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Die Wahrheit · 1909-03-05 · Heft 10 (5.3.1909) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 10 (5.3.1909)
Date
1909-03-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Di" Wahrheit Nr. 10. Wurzeln unserer Religion, sondern jeder Religion über- I Haupt. Einen schlimmeren Feind, als dieses Gerne von wissenschaftlich sein sollenden Phantasmagorien hat das Judentum der Gegenwart nicht.*) Hier mit aller zugebote stehenden Kraft und der sich dardietendeu Gesamteuergie einzugreisen, wäre nach unserer Meinung die aktuellste Pflicht. Wir Juden verfügen über eine gewaltige Intelligenz, Herrliches könnte geleistet werden, würde nur einmal die rechte Parole von den maßgebenden Autoritäten, von den kompetenten Führern ausgegebeu werden. Leider wurde — es muß einmal ganz offen ausgesprochen werden — in diesem Punkte, von vereinzelnten Ausnahmen abgesehen, vielfach gesündigt. Alle anderen Konfessionen setzen sich gegen den gemeinsamen Feind energisch zur Wehr, u. zw. gegen einen Feind, der nicht diese oder jene Konfession, diesen oder jenen Glauben, sondern die R e l i g i o n als solche rundweg negiert; der Kampf wird mit Erfolg geführt, der Feind mit seinen eigenen Waffen, mit Wissenschaft und Logik, bekämpft und Schritt für Schritt systematisch znrückgedrängt. Begeisterte Glaubeushelden opfern ihre besten Kräfte, ja ihr ganzes Sein für den Sieg der ewigen Wahrheiten im Jahrzehnte lang währenden Kampfe. Und w i r, was taten w i r denn während dieser langen Zeit und was gedenken w i r für die Folge noch zu tun? Welche Bücher sind geschrieben, welche Zeitschriften, welche Gesellschaften seither gegründet worden zur Belebung des Glaubens und zur Belehrung der Verirrten? Ehrlich zugegeben: Wir sind im Vergleiche zu dem, was die Vertreter anderer Konfessionen diesbezüglich geleistet, in vollstem Rückstände geblieben. Seit fast 100 Jahren nehmen wir eine solche Stellung ein, die, wenn anders wir nicht noch rechtzeitig dieselbe verlassen, unbedingt zum Verderben des Judentums führen muß. Weil die politisch freisinnigen Männer der anderen Bekenntnisse znm großen Teile auch halbe oder gar ganze Freidenker waren, stellte sich das vorgeschrittene Judentum auf denselben Standpunkt. Man suchte den wahrhaft kernigen Inhalt des Judentums allmählich zu vermindern und zu verwässern und snpponierte an dessen Stelle eine philosophische Floskel, genannt kategorischer Imperativ. Statt der spezisisch religiösen Werte wurde uns Ethik kredenzt, die Thora zu einem bloßen Moralkompeitdium degradiert! Es wurde znm Dogma: Judentum und Unitarismus, Judentum und Deismus, ja sogar Judentum und Atheismus sind identisch, oder vertragen sich mindestens. Mau hat das Volk so lauge an die atheistisch-materialistischen Seichtigkeiten gewöhnt, bis dieses Geschwätz ihm in Fleisch und Blut überging. Da die betörte Masse der Halb-, ja sogar der Ganzgebildeten gewöhnt ist, ihre (religiösen) Urteile ans den liberalen Blättern zu schöpfen, diese aber m i t wenigen Ausnahmen verknöchert materialistisch sind, flößten sie unserem Volke so lange ihr Gift ein, bis dasselbe nahezu daran zu sterben beginnt. Die Gefahr ist groß! Unverzügliche Hilfe vonnöten! Umfassende Rettungsaktionen müssen e h e st e n s eingeleitet werden. Vor allem ist unseres Erachtens dringend erforderlich, daß die intelligenten Vertreter sämtlicher Richtungen im Jitdentum zu einem Kongresse zusammenkommen, der über Mittel und Wege zu beraten hätte, rvie der Seuche des A t h e i s m u s Einhalt geboten werden könnte. Dessen leitender Gedanke müßte es sein, mit dem alten rationalistischen Gerümpel aufziträumen, und von Grund auf unser Prinzip (der Erkenntnis) zu erneuern. **) Nebenbei bemerkt, wäre es unseres unmaßgeblichen Erachtens viel wichtiger, wenn unsere modernen Rabbiner ihren Scharfsinn gegen diese atheistischen Miasnien aufwenden würden, statt in lebhaften Auseinandersetzungen