Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 9 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Di? Wahrheit Nr. 9. lassung einer religiösen Vorschrift nicht markiert dastehe, die gewünschten Tefillin anschaffen und ihm, fallses nottut, auch das Anlegen derselben beibringen. Ja. noch mehr! Die Initiative des jugendlichen Sohnes dürfte in diesem Falle beifpielerregend ans den Vater einwirken, xük rona So mancher Vater würde in dem Momente, lvo der Sprößling daran geht, die Tefillin für den Gottesdienst vorzubereileu, es für angezeigt halten, auch feine Tefillin, die er etwa noch aus der guten, allen Zeit in einem verborgenen Winkel des Hauses anfbewahrt hatte, hervorzuholen und sie anzulegen, zur Ehre Gottes und aus Siebe — für das Kind. Daniel Skutezky, Religionslehrer. Gatisischer Hilfsverein. Mit noch größerer Intensität und reicheren Erfolgen' als in den Vorjahren hat der ,.H i l f s v e r e i n für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien" (Wien, H., Berggasse 4) seine Tätigkeit im Jahre 1908 fortgesetzt, und dem eben zur Ausgabe gelangten Berichte, der ein klares Bild dieses segensreichen Wirkens liefert, entnehmen wir folgende Stellen: Der Bericht, den wir über unsere Tätigkeit im Jahre 1908 zu erstatten die Ehre haben, ist ein äußerst günstiger. Unsere Tätigkeit, die statutengemäß darauf gerichtet ist, die materielle Lage der Inden in Galizien zn verbessern und auf diese Weise deren Kulturnivean zu heben, war f a st durchwegs von bedeutenden Erfolgen gekrönt, eine Tatsache, die insbesondere derjenige, der die Verhältnisse Galiziens genau kennt, nach ihrem ganzen Gewichte zu beurteilen in der Lage ist. Handelt es sich doch darum, Leuten Beschäftigung zn bieten, die bisher nicht gewohnt waren, sich durch ihre Hände Arbeit einen Erwerb zn verschaffen. Die Haarnetzerei, die erste der von uns eingeführten Industrien, hat einen bedeutenden Aufschwung genommen; in der Kleiderkonfektion wird mit der vertragsinäßigen Anzahl von Personen (mindestens 80) gearbeitet; die Spitzenhäkelei hat derzeit einen ungleich größeren Umfang, als wir vor einem Jahre voraussetzen konttten; die Spitzenklöppelei beginnt allmählich, festen Fuß zu fassen; die Weißstickerei wurde in einer zweiten Stadt eingeführt, mit der Konfektion von Wäsche gegen Ende des Jahres in Stanislau begonnen und die Einführung der Maschinstrickerei dürfte in der nächsten Zeit erfolgen; auch unsere übrige Tätigkeit kann als eine zufriedetistellende bezeichnet werden. Und was die Löhne betrifft, die bei fleißiger Arbeit zn erzielen sind, so läßt sich behaupten, daß sie teilweise ziemlich hoch, teilweise aber mit Rücksicht auf die Lebensverhältnisse der in Betracht kommenden Personen vollständig ausreichend sind. Die folgende Darstellung wird zeigen, daß diese kurze Uebersicht. die wir über unsere Tätigkeit gegeben haben, den Tatsachen entspricht. An der Spitze der vom Hilfsverein eingeführten Industrien steht .die Haarnetzerei. Durch Verschulden der galizischen Unternehmer, die sich dieser Industrie bald nach ihrer Einführung bemächtigt und die Wiener Unternehmer, die in Galizien tätig waren, verdrängt hatten, war eine starke Einschränkung der Produktion eingetreten, die eine Herabsetzung der Löhne und eine Verringerung der Zahl der Arbeiterinnen zur Folge hatte, so daß man ihre Gesamtzahl zn Ende 1907auf höchstens 600 schätzte. Da nun der Wochenverdienst einer Arbeiterin in vielen Fällen K 3.— nicht überstieg und nur selten sich bis zu K 5.— erhob, so veranschlagte der Hilfsverein um diese Zeit den Gesamtjahresverdienst ans rund K 100.000. Um nun die Zahl der Arbeiterinnen zu erhöhen und auch deren Einkommen zu steigern, beschloß der Hilfsverein, mit jenem Unternehmer, der die Haarnetzerzengung für den Verein seinerzeit in Galizien eingeführt hatte, neuerdings in Verhandlung zu treten. Die mit ihm gepflogenen Verhandlungen hatten den Abschluß eines Vertrages zum Ergebnisse, der am 1. Mai 1908 in Wirksamkeit trat. Der Hilfsverein verpflichtete sich, ihm durch fünf Jahre eine bestimmte Jahressubvention zu zahlen, falls er nach einer gewissen Vorbereitungszeit au Arbeitslohn an jüdische Arbeiterinnen in Galizien