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Die Wahrheit · 1909-03-05 · Heft 10 (5.3.1909) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 10 (5.3.1909)
Date
1909-03-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Delle 6. Die Wahrheit Nr. 10. führen. Nach dem Muster vou Elberfeld ist aber iu beinahe sämtlichen deutschen Grenzstädten die Armenpflege durchgeführt. In Wien ist es unbedingt notwendig, daß wir alle beteiligten Kreise zu einer Aktion vereinige n. Es geht nicht an, daß von den großen Vereinen jeder nach seiner Richtung und Privatmeinung weiter strebt. So wie in Berlin die Alliance israelite, der Deutsche Hilfsverein und die Kultusgemeinde einträchtig Zusammenarbeiten, müßten sich a u ch b e i u n s d i e Allianz, d i e A r m e n e n a n st a l t und die K u l t u s g e m e i n d e zu einer gemeinsamen Aktion aufraffen. Wenn wir in dieser Weise zielbewußt arbeiten und anwenden, was bereits in aller Welt anerkannte und bewährte Einrichtungen sind, dann werden mir dahingelangen, daß wir tatsächlich ausführen, was das Wort „Zdokoh" bedeutet, die Erfüllung der Pflichten des Besitzes, die nichts anderes ist, als die Erfüllung unserer sozialen Pflichten. (Lebhafter, langanhaltender Beifall). An den Vartrag schloß sich eine kurze Diskussion, bei welcher sich die Herren kais. Rat Dr. Krüger, Sekretär Krauß und Engel beteiligten. Das Leben und Wirken der Inden in Oesterreich in normärzlichen Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Bon Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Von den zahlreichen Beispielen der Ehrlichkeit, Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit, die sich im Talmud ftnden, mögen hier einige angeführt werden. R. Safra, ein hervorragender Lehrer der talmudischen Zeit, besaß einen Edelstein, den er zu veräußern beabsichtigte. Da kamen einige Kaufleute und boten ihmfünf Münzen für denselben an. Da er jedoch zehn Münzen verlangte, so unterblieb vorläustg das Geschäft. Bald nach ihrem Weggehen faßte R. Safra den Entschluß, den Edelstein jenen Käuflenten für fünf Münzen zu überlassen. Am andern Morgen besuchten die Kaufleute abermals den frommen Rabbi, als er gerade sein Gebet andachtsvoll verrichlete. „Nun, wie habt ihr euch entschlossen, seid ihr geneigt, das Geschäft mit uns zu machen?" war die erste Frage der Kaufleute. R. Safra schwieg. „Gut," riefen sie ihm zu, „ihr braucht uns nicht zu grollen, wir geben euch noch zwei Münzen zu." R. Safra aber schwieg noch immer. ..Wenn ihr nicht wollt, so geben wir euch die verlangten zehn Münzen." Kaum aber hatte der fromme Rabbi sein Gebet beendet, als er seine Gäste sreundlichst begrüßte und ihnen zurief: „Meine Herren, ich war, wie ihr gesehen habet, im Gebet vertieft, daher wollte ich mich nicht unterbrechen. Was nun das Geschäft betrifft, so habe ich mich bereits gestern, bald nach euerem Fortgehen, entschlossen, eueren mir gebotenen Preis anznnehmen, weshalb ich nicht mehr als fünf Münzen für den Edelstein nehmen darf." (Mkk. 24. B. Batr. 88.) Einst, so wird im M. Rabba 292 erzählt, haben zwei Freunde den Rabbi Pinchas b. Jair besucht und erfreuten sich daselbst der liebevollsten Aufnahme. Vor ihrer Abreise vergaßen sie zwei Maß Gerste, die sie ihm zur Aufbewahrung übergeben hatten, mitznnehmen. R. Pinchas, der erst nach ihrer Abreise die zurückgelassene Gerste bemerkte, war im ersten Augenblick in Verlegenheit, da er nicht wußte, wa§ er damit anfangen sollte. Er entschloß sich endlich, die Gerste auszusäen, die ihm tatsächlich eine ausgezeichnete Ernte brachte. Da aber die Freunde, die eine weite Reise nnternahmeit, nicht sobald zurück kamen, setzte Rabbi Pinchas die Aussaat der Gerste sieben Jahre fort, so daß er gezwungen war, für den daraus gezogenen Gewinn einige Magazine in Anspruch zu nehmen. Nach sieben Jahren kamen endlich die zwei Freunde von ihrer weiten Reise zurück und verfügten sich zu R. Pinchas, um ihn um die Rückgabe der seinerzeit dort vergessenen zwei Maß Gerste zu ersuchen. Der edle Rabbi öffnete ihnen mehrere Magazine, die dicht gefüllt waren, und sagte: „Hier habt Ihr Euer Eigentum." Die Schüler des R. Simon b. Schetach hatten ihrem frommen, gottergebenen Lehrer, um ihm sein höchst beschwerliches Hausierergeschäfl wenigstens teilweise erleichtern zu können, einen Esel gekauft; und als sie am Halse desselben ein mit Diamanten besetztes Halsband bemerkten, freuten sie sich sehr und wollten dem Rabbi zu diesem glücklichen Funde gratulieren, allein er trug ihnen auf, den Schatz dem sarazenischen Verkäufer sofort zurückzustellen, da derselbe nicht zum Kaufe gehörte (ibid.). Solche und ähnliche Beispiele der Ehrlichkeit ließen sich aus Talmud und Midrasch noch sehr viele anführen. Sehr interessant sind auch die auf Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit Bezug habenden Lehren der bedeutendsten rabbinischen Autoritäten des Mittelalters. In dem „Buche der Frommen" des R. Jehuda b. Samuel ans Regensbnrg heißt es: „Täusche niemand absichtlich durch Deine Handlungen, auch keinen N i ch t j n d e n; seid nicht zänkisch gegen die Leute, w e ß Glaubens sie seien" n. s. w. (Vgl. §§ 7, 51, 74, 311, 426.)