Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 8 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion «. Jlbmuiifti atiou : | Wien, 11/, ^hmaraflafie 27.! TrlrtiDun bfv S'nufsret 1ÖSI!S r K. k. öfterv. Vostsparkafla- Scheck-Sonto Nr. 100.918. j JlnTevatc Die viermal geivull-n-!?>onvarei>ie»Zeile Ll> Heiler. Ado»»ci»c»!r> u. »lvicillonrbelräze sind in iilMeii zndld«-. und tlcitföiic. ayr'ysit Anabbängige Aeitfchnft für Mische Irrtere^en. Lrltvkint jeden Kreitaq. Motto: ..Dua Hou«n ist w ntn-lieit-" I (»»iiiMlilDilti . . . 1k »4-. — ) j Hoidjätzria! . « T - j t^iu (iiiltii^t'fumte:; '»..iMiaoiia » >» j _ il Flir VtiiSlmib : |l i ij '«„n4|,|t)llj . . . f* 'JJIitrt | K abfi lÄ j%c4- ■j __ __ ....._ Ar. 8. Wien. 19. Februar 1999 Inhalt: Aus der Woche. — Johann Reuchlin und sein Kampf um die Bücher der Inden. — Bor einem halben Jahrhundert. — Das Leben und Wirken der Juden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Eine gebildete Frau. — Allgemeiner deutscher Kantorenverband. — Austritte aus dem Judentum. Ans der Woche. „Gewalt geht vor Recht". Dieses so vielfach betätigte antisemitische Verwaltungsprinzip hat sich auch in den letzten Tagen bei der Sperrung der „Freien Schule" votlans bewährt. Man mag den Intentionen des Vereines „Freie Schule" sympathisch oder ablehnend gegeuüberstehen — und wir wollen gar kein Geheimnis daraus machen, daß viele Juden, namentlich die konservativen, den letzteren Standpunkt vertreten — so wird man dennoch bei gerechter und objektiver Prüfung der Sachlage zu dem Schlüsse gelangen müssen, daß mit der Sperrung der Schullokalitäten durch den Bezirksschulrat, resp. Magistrat ein antisemitisches Gewaltstück und eine Rechtsverletzung begangen wurde, da nach dem klaren Wortlaut des Gesetzes dem an das Ministerium geleiteten Rekurse gegen die Entscheidung des Landesschulrates aufschiebende Wirkung zukommt. Und faktisch sah sich auch die Statthalterei, die sonst nicht so leicht gegen Amtshandlungen des Wiener Rathauses zu mobilisieren ist, veranlaßt, durch einen Erlaß an den Magistrat die gesetzwidrige Sperrung anfznheben. * So wenig aber die „Freie Schule" und die Aufregung, welche die behördliche Schließung ihrer Schulen in der Oeffentlichkeit verursachte, mit dem Judentum etwas zu tnn hat. so konnte dennoch das „Deutsche Volksblatt" es nicht unterlassen, aus der Angelegenheit eine Judenfrage zu machen und seinen Lesern auszubinden, daß die liberalen und sozialdemokratischen Blätter nur aus dem Grunde soviel Lärm schlagen, weil sie dem Judentume gefällig sein wollen und weil die große Mehrzahl der die „Freie Schule" besuchenden Kinder jüdische Kinder sind. Mit diesen plumpen Lügen wollen wir uns weiter nicht befassen, aber eine andere beabsichtigte Irreführung, die die Haltung des jüdischen Vertreters im Landesschulrate in ein schiefes Licht rücken soll, müssen wir dennoch richtig stellen. Das „Deutsche Volksblatt" berichtete nämlich, daß der Landesschulrat, unter Zustimmung des Vertreters der jüdischen Religion, einstimmig die Schließung der Schulen verfügt hat. Das ist eine bewußte Irreführung und Entstellung der Tatsachen. Der Landesschulrat bat nur die Fortführung des Unterrichtes aus dem Gründe inhibiert, weil die Lehrer, die den Religionsunterricht erteilen, den im Gesetze geforderten Nachweis der Bewilligung der konfessionellen Behörden nicht erbracht haben, und selbstverständlich mußte der Vertreter der jüdischen Religion im Landesschulrate, wollte er nicht eine lächerliche Figur spielen, ebenfalls diesen Standpunkt einnehmen. Also nur mit der meritorischen Frage der Qualifikation der Religionslehrer, welche vom Ministerium endgiltig entschieden werden wird, nicht aber mit der formellen Frage der Sperrung hat sich der Landesschulrat beschäftigt. 4- 4- Die ganze Affaire ist aber wieder ein lehrreiches Beispiel dafür, unter welchem Terrorismus die Minoritäten durch das gegenwärtige antisemitische Regime zu leiden haben, und darum muß uns Juden angesichts derselben die Mahnung ins Ohr klingen, alles daran zu setzen, um die angestrebte, gesetzliche Organisation des österreichischen Jndentumes zu erreichen. Nur in dieser kann ein Schutz gegen die mannigfachen Unbillen, denen wir als Minorität jederzeit ausgesetzt sind, gefunden werden. 4- 4- 4: Felix Dahn, der bekannte Breslauer Literaturhistoriker und Dichter, feierte am 9. d. M. seinen 75. Geburtstag. Den Verfasser des „Kampfs um Rom" hätten die Antisemiten gar zu gern der Liste ihrer be—rühmten antisemitischen Autoritäten einverleibt. . Sie haben zu diesem Zweck vor den gröbsten Fälschungen nicht zurückgeschreckt. . Dahn hat ihnen aber jedesmal gehörig auf die Finger geklopft. Die „Ant. Korr." veröffentlichte in Nr. 355 vom 6. Juni 1895 ein Gedicht Felix Dahns mit der Ueberschrift „Gruß an Denlschösterreich. Zu den antisemitischen Wahlsiegen", als ob Dahn ein Gesinnungsgenosse der Antisemiten wäre. In Wirklichkeit handelte es sich um ein älteres aus dem Jahre 1882 stammendes Gedicht Dahns, das er zu einer Feier des „Deutschen Schulvereins" gedichtet hatte. Der Zusatz „Zu den antisemitischen Wahlsiegen" ist, wie Dahn öffentlich erklärte, „eine freche Lüge". Schon im Jahre 1892 hatte Herr von Diest-Daber die Behauptung verbreitet, daß Felix Dahn in einem öffentlichen Vortrage sich als Judenfeind bekannt habe. Der Dichter widerlegte diese Behauptung in einer Zuschrift an die ..Krenzzeitnng": „Mich hat diese Andichtuug" — so schrieb er auch damals tl. November 1892) an den Redakteur der „Allg. Ztg. d. Jud.". Dr. G. Karpeles — „in leb h oft eit e Entrüst u u g versetzt; unter meinen nächsten Freunden sind Juden, die ich zn den trefflichsten Menschen zähle, die ich kenne. Wie sollte ich die Lebensgemeinschaft mit ihnen aufgeben? Ich habe sofort meine nachdrücklichste Verwahrung au mehrere Zeitungen geschickt, und werde Ihnen sehr dankbar sein, wollen Sie diesen meinen Zeilen weiteste Verbreitung geben." Als der Dichter seinen 70. Geburtstag feierte, sah er sich genötigt, in einem Artikel „Abwehr" in der „schlesischen Zeitung" den Bericht eines Interviewers im Wiener „Deutschen Volksblatt" in schärfster Form zurückzuweisen, da er „von Lügen strotzt". Felix Dahn sagte u. a. in diesem Artikel: „Das Ganze hat, als ein Muster frechster Verlogenheit in unserer Tagespreffe,