im ersten Snbventionsjahre einen Betrag von K 100.000 und in den folgenden vier Jahren zusammen einen Betrag von K 650.000 ausbezahlt. Auch wurde vereinbart, daß von ihm in Galizien die gleichen Löhne gezahlt werden müssen, wie in Böhmen und Mähren. Die von unserem Unternehmer im Mai 1908 um 8% bis 36°/0 erhöhten Löhne konnten infolge günstiger Konjunktur im Haarnetzhandel auch im Juli, im Oktober und im November allmählich, und zwar so weit gesteigert werden, daß die der g a n gbarsten Sorten derzeit um 41—50°/0 höher find, als die vor Mai 1908 in Galizien gezahlten. Die Höhe dieser Löhne ließen wir in einem Lemberger Jargonblatte und durch unseren Inspektor, der zn diesem Zwecke einerseits Reisen durch das Haarnetzgebiet unternahm, anderseits mit den Arbeiterinnen oder deren Eltern in schriftlichen Verkehr trat, überall bekannt machen. Dadurch wurden auch die galizischen Unternehmer genötigt, dieselben Löhne zn zahlen, wenn sie von den Arbeiterinnen Netze bekommen wollten. Gegenwärtig verdient eine Arbeiterin, die z. B. Netze Nr. 38/40 erzeugt, welche per Dtttzend mit K 2.30 entlohnt werden, ü b e r K 9.— w ö ch e n tlich, da sie hievon vier Dutzend in der Woche herznstellen imstande ist. Die bessere Entlohnung der Arbeiterinnen hatte zur Folge, daß viele Mädchen, die früher die Haarnetzerei aufgegeben hatten, sich ihr wieder znwandten und daß eine große Anzahl Mädchen die Haarnetzerei neu erlernten. Ans den Berichten, die wir von unserem Inspektor, der gegen Ende 1908 wieder eine Reise durch das Haarnetzgebiet machte, erhielten, entnehmen wir, daß dort zn dieser Zeit rund 1900 jüdische und 1600 christliche H a a r n e tz e r i n n e n tätig sind, während er Ende 1906 bloß 600 jüdische und 100 christliche Arbeiterinnen gezählt hatte. Wie hoch der Gesamtbetrag, der im Jahre 1908 an Lohn an jüdische Haarnegerinnen in Galizien ausbezahlt wurde, sich beziffert, ist nicht leicht zu ermitteln, doch dürfte im Hinblicke auf die in Betracht kommenden Tatsachen angenommen werden, daß der G es a m t l o h n b etr a g, der im Jahre 1907 K. 100.000 6 et r iifl, i in I a h r e 1908 auf K 150.000 gestiegen ist. Erst das Jahr 1909 wird den Aufschwung in der Haarnetzerei in seinem ganzen Umfange zeigen; die Schätzungen, die in dieser Hinsicht von kompetenter Seite gemacht werden, beziffern den Lohnbetrag für jüdische Arbeiterinnen mit rund K 300.000. Besonders bemerkenswert ist es, daß in einigen Teilen des Haaruetzgebietes eine große Anzahl ch r istliche r Arbeiterinnen durch die von uns eingeführte Haarnetzerei Arbeit und Verdienst gefunden hat. Es kann uns das, falls es nicht auf Kosten der jüdischen Arbeiterinnen geschieht, nur willkommen sein und. soweit unsere Erhebungen reichen, zeigt es sich, daß die Arbeiterinnen beider Konfessionen in dieser Industrie gleichmäßig Beschäftigung erhalten. Auch eine andere Erscheinung ist hervorznhebeu, nämlich die, daß die Haarnetzerei die Grenzen Galiziens überschritten hat, indem in der B n k o w i u a und sog a r i n r u s f i s ch e n Nachbarorte n von Jüdinnen Haarnetze für galizische Unternehmer und Faktoren erzeugt werden. Dieser Aufschwung der Haarnetzrrei hatte in dem beteiligten Gebiete auch noch diese günstige Wirkung, daß jene Mädchen, die mit anderen Arbeiten beschäftigt waren, einen höheren Lohn beanspruchten, und auch erhielten. So stieg der tägliche Arbeitsverdienst, der mit Boanenschälen beschäftigten Mädchen, der früher 40—60 Heller betrug auf K 1 20—1 40. Die Arbeiten, die nicht so lohnend sind, werden verlassen, ein Umstand, der auf unsere Spitzenklöppelei ungünstig einwirkte. Die Klöppelschülerinnen und Arbeiterinnen des Haarnetzgebietes, von den letzteren insbesondere diejenigen, die noch nicht viel Hebung besaßen und infolgedessen auch noch wenig verdienten, traten von der Klöppelei zur Haarnetzerei über, so daß wir gezwungen waren, den Klöppelnnterricht an einzelnen Orten (Iablonow, Pistyn, Peczeniczyn, Gwozdziec) aufznlassen und die Lehrerinnen anderswohin zn versetzen. Eine andere günstige Folge unseres Uebereinkommens mit dem hiesigen Unternehmer ist die, daß auch die Qualität der Ware, insoweit sie i m geliefert wird, s i ch st e t s