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Die Wahrheit · 1909-02-19 · Heft 8 (19.2.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 8 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8. Dir Wadrvett Leite 5 herkulischen Körperbau mit Staunen maß, so mußte sich auch dem Gedankenlosesten die Erkenntnis ansdrängen, daß dieser Mann, ganz abgesehen von seiner großen Gelehrsamkeit uitö seinem tiefen Wissen, seine hervorragende Stellung als akademischer Lehrer trotz Judentums schon dank seines Physikums sich erringen mußte. Doch erringen ist zu viel gesagt. Er brauchte nur die Hand auszustrecken und die Frucht siel ihm in den Schoß, wie er denn auch iu der Tat in ganz jungen Jahren zur Professur der Kultur- und Literarhistorik berufen wurde. Cäsar kam, sah und siegte. Solchen von der Natur mit geistigen und körperlichen Vorzügen beschenkten Sonntagskindern steht man in eigentümlicher Alternative gegenüber. Entweder überläßt man sich bohrendem Neide und der bitteren Empfindung, wie ungleichmäßig die Natur ihre Gaben verteile, oder man zieht es vor, sich ans seinem Gedrücktsein von dem Spinozistischen Gefühl der uneigennützigen Mitfreude an fremder Größe und fremdem Glück emporrichten zu lassen. Es gibt eine Stelle in Eckermanns „Gespräche mit Goethe", die das, was ich meine, lapidarisch veranschaulicht: „Es gab zwar eine Zeit, wo man in Deutschland, sich ein Genie als klein, schwach, wohl gar buckelig dachte; allein ich lobe mir ein Genie, bas den gehörigen Körper hat. Wenn mau von Napoleon gesagt, er sei ein Mensch aus Granit, so gilt dieses besonders auch von seinem Körper. Was hat sich der nicht alles zugemutet und znmnten können! Von dem brennenden Sande der syrischen Wüste bis zn den Schneefeldern von Moskau, welche Unsumme von Märschen, Schlachten und nächtlichen Biwaks liegt da nicht in der Mitte! Und welche Strapazen und körperliche Entbehrungen hat er dabei nicht aushalten müssen! Wenig Schlaf, wenig Nahrung und dabei immer in der höchsten geistigen Tätigkeit! Bei der fürchterlichen Anstrengung und Aufregung des 18. Brnmaire ward es Mitternacht und er hatte den ganzen Tag noch nichts genossen; und ohne nun an seine körperliche Stärkung zu denken, fühlte er in sich Kraft genug, um noch tief iit der Nacht die bekannte Proklamation an das französische Volk zn entwerfen! Wenn man erwägt, was der alles durchgemacht, so sollte mau denken, es wäre in seinem vierzigsten Jahre kein heiles Stück mehr an ihm gewesen; allein er stand in jenem Alter liod) auf den Füßen eines vollkommenen Helden." Bedenkt man, daß Professor Geiger 60 Jahre zählt, und berücksichtigt dabei die Strapazen der langen Neise, zumal in dieser Jahreszeit und diesem besonders strengen Winter, so wird man mich hoffentlich nicht der Uebertreibung beschuldigen. 8. Vineta. Uor einem halben Jahrhunderte. (Ein Rückblick.) Nach gleichzeitigen Quellen von Dr. Max Grünfeld. (Schluß.) Wie sehr sich die Inden der damaligen Zeit an dem ganzen geistigen Leben beteiligten und ihnen nichts Menschliches fremd war, beweist ihre innige Anteilnahme anläßlich des Todes des. größten Naturforschers des 19. Jahrhunderts, Alexander v. H u m b o l d t, gestorben am 6. Mai 1859. Sie vergaßen es ihm nicht, daß er in seinem „K o s m o s" so mächtige Töne zur Verherrlichung der hebräischen Poesie angeschlagen und in dem wunderbaren 104. Psalme die gewaltigste poetische Darstellung des gesamten Welt-Kosmos erkannt hatte. Mit der ganzen zivilisierten Welt betrauerten die Juden den Niedergang dieses glänzendsten Gestirns am Himmel der Wissenschaft. Ludwig August Frankl widmete den Manen des Dahingeschiedenen eine Ode, aus der wir folgende Strophen anführen: Ein zwiefach glücklich Los ward mir erkiesen: Den Zedern schneebedeckt, doch grün belaubt, Ich durfte nahen den uralten Riesen, In Ehrfurcht neigen mich vor Deinem Haupt; Wie sie voll.Schnee und grünender Gedanken, Doch sterblich nicht wie sie, denn lebend schon Ward Dir Unsterblichkeit, indeß sie wanken, Spurlos vergeh'» im Schnee des