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Die Wahrheit · 1909-02-19 · Heft 8 (19.2.1909) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 8 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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©eite 6. Die Wahrheit Nr. 8. fassung des Bibelwortes aus, Vorzüge, die zu bekannt sind, als daß sie hier noch mehr hervorgehoben werden müßten. Dr. S. I. Kämpf, Rabbiner in Prag, hatte schon 1858 eine gelungene Uebersetzung des „Tachkemoni" Alcharisis erscheinen lassen in einem Werke mit dem etwas manierierten Titel: „ N i ch t a n d a l u s i s ch e Poesie andalusischer Dichter aus dem 11., 12. und 13. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Geschichte der Poesie des Mittelalters." Dr. M. K a i s e r l i n g gab das Werk „S e p h a r d i m" heraus. ..Romanische Poesie der Juden in Spanien. Ein Beitrag zur Literatur und Geschichte der spanisch-portugiesischen Inden?) Salomon Rubin, Verfasser des ,,Sittenspiegel", Uebersetzer von Gutzkows „Uriel Akosta" und Spinozas ins Hebräische ließ eine Schrift „Tschnbat Nizachat", d. i. ..Siegreiche Entgegnung"^) erscheinen, eine Apologie Spinozas, die sich durch besondere Gewandtheit in der Behandlung der hebräischen Sprache auszeichnet. Die geistige Tätigkeit der Inden Oesterreichs wurde auch durch Zeitschriften gefördert. So gab Nabb. Leopold L ö w in Szegedin den „Be n C h a n a uj a h"^) heraus, eine Monatsschrift für jüdische Theologie. In Lemberg erschien die Zeitschrift „Hechaluz"") mit Beiträgen der hervorragendsten jüdischen Gelehrten, unter denen Steinschneider hervorragt. Diese Zeitschriften reihen sich würdig den in Deutschland, Frankreich und Amerika damals erscheinenden jüdischen Wochen- und Monatsschriften an. Natürlich ist mit unseren Ansührnngen der ganzen wissenschaftlichen Tätigkeit der Juden Oesterreichs vor 50 Jahren nicht erschöpfend gedacht. Uiib doch müssen wir, da wir nun am Ende unseres Rückblicks uns befinden, gestehen: Wenn wir manche Erscheinungen der damaligen Zeit betrachten, wie die unselige Mortara-Affaire und die vielfache Rechtlosigkeit der Juden in unserem Vaterlande, dann begreifen wir Schillers Worte, die er in feiner nicht oft genug anzuführenden „akademischen Antrittsrede" sagt: „Die Universalgeschichte heilt uns von der übertriebenen Bewunderung des Altertums und von der kindischen Sehnsucht nach vergangenen Zeiten und indem sie uns aus unsere eigenen Besitzungen aufmerksam macht, läßt sie uns die gepriesenen goldenen Zeiten . . . nicht zurückwünscheu," Fast dasselbe sagt schon unser alter Koheleth." Schelten wir die Gegenwart nicht und seien wir gerechte, aber keine überschwängliche laudatores temporum actorum. Jeder Blick auf die Vergangenheit beweist uns, daß wir es, wenn auch nicht ..herrlich weit gebracht", um mit Goethe zu reden, aber doch weiter gebracht. — Uns ruft die Geschichte zu: . . . „Du wünschest, unsterblich zu leben? Leb' im Ganzen! Wenn du lange dahin bist, es bleibt!" Das Leben und Wirken der Inden in Oesterreich in vormiir;lichen Jette». Ein Beirrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Bou Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Auch der Ackerbau war die Lieblingsbeschästigllng vieler hervorragender Lehrer der talmudischen Zeit. In Palästina waren Rabbi Elieser beu Hirkauos, der stets, ehe er das Lehrhaus des R. Jochanan b. Sakkai besuchte, eine Furche pflügte (Sabb. 54), R. Jsmael, R. Elieser b. Asaria, R. Jehnda b. Schamna, R. Gamliel u. v. a. In Babylonien waren es Samuel, Huna, Abaja, Rabba, R. Papa n. A. m. Rabba rief seinen Schülern zu: „Ich ersuche euch, im Frühlingsmonate Nissan, wie im Herbstmonate Tischri nicht zu kommen, damit ihr im Lause des Jahres nicht von Nahrungssorgen gequält 7> Leipzig, 1859. 8) Lemberg, 1859. ®) 1. Jahrgang, 1858. 10) 6. Jahrgang. 