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Die Wahrheit · 1909-02-19 · Heft 8 (19.2.1909) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 8 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Di? Wahrheit Nr. 8. weit über meine Person hinausreichende Bedeutung", und bittet zum Schluß „alle austäudigen deutschen und österreichischen Zeitungen", seine Verwahrung gegen solche empörende Lügen zu verbreiten". Seinem Breslauer berühmten Universitätskollegen Prof. Ferd. Cohn, dem hervorragendsten deutschen Botaniker der letzten Jahrzehnte, widmete Felix Dahn bei seinem Hinscheiden folgenden poetischen Nachruf: „Die Blume, die Du meist geliebt, das war dieMose; Und Dir zum Heile hast Du sie gepflückt: < Denn eine Rose, eine dornenlose, Das Leben hat geschmückt Dir und beglückt. Der edlen Wissenschaft galt all Dein edles Ringen; Zur Wahrheit drangst Du durch mit hoher Kraft, Drum durftest um das weise Haupt Du schlingen Den Siegeslorbeer, der da heldenhaft. Du selbst warst sterblich, doch Dein Lebenswerk unsterblich, Fortlenchteud wird es strahlen hellen Glanz: So schmückt Dein Grab umwelkeud, nnverderblich Der deutschen Forschung Jmmortellenkranz," * * * In der Schweiz wird jetzt die Frage der Trennung der Kirche vom Staat sehr eifrig ventiliert. Einzelne Kantone wie z. B. Genf und Neuenburg haben die Trennung bereits seit dem 1. Januar durchgeführt, in anderen, die für uns als Juden besonders in Frage kommen, wie in Zürich und Basel beschäftigt mau sich jetzt viel mit der Sache. Im Kanton Basel- Stadt hat man sich für eine Berfafsungsäudernng entschlossen. Der Regiernugsrat hat den Vorschlag gemacht, daß die beiden bisherigen Landeskirchen, die protestantische und die christ-katholische öffentlich rechtliche Körperschaften bleiben sollen mit dem Rechte, Kultnsstenern zu erheben und anderseits die Regierung über die Gliederung und das Finanzwesen dieser Kirchen ein gewisses Aussichtsiecht behält, während die bisherigen als bloße religiöse Genossenschaften betrachteten kirchlichen Gemeinschaften, wie die römisch-katholische und jüdische, völlig frei und jeder besonderen staatlichen Aufsicht ledig bleiben würden, dafür allerdings auch nicht die Rechte öffentlich-rechtlicher Einrichtungen genießen. Die israelitische Gemeinde wird mit einer einmaligen Zahlung von 15.000 Francs abgefunden. Dieser Antrag ist auch fast einstimmig angenommen worden. Johann Renchti» nnd sein Kampf mn die Kicher der Inden. Ueber dieses Thema sprach über Einladung des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde der geheime Regierungsrat Professor Dr. Ludwig Geiger aus Berlin am Abend des 9. d. M. im Festsaale des Ingenieurnnd Archilekteuvereiues. Und es waltete auch wirklich noch vor Beginn des Vortrages eine festliche, beinahe weihevolle Stimmung im Saale; ging doch dem Vortragenden der Rirf außerordentlicher Bedeutung und Gelehrsamkeit voraus. Der Präsident der Gemeinde, Dr. Alfred Ster n, apostrophierte ihn in feiner Begrüßimgsansprache treffend als den berühmten Sohn eines berühmten Vaters, und als der Redtier seine beinahe l^stündigen Ausführungen geschlossen hatte, verwies Dr. Ster n. den Dank des Auditoriums verdolmetschend, wieder treffend ans die atemlose Stille, die während des ganzen Vortrages geherrscht halte. Es zeigte sich mithin, daß die wahrlich hoch genug gespannten Erwartungen von der eminenten Leistung noch um ein gutes Stück überflügelt wurden. Nur eine getreue stenographische Wiedergabe des Vortrages würde die tiefe Wirkung desselben wiederspiegeln und plausibel machen können, nicht aber die folgende dürftige Skizze. Johann R e u ch l i n, geboren 1455 zu Pforzheim, war wie die meisten hervorragenden Renaissancepersonen universell veranlagt und abwechselnd als Richter, Diplomat, Poet, Philolog, ja sogar als Musiker tätig. Das will umsomehr sagen, als er eigentlich der Begründer der klassischen Philologie in Deutschland gewesen ist und so zugleich der Begründer des formellen Teiles des Humanismus. Leitete nun das Studium der Alten von selbst zur Veredlung der Sitten eines Zeitalters, das noch mit beiden Füßen in mittelalterlicher Barbarei steckte, so war doch auch Reuchlins Charakter ein hochgesinnter, und er hatte um; zu bald Gelegenheit, seine Gemütstiefe nnd