Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. Die Wahrheit Seite A. Berlin. Das Deutscbe Bureau der Alliance Jsraslite Universelle “teilt mit. daß das Ceutral-Comiree der Alliance in einer Sitzung von -Ende Februar Herrn Rabbiner Professor Israel L e v i und Herrn Bildhauer Hannaux — diesen an Stelle des ansgerreteneu Herrn Felix A l c a n — kooptiert hat. Fenilleton. |>fs reichm Inden Krankes Kind. Purim-Erzählung von Eduard Kaufmann. Salvmon Goldschmidt durchmaß mit großen Schritten das Zimmer. Danll und wann blieb er stehen, strich sich mit nervöser Hast über die Stirne, um die dunklen Gedanken zu verscheuchen. Aber es wollte ihm nicht gelingen. Immer wieder kamen sie, mit immer größerer Macht drängten sie sich ihm aus. Plötzlich fuhr er zusammen. „Sterben, mein Kind sterben!" murmelte er, „unmöglich! Mein, das kann, das darf nicht sein! Mein teures Kind soll mir entrissen werden? Ach, wozu dann mein Leben? O, großer Gott, da droben, nur das tue mir nicht! Du wirst es ja nicht tun!" -Und doch!-Wie hatte der Arzt, der ihn soeben verlassen, gesagt? „Der Zustand Ihres Kindes zwingt mich, Ihnen zu sagen, daß das Aenßerste zu befürchten ist." Ein Schauer schüttelte den starken Mann bei diesem Gedanken, es duldete ihn nicht länger im Zimmer, er mußte sich überzeugen, ob der Arzt die Wahrheit gesprochen. Und er eilte durch die zahlreichen Gemächer und öffnete die Türe des hellen Zimmers, in dem die kleine Kranke lag. Doch da flüsterte ihm die Gattin zu. daß die Kleine schlafe. Behutsam schloß er wieder .die Türe, entfernte sich leise, ganz leise, linb wagte kaum zu atmen, damit er sein Kind nicht störe. Drin aber lag die Kranke, in mächtige Kissen gebettet. -Sonderbar stach das dunkle Haar von dem schneeweißen Linnen ab und umrahmte das entzückende Köpfchen, das in tiefe Fieber- ,glut getaucht war. Nur die Lippen waren bleich und ihnen entströmte von Zeit zu Zeit ein schmerzliches Stöhnen. Dann aber fuhr immer die Mutter zusammen, die sorgenvoll über ihr Kind gebeugt, am Bette saß. Vorsichtig hielt sie die Hand der Kranken und hütete vorsichtig jeden Atemzug ihres Lieblings, so wie sie es seit Wochen tat, Tag und Nacht, mit einer Aufopferung, deren nur eine Mutter fähig ist.-Plötzlich erwachte das .Kind, schloß aber, von der Lichtflnl geblendet, sogleich wieder die Augen. „Wie hast Du geschlafen. Elschen?" „Nicht gut, Mama! Auch bin ich so müde und matt." Die Mutter reichte dem Kinde einen erfrischenden Trank. Und während sie sanft und tröstend zu dem Kinde sprach, hörte man draußen plötzlich ein leises Weinen. Da lauschte die Kranke. „Wer weint. Mama?" „Sofort will ich sehen." Und sie drückte aus die Klingel. Der Diener erschien und erklärte ans die Frage der Dame, ein kleines Mädchen stehe vor der Türe, zitternd vor Kälte, und bitte mit heißen Tränen in den Augen, sie nur ja nicht hinwegzujagen, gerade heute nicht, denn heute sei — doch er habe das Wort nicht verstanden — „Purum" oder „Purim" sage sie. „Nein, die Arme soll nicht frieren und hungern! Johann soll sie hereinbringen zu mir, damit sie sich wärme, nicht wahr, Mama?" „Was fällt Dir ein, Herzchen, Du mußt jetzt ruhig liegen .bleiben, damit Du früher gesund wirst. Johann wird schon für .das arme Kind sorgen und es nicht fortschicken." Frau Goldschmidt gab dem Diener noch einige Aufträge und eilte dann wieder ans Bett ihres Kindes. Eine Weile lag die Kranke ruhig da, dann sagte sie lebhaft: „Mama, lass'doch das Mäderl hereinkommeit. Schau, bitte!" „Morgen. Elschen; denn morgen wirst Du wieder ganz gesund sein." „Was iü das. Purim. Mama!" ..Purim? Ich weiß es nicht, Elschen!" „Was ist das. Mama? L-ag's mir doch!" „Ich