Libanon. Urlauge wagte nicht der Tod zu kommen. Bis Du Dein höchstes Erdenwerk getan; Er har die Seele küssend Dir genommen. Propheten darf er nicht in Schrecken nah'». Ans Bergen throntest Du, wie Adler prächtig. Ließ'st Deinen Geist ans den Gewässern ruh'n. Das Chaos zu entwirren, warst Du mächtig, Wenn Dich der Herr geheißen es zu tun. Bekränzt schon im versunkenen Jahrhundert, Dich sahen wir als Deine Nachwelt fast, Und sahen in dem unsern Dich verwundert, Wie Du noch Kranz um Kranz errungen hast. Wie Goethe sich besann im höchsten Alter Und noch zum zweitenmal iu Blüten schoß, Und sang des Ostens süßen Liebespsalter, Ununterbrochene Jugend war Dein Los. Die schönen Worte, welche Lildwig August F r a u k einem der mächtigsten Geister des 19. Jahrhunderts, dem am 14. September 1769 geborenen Alexander v. Humboldt gewidmet hatte, führen uns zlt ihm, dem Dichter des ersten zensurfreien Gedichtes „D i e U u i v e r s i t ä r. Ist er doch jetzt fast ein Vergessener?) Und doch erregte 1858 sein Werk „N a ch I e r u f a l e m" * 2 3 * * * * 8) berechtigtes Aufsehen. Noch heute ist es ein liebevoller Begleiter nach dem trauernden Jerusalem und dem gräberreicheu Lande der Väter, ein nach Form und Inhalt gleich ausgezeichnetes Buch. Und ein wahres, richtiges Volksbuch. Ohne anspruchsvolle Gelehrsamkeit. Durchweht vom Geiste der Kultur, edelster Menschlichkeit, Zivilisation und Arbeitsamkett. Mit Unrecht wird der Name seines Verfassers vergessen, der uns zu einem zweiten g r o ß e n Gedenktage geleiter, zum 100. Geburtstage Friedrich Schiller s?) An demselben 10. November 1859, au welchem der Friede von Zürich zwischen Oesterreich und Sardinien geschlossen wurde, feierte man allenthalben iu deutschen Landen, aber auch iu Oesterreich, den 100. Geburtstag des Freiheilssäugers. Das Schiller- Denkmal in Wien, dessen Errichtung damals, als „es an den Tag ging", und die Morgenröte der jungen Freiheit auch in unserem Vaterlande erwachte, geplant wurde, das aber erst 16 Jahre nachher, an einem kalten Wintertage, erstand, ist nicht am wenigsten der rastlosen Energie und dem nieermüdenden Eifer Frankls zuzuschreiben. — In jüdischen Zeitungen aus dem Jahre 1859 finden wir nun viele vortreffliche Aufsätze, Artikel, Gedichte, ja selbst Predigten zur Feier des S ch i l l e rt a g e s. Am 12. November 1859 hielt Dr. Leopold Stein in der Synagoge zu Frankfurt a. M. eine Rede, die auch unter dem Titel „Die Glanzgestirne am Lichthimmel des Geistes" abgedruckt ist?) Zu seinem Texte wählte der Redner die Worte aits Daniel XII, 3 : „Die Erkeiiiitnis verbreiten, werden leuchten, wie des Himmels Glanz; und die Viele zur Tugend führen, wie die Sterile des Himmels immer und ewig!" Auch Dr. I e l l i n e k iu Wien gedachte iu einer Predigt des großen Tages. So zeigten denn die Juden, daß auch sie eiugetrelen waren iu den großen Kreis der Kultur-Rationen, ilnd für sie ebenfalls die großen Freiheitskämpfer nicht vergebens gelebt hatten und nicht ganz gestorben waren, wenn auch gerade Schiller in feiner „Sendung Mosis" manches harte Wort über sie gesprochen.'') Zum Schluffe dieses Rückblicks mögen noch einige literarische Lei st u n g e n hervorragender jüdischer Gelehrter Oesterreichs hier erwähnt werden, welche im Jahre 1859 erschienen sind. Dazu gehören: Die erbaulichen Betrachtungen über deii Pentateuch „Sansiunim" von Dr. Adolph S ch m i e d l. damals Rabbiner zu Prossnitz (Mähren). Dieses Werk/) welches den Mittelweg zwischen Homilie und Exegese innehält, zeichnet sich durch edle Sprache und lebendige Anf- *) Gestorben 12. März 1894. 2) Zwei Teile. 1. Teil: Griechenland, Kleinasien, Syrien. 2. Teil: Palästina. Leipzig, Baumgärtner, 1858. 3) Dieser ist in unserem Jahre, in dem wir den 150. GedeuktagZder Geburt Schillers feiern, von besonderer Bedeutung. *) Das Reinerträgnis dieses Abdrucks ward der „Schillerstistung" gewidmet. 3) H. Zirndorf „Schiller auf dem Boden jüdischer Anschauungen." ®) Seitdem in neueren Auflagen erschienen.

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