Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 10. Leite 5. Die Wahrheit Virilist in dem zn schaffenden Vertretungskörper Platz nehmen' Ich glaube nicht, daß eine Amtsperson die Erklärung abgegeben hat. daß das Jndentnm vom pasfiven Wahlrechte ausgeschlossen bleiben soll. Geschah dies aber dennoch, so ist die Erklärung auf einen Irrtum znrückznführen. Sobald der Verfassungsentwurf der ungarischen Regierung zur Genehmigung vorliegen wird, wird sie den ihr gesetzlich zustehenden Einstnß ganz, gewiß dafür einsetzen, daß volle Gleichberechtigung eintritt. Es wird sich schon ein Modus sinden lassen, daß die geringe Zahl der bosnisch-herzegowinischen Juden kein Hindernis für ihre entsprechende Vertretung bildet." Zur Reform der Armenpflege. Ueber diesen die jüdische Oeffentlichkeit Wiens seit Jahren beschäftigenden Gegenstand sprach am 24. Februar Herr Knltusvorsteher Dr. I. S a m u e l y in einer zahlreich besuchten Versammluitg der „O e st e r r e i ch i s ch - I s r a e l i t i s ch e n Union". Unter den Anwesenden befanden sich Rabbiner Dr. B a cb. die Knltitsvorsteher Prof. Ehr m a n n, Max F r a n k, kais. Rat Leopold Sachs und Dr. Marcus Spitzer. Gemeinderat Dr. Oskar Hein rc. Herr Dr. S a m u e l y, mit lebhaftem Beifall begrüßt, führte folgendes aus: Meine Damen und Herren! Mein heutiges Referat ist nicht lediglich das Produkt meines eigenen Denkens, sondern zum großen Teile das Resultat einer Engnete im Freundeskreise, und ich sage den Herrren Dr. L ö w y, Direktor H e ch t und Dr. A s ch e r für das mir gelieferte Material meinen herzlichsten Dank. Anderes habe ich auch ans verschiedenen Quellen zusammengesucht unb auf meinen Inspektionsreisen in Prag und Berlin gesammelt. Ich will Ihnen zunächst etwas über die Armenpflege im allgemeineti sagen, sodann was tatsächlich heute in Wien geschieht, und schließlich, was wir hoffen und anstreden, daß in Wien erreicht werden möge. Es muß vor allem gesagt werden, daß die Belastung unserer privaten Armenpflege eine unverhältnismäßig starke ist, weil unsere Armen von der öffentlichen Armenpflege oft ohne jede rechtliche Basis ausgeschlossen werden. Das Heimatsgesetz, das in Oesterreich schon im Jahre 1863 durchgeführt wurde, besagt, daß jeder eigenberechtigte, unbescholtene Bürger nach zehnjährigem Aufenthalt an einem Ort um das Heimatsrecht entkommen kann. Lie wissen aber alle, welche Schwierigkeiten uns Juden in den Weg gelegt werden. Es bestehen ferner eine große Anzahl Stiftungen, deren Benefizien statutarisch auch den Juden zugute kommen könnten, die ihnen aber vorenthalten werden. Es würde sich hier auch für den Rechtsschutz der „Union" ein neues Feld ersprießlicher Arbeit eröffnen. Sie hätte zu eruieren, welche Stiftungen bestehen, an denen früher auch Juden teilnahmen und die heute so gedeutet werden, daß es den Verwaltungen freisteht, die zu Beteiligenden zu wählen. Es wird wichtig sein, von Zeit zu Zeit das Verzeichnis jener Stiftungen durchzusehen, damit man einen Teil der Erträge auch den Juden zumitteln und ihnen so zn ihrem Rechte verhelfen kann. Was die verschiedenen Formen der Armenpflege betrifft, kann gesagt werden, daß in letzter Zeit insbesondere die sogenannte vorbeugende Armenpflege große Fortschritte gemacht hat. Sie fft im Stande, mit viel größerem Wirknngseffekt zu arbeiten, die Quellen der Armut zn erschließen und in jene Schichten einzudringen, die sonst überhaupt moralisch versumpfen und unrettbar verloren gehen würden. Zur vorbeugenden Armenpflege gehört auch alles, was zur Fürsorge der Jugend geschieht, sowie die Verminderung und Regelung der Auswanderung durch Versorgung in der eigenen Heimat. Nebst dem in der Enquete des Jahres 1897 aufgestellten Programm, welches die Arbeitsvermittlung, die Darlehenskassen für Gewerbetreibende, die Einführung des Elberselder Systems fordert, ist auf jene wichtige Aktion hiuzuweisen, welche auf die Anlegung eines Katasters hinarbeitet, in welchen die Armen nach ihren Tendenzen eingetragen werden. Dank den Bemühungen des kais. Rat Dr. K r ü g e r befindet sich dieser Kataster heute auch tatsächlich schon in Funktion und die Resultate sind sehr erfreuliche, wenn man bedenkt, daß bei