1859. werdet." (Pea 2.) In jenen zwei Monaten sah man Lehrer und Schüler aus dem Felde die schwersten Arbeiten des Landmannes verrichten. Aus dem hier Gesagten wird jeder unbefangene, vorurteilsfreie Mensch ersehen, daß die Juden ursprünglich nicht zu einem Handel, sondern zu einem agrarischen und handwerktreibenden Volke herangezogen wurden. Da aber in vormärzlichen Zeiten die Juden Oesterreichs keine Realitäten, mit Ausnahme von Jndenhäusern im Ghetto, Synagogensesseln und Branntwein- Häusern, eigentümlich besitzen, als Handwerker keine christlichen Gesellen und Lehrlinge hallen und die freien Künste außerhalb des Ghetto lischt allsüben biirften, so waren die meisten nur aus den Handel angewiesen. Allerdings war es den Inden Oesterreichs schon im Vormärz gestattet, Fabriken zu errichten, allein von dieser Begünstigllng konltten nur die reichbegüterten Leute Gebrauch machen, während die Masse zum Handel ihre Zuflucht zu nehmen gezwungen war. Außer einigen Moll-, Getreide- und Lederhändlern — an Prosessionisten gab es nur Schneider und Schuster — ernährten sich die meisten Inden in der „Gasse" vom Schnittwarenhandel, und zwar teils in öflenilichen Gewölben und aus Märkten und teils im Hausieren in beu Dörfern. Jeder „Dorsgeher" hatte ein bestimmtes Dorf, wo er die ganze Woche hindurch harlsierte und von den Dorfbewohnern als „unser Jud" betitelt und geduldet wurde. Der halbwegs bemittelte Hausierer besorgte seine Einkällfe ans den „Brünner Märkten", während der minderbemittelte „Knndenware" zu nehmen genötigt war, d. h. er mllßte seilte Ware bei einem Inhaber einer öffentlichen Schnittwarenhandlnng in seiner Gemeinde, also von der zweiten Hand, beziehen. Das Leben eines vormärzlichen jüdischen „Dorfgehers" war ein wahrhaft traliriges. Sonntag in aller Frühe, nachdem er in der „Bolisen" (Vorhalle der Synagoge) in aller Eile Kednscha und Borchn gehört, packte er sich den schweren Pinkel (Bündel) ans den Rücken, mit dem er oft 5—6 Stunden weit zu gehen hatte, um in sein Dorf zu kommen. Dort hausierte er die ganze Woche, bis Donnerstag oder Freitag, von Haus zu Haus, verborgte seine Ware ans längere oder kürzere Zeit, tauschte zuweilen Frucht dafür ein, um kurze Zeit vor dem Brunner Markt wieder etwas Geld zusammen machen zu können. Zum Lager hatte er in seiner „Herberge" ein Strohbündel mit höchstelis einem Polster und eilten „Kotzen" zum Zudecken. Wie seine Lagerstätte verdiente auch seine Nahrung eine höchst frugale genannt zu werden. Er aß gewöhnlich Brot, Käse und Butter, die er sich in einer „Käsebüchse" vom Hause mitgenommen. Warme Speisen genoß er höchstens, wenn er sich die Zeit nahm, in wohl mit Kreide beschriebenem Topfe eine Milchsuppe oder gar „Griesnockerl" zu kochen. Wein trank er draußen die ganze Woche nicht, weil er als streng religiöser Jude einen solchen (Nesach) nicht trinken durste. Und welchen Leiden nnb Widerwärtigkeiten war er da draußen so oft preisgegeben, welche Demütigungen mußte er sich ruhig gefallen lassen? Und warum? Etwa seiner Unredlichkeit wegen, wie von den Gegnern des Judentilms behauptet wird? Diese Behauptung ist gerade so falsch wie die törichten Märchen, die jene stets 31t verbreiten sich bemühten. Es mag wohl hie und da vorgekommen sein, daß irgend ein einzelner Dorfgeher sich durch unredliches Gebaren' den Haß der Bevölkerung zngezogen habe, dies waren aber keine religiösen, sondern gottlose Inden, die zu den Ausnahmen gehörten, und Ausnahmen hat es ü b e r a l l und zu allen Zeiten gegeben. Im allgemeinen aber waren die Juden fromm und streng religiös und als solche mußten sie sich durch Ehrlichkeit und Redlichkeit auszeichnen. Jeder religiöse Jude mar gewissenhaft und redlich, weil ffowohl in der Thora als im Talmud jede Art Uebervorteilimg im Kaufe und Verkaufe auf das entschiedenste verboten und als eine höchst strafbare Handlung verurteilt wird. „So ihr einer dem andern etwas verkaufet, oder einer vom andern etwas kaufet, so dürfet ihr einander nicht übervorteilen." (3. B. M., 25.) Dieses biblische Verbot wird im Talmud dahin erklärt, daß das Verkaufen eines Gegenstandes um einen unmäßig hohen Preis schon eine Uebervorteilung sei. (B. Mez. 51.)

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