens einmal in seinem Leben diesen Schmerz nicht gefühlt? Ein Meer von Tinte sst über diesen Gegenstand verbraucht worden, verbunden mit Klagen, Kritik, Vorschlägen, Reformen. Und nach all dem steht die Frage der Erziehung ans demselben Fleck, nicht um einen Schritt ist sie weiter gebracht worden. Unsere Volksgenossen haben sich derart an den Gedanken, daß die jüdische Erziehung nur müßige hilflose Kreaturen gedeihen läßt, gewöhnt, daß sie dies als ein Naturgesetz betrachten, und so gehen uns jahraus jahrein die auserlesensten Kräfte der Nation verloren, die sich anderen Völkern zuwenden, sie bereichern, während wir selbst verarmen. Gesetzestrene Brüder! Es ist nicht meine Absicht, Euch zu überreden, daß Ihr Eure Söhne und Töchter in das reformierte „Cheder" schicket, die nach Eurer Meinung nur gefährlich .sein können. Gott bewahre! Wie kann ich von Menschen, denen die Thora über alles geht, verlangen, ihre Kinder Schulen zn überlassen, deren Hauptprogramm nur die hebräische Sprache bildet.

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