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Die Wahrheit · 1909-03-05 · Heft 10 (5.3.1909) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 10 (5.3.1909)
Date
1909-03-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Das Leben und Wirken der Inden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. — Baron Horaz Günzbnrg. — Die Zentralsrelle für das jüdische Armenwesen. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Des reichen Juden krankes Kind. — Purim-Trinklied. — Aufruf. — Austritte aus dem Judentum. Die geehrten Kerren Aöonnenten werden um! freundliche Einsendung des Aöonnementsöetrages > für das taufende Hnartat ersucht. j Altnene Kahne». Unstreitig ist die jetzige Lage des Judentums eine eminent : kritische. Nicht von der sozial-politischen Stellung unseres Volkes - soll hier die Rede sein; es müßte dann nicht das „Judentum",! sondern die „jüdische Nation" heißen, hier soll nur die rein j religiös-kulturelle Seite in Betracht kommen. 1 Das Judentum befindet sich übereinstimmendermaßen in einer furchtbar ernsten, wir wollen nicht sagen verzweifelten Lage. Nicht nur das modern praktisch-soziale, automatische Leben, j mit seinen alles nivellierenden und verflachenden Tendenzen, * untergräbt die Grundpfeiler unserer Religion und verhindert jeden an der praktischen Ausführung des Gesetzes. Diese Klagen sind zu alt, um hier nochmals ausgetischt zu werden, über diese Dinge wollen wir hier nicht sprechen; Verhältnissen gegenüber, die zu ändern wir ohnmächtig sind, ist Schweigen am besten.; Und wie die historische Entwicklung uns seit fast 100 Jahren belehrt, weicht das praktisch-halachische Judentum stetig, wohl jeden Schritt zähe verteidigend, aber doch zurück. Wer das leugnen will, belügt und betrügt sich selbst. Einzelne Gruppen und Arten, namentlich die wirtschaftlich Unabhängigen können j sich zwar den ehernen Gesetzen der Wirklichkeit entziehen und : überall eine Art religiöse Aristokratie, die an allen Satzungen j festhält, bilden, die können sich das leisten, wie sie sich eine * Neuseelandsreise erlauben dürfen. Die ganze große Masse der; Schwachen und Abhängigen ist trotz ihres besten Willens faktisch 1 nicht imstande, sich den objektiv realen Weltsaktoren zu entziehen.! Also für die Aufrechthaltung, geschweige für die Belebung des traditionell praktisch-tätigen Judentums der in den sogenannten Kulturländern wohnenden Juden — von den östlichen Brüdern soll hier nicht die Rede sein, diese erfordern eine separate Be-; Handlung — können wir, wie gesagt, sehr wenig Dauerndes! schaffen. Dies beweist der Frankfurter Hirschianismus, welcher trotz der Anerkennung, deren er sich fast überall erfreut, trotz der heroischen Gestalt des Gründers, trotzdem, daß sogar die Politik ihn eine Zeitlang in Schutz nahm, trotz der Lebendigkeit und Glaubeusfrische seiner Anhänger, doch nur einen ganz kleinen Bruchteil deutscher Judenheit zu seinen Bekennern zählt. Und wer weiß, ob auch Hirsch dies nur gelungen wäre, hätte nicht j ein Wilhelm v. Rothschild zu den berühmten eilf Baale Batim | gezählt, wäre er nicht wenigstens ihnen fördernd zur Seite gestanden. Der spätere Bruch konnte nicht mehr schaden. Die unteren Klassen, mögen sie sich noch so demokratisch geberden, richten sich doch in Wirklichkeit zu allen Zeiten in Leben und Haltung nach den Beispielen, die ihnen von oben gegeben werden; wäre dies nicht der Fall, so würden die gewiß raffinierten und superklugen Großkrämer nicht darnach streben, wenigstens persischer oder serbischer Hoflieferant zu werden. Wenn Baron Rothschild sich für das traditionelle Judentum einsetzt, dachten die kleinen Reichen, so ziemt es auch uns, das Gleiche zu tuu. Es war also aus besonderen Umständen für das traditionelle Judentum in Deutschland eine Position gewonnen, der es sich nirgends erfreuen konnte, und wäre dieser Kalkül ihm nicht vor Augen gestanden, so hätte Hirsch das damals noch gewiß stark orthodoxe Mähren sicherlich nicht verlassen. Um jedes Mißverständnis auszuschließen, betone ich. daß es mir ganz ferne liegt, die Verdienste eines Hirsch verkleinern zu wollen (ich für meine Person verehre Hirsch, wie einer seiner treuesten Anhänger); was Menschenmögliches zu leisten war, hat er erfüllt, mehr fordern, hieße verlangen, Hirsch hätte die ganze soziale, politisch-kulturelle Entwicklung Europas, zumindest die Deutschlands Umstürzen sollen, dies wäre der hellste Wahnsinn gewesen. Kurzum, der Bernahismus,*) dessen praktischer Vollstrecker Hirsch war, bleibt infolge sozialpolitisch-historisch-kultnreller Momente notwendig nur ein Surrogat, nur ein Notbehelf, eine von Zeit und Umständen abhängige Linderung, aber absolut kein Allheilmittel. Eine Allbelebung, zumindest eine Konservierung des traditionellen Judentums in den sogenannten Kulturländern, liegt, wie betont, außerhalb unserer Macht. Ganz anders liegen die Dinge, wenn man auf die Religion, auf den Glauben und die ewigen Wahrheiten an sich, aus denen das praktische Judentum fußt, ohne welche alle Satzungen wie Seifenblasen zerplatzen, das Augenmerk richtet. Auch diesbezüglich, u. zw. lege ich darauf das .Hauptgewicht, besindeu wir uus auf einem sehr gefährlichen Boden. Wer sich vom jüdischen Glauben nicht aus ganz anderen als ans praktischen Gründen lossagt, der lut es zumeist auf Grund von sogenannten Ideen, recte Phrasen. Diese populär-wissenschaftliche Literatur a la Hückel, Delitzsch und Konsortell. die in marktschreierischer Weise auf sauberer und unsauberer Reklame basierend, in die Massen auf wohlfeilem Wege geworfen wird, vergiften augenscheinlich nicht nur die *) Der bedeutende Hamburger Chacham B e r n a y s suchte das Judentum philosophisch zu begründen.

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