ungefähr 600 Petenten nicht weniger als 50 Wohltätigkeitsschwindlern das Handwerk gelegt wurde. In ähnlicher Weise wurde iu anderen Städten die Sache durchgeführt. In Prag haben fick 300 Pfleger gemeldet. Von diesen haben sich je 16 in einem Rayon znsammengefnnden und nachgewieseu, wer daselbst wirklich arm und bedürftig ist. Zwei Drittel solcher Armer haben Positionen und Aufsicht erhalten. Man ist so :m Stande, den Grund der Armut zn erforschen, zn sehen, wie zu helfen ist, die Sorge für die Kinder abzunehmen und es ist auch tatsächlich der Armenstand in kurzer Zeit beinahe ans die Hälfte herabgesunken. Jeder Privatbettel wurde abgeschüttelt, alle Beträge wurden an die Zemralarmenkommission abgesührt und es ist ans diese Weise iu Prag der Betrag von L 80000 znsammeugekommen. Diese Summe tvurde statt wie früher auf 1000, auf 500 Arme verteilt, so daß mit demselben Betrag das Doppelte geleistet werden konnte. Die Armenpflege besaßt sich nicht damit zu sehen, wo Armenpflege vorhanden ist. sie beschäftigt sich in erster Reihe mit der Wiedererlangung der Arbeitskraft durch Empfehlung, durch Einführung iu eiue Arbeitsstelle. durch Unterricht, durch Verbesserung des Handwerks usw. In Elberfeld, wo das System im Jahre 1852 eiugeführl wurde, ist die Zahl der Bevölkerung seither um das Dreifache gestiegen. Trotzdem hat sich der für die Armen verwendete Betrag seither nicht nur nickl erhöh:, sondern sogar verringert, obwohl die Unterstützung, die dem Einzelnen zuteil wird, jetzt eine weitaus größere ist. Genau dasselbe Verhältnis sehen wir in Hamburg, wo die Zahl der Armen erheblich gesunken ist. so daß jetzt aus jeden Armen das Doppelte kommt und somit ausgiebigere Hilfe als bisher geleistet werden kann. Es wird als Eiuwurs gegen derartige Bestrebungen speziell für Wien geltend gemacht, es werde unmöglich sein, eine solche Anzahl von Pflegern anszubringen. Derselbe Einwurf ist überall gemacht worden und als vor kurzem Elberfeld das fünfzigjährige Jubiläum des Systems feierte, konnte konstatiert werden, daß heule genau dieselbe Begeisterung herrscht wie vor 50 Jahren. Die Wirkung ist ebenfalls dieselbe. Wem: wir die Armenpflege nach diesem Syltem durchführen, muß eine Trennung vorgenommen werden in 1) mindestens 2 Jahre in Wien Ortsansässige, 2) Durchreisende, 3) vorübergehend sich Aufhaltende. Wenn wir diese Dreiteilung vornehmen, so steht es anßer Frage, daß die Zahl der Positionen, die man heute auf 15000 schützt, ans 5000—6000 herabsinken werden, und daß demgemäß auch die Zahl der erforderlichen Pfleger sich gar bald bedeutend vermindern wird. Wenn wir auf jene Personen znrnckgreifen, die sich bisher als werktätige Armenpfleger bewährt haben, so tverden wir finden, daß die Zahl 1000 weit überschritten ist, und es wird nicht schwer fallen, diese Personen dafür zu gewinnen, nicht nur für einen Verein, sondern für die Gesamtheit der Juden und Gesamtheit der Wiener mitznarbeiten. Jede Sektion hätte dann für sich eine kleine Gruppe unter der Leitung des Sektionsobmannes, die Sektionen eines Bezirkes hätten dem Bezirksvorsteher zu unterstehen und sämtliche Bezirksvorsteher würden gemeinschaftlich mit den Deputierten der Knltusgemeinde die Zentralarmen-Kommiffiol: bilden. Wir würden auf diese Weise nicht nur den Armen nützen, sondern auch einen ganz ungeheueren Vorteil für die sozialen Beziehungen der Juden erzielen. Ein solches Ziel wäre des Fleißes der Edlen wert und an solchen Dingen müssen nicht nur wir, sondern alle unsere Glaubensgenossen in Wien Mitarbeiten. Genau dieselben Symptome wie in Prag bestehen in Berlin, und diese Stadt hat das Verdienst, den Gedanken des Elberselder Systems vor Elberfeld erkannt und durchgeführt zu haben. Es existiert eine Kundmachung ans den: Jahre 1850, welche bereits durchführt, daß ein Kataster sämtlicher in Berlin befindlichen Armen anzulegen und jeder Arme von zwei Kommissären zu beaufsichtigen ist. Der Grund, warum das Elberselder System in Berlin nicht genau wie in Elberfeld dnrchgeführt wurde, ist die geringe Anzahl von l3/'4°/o Armen. Es bestehen im ganzen 5 Bezirke, und 20 Armenpfleger sind imstande, in einem Bezirke in ausreichender Weife die Armenpflege durchzu-