weiß es wirklich nicht, Liebling." „Aber, wenn D n es nicht weißt, so rufe das Mäderl. s i e wird es wissen." „Jetzt nicht, Elschen. Du wirft doch ein braves Kind sein und folgen." „Nein, ich will, ich mag nicht!!" Und nut jenem Eigensinne, der dem gefährlich Kranken so eigen ist, beharrte das Kind bei seinem Wunsche. Vergebens waren die Worte der Mutter. Immer mehr regle sich die Kranke aus, das Gesicht des Kindes ward bleich. Da hielt es Frau Goldschmidt für geraten, den Wunsch des Kindes zu erfüllen. Sie erhob sich, ging hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken mit einem lieblichen Kinde an der Hand zurück. ..Da ist das Mädchen, Else!" und sie führte das Kind zum Bette der Kranken. „Ach, Dir ist kalt. Du zitterst ja am ganzen Körper," rief Elschen, und strich mitleidsvoll mit der fieberheißen Hand über die falten Wangen der Frierenden. „Armes Kind, Du sollst Dich bei uns wieder erwärmen und kräftigen! Setz' Dich doch! Warum sorgen Deine Eltern nicht für Dich?" „Ich habe keine Eltern mehr," sprach schüchtern das Mädchen und schloß, geblendet von der Pracht, die im Zimmer herrschte, die Angen. „Wie heißt Du?" fragte Else. „Ruth." „Rtlth. ruhe Dich erst aus, dann aber sage mir, was ist das, Purim?" „Da öffnete Ruth die Augen und blickte erstaltnt auf die kleine Kranke. „Weißt Du das nicht? Ach so, Du bist wohl eine Christin?" „Nein, ich bin eine Jüdin. Nicht wahr, Mama, ich bin eine Jüdin." Die Dame nickte. „Ich weiß aber nicht, was das ist. Purim." „Purim," sagte Ruth, „ist ein schönes Fest, das die Inden zur Erinnerung an die Errettung aus großer Gefahr Jahr für Jahr feiern." „Welche Gefahr war das? Wie wurden sie gerettet? Bitte, sage mir das!"- Da begann das Mädchen zu erzählen, erst stockend, befangen, dann immer mutiger, von Esther, wie sie Königin geworden, und vom Bösewichte Haman, der die Juden verderben wollte, wie aber Esther für ihr Volk das Leben gewagt und die Juden gerettet habe.-Die süße Stimme des kleinen Mächens klang lieblich, melodisch, und als sie von der großen Gefahr und der Rettung der Inden sprach, lag innige Wärme und Liebe in ihrer Stimme. Da klang es, als ob ihre Stimme bald klage, bald jauchze. Tiefgerührt war Frau Goldschmidt. Die kranke Else aber blickte wie bezaubert auf die Erzählerin. Als diese ihre lange Erzählung beendet hatte, rief die Kranke: „O, so schön hast du erzählt, so herrlich! Gelt, du wirst mir noch viel über das schöne Purimfest sagen?-Aber ich bin jetzt so müde, Mama." Da drückte die Mutter das Kind sanft auf die weichen Kissen nieder.- Bald schlief die Kranke und glückseliger Freudenschlummer verklärte das schöne Gesichtchen. Frarr Goldschmidt aber winkte Ruth und führte sie arrs dem Zimmer; freundlich sprach sie zu dem Kinde und versprach ihr, daß sie solange bei ihr bleiben dürfe, bis sie sich wieder ganz erholt habe. Nach einigen Stunden ruhigen festen Schlafes erwachte die Kranke sichtlich gestärkt; das Fieber hatte bedeutend nachgelassen. Und als der Arzt, selbst erstaunt, eine deutliche Besserung konstatierte, da kannte die Freude der Eltern keine Grenzen. — Else aber verlangte sogleich nach ihrer neuen Freundin. Freudig rief sie dieser zu: „Ich habe so süß geträumt von all dem Schönen, das du mir erzählt hast. Ich höre dich so gerne. Bist du mir böse, wenn ich dich bitte, von jenem Feste mir weiter zu erzählen?" Mit ihrer klangvollen Stimme Hub Ruth wieder an zu berichten, wie in ihrer fernen Heimat, in Rußland, das Pnrimfest gefeiert wurde. — Ja. sie erinnere sich noch genau darail! Nie werde sie an Purim vergessen; denn das sei stets der schönste Tag des ganzen Jahres gewesen. Da konnte selbst der