*) Der berühmte Lehrer Rabbi Ascher b., Jechiel (geb. 1250), der sich, um den härtesten und grausamsten Verfolgungen, denen die Juden Deutschlands im 13. Jahrhundert ausgesetzt waren, entgehen zu können, gezwungen sah, mit seinen acht Söhnen und Enkeln die Heimat zu verlassen und nach Spanien auszuwandern. schrieb unter anderem in seinem Testamente folgenden Satz: Bleibe dankbar jedem, der Dir zu Deinem Brote geholfen; sei aufrichtig und wahr gegen jedermann, auch gegen Nichtjuden; grüße jeden zuerst, ohne Unterschied des Glaubens; erzürne keinen fremden Glaubensgenossen." Solch edlen Grundsätzen und Prinzipien hat auch der fromme Jude in vormärzlicher Zeit iu Oesterreich gehuldigt, wenn er aber dennoch so vielen Verfolgungen und Bedrückungen preisgegeben war, so geschah es einzig und allein aus religiösem Fanatismus. Was Wunder also, daß die armen Inden, die ganze Woche dem Freitag mit Freuden entgegensahen, um am Sabbath bei ihren Familien für all die Leiden und Qualen, die ihnen draußen bereitet wurden, reichen Ersatz und Entschädigung zu stnden. _ (Fortsetzung folgt.) Saror» Hora; Gnnchnrg. Nach langem, schweren Leiden ist der bekannte Petersburger Philanthrop Baron Horaz Günzburg Montag, den 1. März nachts in- Petersburg im 76. Lebensjahre gestorben. Er erfreute sich der größten Sympathien und Hochachtung in Rußland und namentlich in der dortigen jüdischen Bevölkerung, deren Fürsprecher in den bedrängten Tagen er wiederholt bei den Mächtigen Rußlands war, mit denen ihn sehr freundliche Beziehungen verknüpften. Während der Jndenversolgnngen in Rußland suchte er einerseits die Sympathien Europas für seine Glaubensgenossen in werktätiger Weise zu wecken, andererseits intervenierte er für die Bedrängten bei den Regierenden Rußlands und auch bei Hofe. Wiederholt hat ihn der Zar ausgezeichnet lind persönlich empfangen. Intime Freundschaft verband ihn mit vielen Staatsmännern Rußlands, insbesondere aber mit Witte und auch dem Grafen Tolstoi, dem liberalen Unterrichtsminister in der ersten revolutionären Aera nach den russischen Niederlagen auf den Schlachtfeldern der Mandschurei, und ebenso mit dem liberalen Oberprokureur des heiligen Synod Fürsten Oboleusky, dem unmittelbaren Nachfolger Pobiedonoszews. Als Baron Günzburg vor sechs Jahren seinen 70. Geburtstag feierte, zeichnete ihn Zar Nikolaus II. durch Berleihung des Annen-Ordens erster Klasse ans, den ihm im Namen des Kaisers der damalige Minister Witte persönlich überbrachte. Seit langen Jahren war Baron G ü n z b u r g bereits im Besitze des Titels eines wirklichen Staatsrates mit dem Prädikat „Exzellenz." Baron Günzburg ist oft nach Wien gekommen, wo seine Tochter Mathilde lebt, die Witwe des verstorbenen Dr. Ludwig v. G u tm a n u. Er hinterläßt sechs Söhne und drei Töchter. Der älteste seiner Söhne ist der in Petersburg lebende Orientalist und Sprachforscher Baron David Günzburg. der jüngst Forschungen über den Ursprung der baskischen Sprache in den Denkschriften der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Petersburg veröffentlicht hat. Baron Horaz Günzburg war durch verwandtschaftliche Beziehungen mit der Petersburger, der Wiener, Pariser und Londoner Haute Finance verknüpft. Einer seiner Söhne harte eine Marburg aus Hamburg, ein anderer eine Brodski aus Kiew, ein dritter eine Aschkenasi aus Odessa, ein vierter eine Deutsch de la Meurthe aus Paris geheiratet. Baron Günzburg war vor etwa anderthalb Jahren an einem schweren Darmleiden erkrankt und fand vorübergehende Heilung infolge einer Operation, die Professor Hochenegg im Sanatorium Loew in Wien au ihm vornahm. Seit Monaten jedoch schien er hoffnungslos verloren *) Besonders ausführlich berichtet hierüber Zunz in seiner Schrift „Zur Geschichte und Literatur."

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