Gerechtigkeitsliebe zu manifestieren. Reuchlins Wissensdurst begnügte sich nicht mit dem Ruhme, ein vir rttrins^ns linguae zu heißen, er strebte darnach, dem Griechischen und Lateinischen noch eine dritte Sprache, nnd zwar die hebräische, als gleichberechtigt znzugesellen. Der Vortragende schilderte nun in unnachahmlich fesselnder Weise, welche Schwierigkeiten Reuchlin zu überwinden hatte, bevor er sich die hebräische Sprache zu eigen machen konnte. Hilfsmittel, Grammatiken existierten eben keine, so mußte er sich an die Juden selbst wenden, wollte er belehrt sein. Damit belud er sich zuvörderst mit dem Odium der Judenfrenndlichkeit, die Inden Deutschlands hinwieder setzten ihm unbesiegbares Mißtrauen entgegen. Auf einer seiner Reisen in Italien fand er endlich in Kipo de la Mirandola einen freigesinnten Inden, der ihn nicht nur in das heilige Schrifttum, sondern auch in die Kabbala einführte. An letzterer interessierte ihn nicht eigentlich das astrologische nnd zahlenmystische Element, der Neupytagoräismus, sondern die geheime Bedeutung der Gotlesbezeichunng „Jaweh", wie das Hebräische ihm überhaupt nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck der Erforschung der hebraica veritas war, die Reinigung der Bibel von sinnstörenden Fehlern ihrer Abschreiber und lateinischen Uebersetzer. Wieland hat das Wirken des trefflichen Mannes charakterisiert, indem er bemerkt : „Reuchlin sagte zur hebräischen Sprache: „Toter, stehe ans, eingehüllt in die biblischen Schriften als Totengewand nnd die Kabbala als Schweißtnch." Ich muß es mir nun versagen, eine Detailschildernng des Folgenden zu bieten, denn die Ueberfülle des Stoffes würde den Rahmen dieser engen Skizze sprengen. Dem Gelehrten war es nicht vergönnt, in stiller Klause seiner Wissenschaft zu leben, er wurde fast gegen seinen Willen auf den lauten Marktplatz in das Schlachtgetümmel wilder Parteien hineingedrängt, sein Name wurde zum Schibboleth aller freiheitlich Gesinnten. Die Mönche in Köln wollten wieder einmal eine Judenverfolgung inszenieren — war ja der verpfaffre Ort seit jeher deren klassischer Boden — sie erwirkten die Zustimmung Kaiser Maximilians zur Verbrennung sämtlicher jüdischen Schriften, mit Ausnahme der Bibel! Die Handlangerdienste, die den Kmtenträgern der jüdische Renegat und Fleischhauer Pfefferkorn leistete, sind ja bekannt, und da trat denn der kontemplativ veranlagte Reuchlin als Schützer des bedrohten Schrifttums ans. Der Kamps halte wechselnde Phasen und bildete das Vorspiel zum Protestantismus. Ganz Deutschland spaltete sich in zivei Lager. Hie die Dunkelmänner, die der edle, streitbare Hutten und andere für ewige Zeiten in den epistolae obscurorum virorum blutig verhöhnte, und da die Anhänger der Obskuranten! Daß der kühne Hutten mit seinem alsa est jacfca Reuchlin begeistert zujubelte, war selbstverständlich, aber selbst der konservative Luther und der spröde Erasmus von Rotterdam legten sich den Ehrennamen „Renchlinist" bei. Wie wechselvoll nun auch die Wage der Entscheidung in diesem Kulmrstreit hin nnd her schwankte, wie mannigfach und verschlungen die bedeutungsvollen weltgeschichtlichen Ereignisse — sonderlich Luthers Auftreten — den Kamps! beeinflußten, der moralische Erfolg war jedenfalls auf Reuchlins! Seite. An allen Universitäten errichtete man Lehrkanzeln fürs j Hebräische, und das selbst in Rom, wo man schließlich formell! gegen Reuchlin entschieden hatte.! Der Vortrag schloß in künstlerischer Abrundung mit dem! Wunsche, daß die historische Wirksamkeit Reuchlins in 400jühriger! Fernwirkung noch unsere Zeit befruchten und beeinflussen möge.! Ein neuer Reuchlin täte not, ein nichtjüdischer, selbstloser Schützer! der angegriffenen Juden, und eine Haltung dieser letzteren.! welche sie der Parteinahme und dieses Schutzes würdig er-! scheinen ließc, j Doch ich vergesse in kühl ästhetisierender, egoistischer Weise! über dem Werke den Schöpfer desselben.! Wenn man beobachtete, wie Professor Geiger durch! anderthalb Stunden in ruhiger Haltung, hoch anfgerichtet^ da- 5 stand nnd mit sonorer Stimme und in fließender Sprache seinen Vortrag hielt, ohne Zeichen der Ermüdung zu verraten und auch nur eine Notiz als Behelf zu benützen, und wenn man seinen

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