mit den liberalen protestantischen Theologen, wie Harnack u. s. w., zu polemisieren. Die Sucht, alle' anderen Konfessionen und Nationen des gesamten Erdenrundes an religiösem Freisinn unserseits zu überbieten, muß endlich ans der Welt geschafft werden, die Identifikation von politischem und religiösem Freisinn muß einmal anfhören, die falschen Bahnen sind zu verlassen und neue Wege entschieden einzuschlagen. Es gilt nun nicht mehr, die Freiheit der Wissenschaft zu verteidigen — das können wir ruhig den Herren Wolff und Jro fortan überlassen — sondern die der Religion, welche von der „atheistischen Klerisei" hart bedroht und bedrängt wird/ Vereine zur Beförderung und Belebung des Glaubens müssen gegründet und durch tüchtige, wissenschaftlich hochstehende und glaubenseifrige Männer geleiter werden. Ich möchte sagen, wir müssen eine freiwillige g e i st i g e R e t t u n g s g e s e l l s ch a f t mit Stationen und Äerzten für religiös Verunglückte errichten. Zeitschriften müssen ins Leben gerufen, Preise für hervorragende Arbeiten auf einschlägigem Gebiete ausgeschrieben werden damit noch in letzter Stunde gerettet werde, was zu retten möglich. Ferner müßte das Gute. Fördernde und bei anderen Konfessionen Bewährte zur Vertiefung un d V e r itt n erlich u n g der Religion als solcher geschaffen, nicht minder unter die gebildeten Massen geworfen und propagiert werden. Besondere apologetische Institute müssen kreiert und protegiert werden, an denselben wären geeignete Redner heranzubilden und in die einzelnen Gemeinden hinanszusenden, um so eine neubelebte religiöse Bewegung ins Dasein zu rufen, die von den oberen Sphären ansgehend, die Flammen der Begeisterung in die einzelnen Glieder der Diaspora tragen möchte — so lange es nicht zu spät ist.*) Noch ist nicht alles verloren! Vorwärts also — ans altneuen Bahnen! Dr. I. S i n n r e i ch. Dr. Melrcrle für die Uertretnug der bosnische»» Inden i»n bosnischen Landtag. In der bosnischen Verfassnngsenqnete wurde bekanntlich mitgeteilt, daß die in Bosnien und der Herzegowina einzuführende Verfassung auf dem Prinzip der konfessionellen Kurien beruhen werde, und daß die Mohammedaner, Katholiken und Griechisch-Orthodoxen als Konfession Berücksichtigung finden sollen. Nach der Einberufung der Enquete wurde auch von den Juden in Bosnien und der Herzegowina eine Vertretung im Landtage verlangt, ein Wunsch, den Ziviladlatns Baron Benko mit der Begründung zurückwies, daß es in Bosnien und der Herzegowina nur 11.000 Juden gebe, während nach der geplanten Wahlordnung nur auf 25.000 Seelen ein Abgeordneter entfallen werde. Nun wendete man sich, wie das „Nene P est e r I o u r n al" meldet, unter anderem auch an den ungarischen Referenten über die Annexionsvorlage, Hofrat Dr. B i s o n l a i. der kürzlich in dieser Angelegenheit eine einstündige Unterredung mit dem Ministerpräsidenten hatte. In dieser Unterredung gab Dr. Wekerle über die aufgeworfene Frage die folgende Erklärung ab: „Ungarn stand und steht ans dem Standpunkte der vollen Gleichberechtigung. Diesem Prinzip wird die ungarische Regierung a u ch bei der Fest stellung der bosnischen Verfassung Geltung verschaffen, sobald ihr dieselbe zur Ueberprüfnng und Zustimmung vorliegen wird. In Konsequenz dieses Standpunktes wird sie s e l b st v e r st ä n d l i ch auch für die G l e i ch b e r e ch t i g u n g der Juden in Bosnien und der Herzegowina eintreteu. Es kann gar nicht in Frage kommen, daß die Inden vom passiven Wahlrechte ausgeschlossen werden. Ich bin übrigens dahtn informiert, daß den Inden e i n Mandat bereits z u g e s i ch e r t ist. denn der Präsident der Sarajewo'er Jndengemeinde wird in dieser Eigenschaft als *) Wenn Abgeordneter Dr. Mahler meint, der Rassenfetisch genüge vollauf zur Erhaltung des Judentums, so verweisen wir ihn auf Heinrich Heine, der bekanntlich einer der bewußtesten Rassenjuden war.

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