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Die Wahrheit · 1909-02-12 · Heft 7 (12.2.1909) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 7 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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. Sette 6. Die Wahrheit Nr. 7. bei keinem Volke aber ist der soziale Auftrieb so gross wie bei J den Juden. Das Verlangen in die nächst höhere Gesellschaftsschichte aufzurücken, ist ausnahmslos vorhanden. Bei unserem sozial höchststehenden Bürgertum bildet aber das Judentum eine Schranke und so sucht der Jude durch die Konversion die Schranke aus dem Wege zu räumen. Aber wenn sonst der Taufschein genügte, um den Konvertiten eine fette Pfründe zu sichern, so bietet es heute keinen Vorteil mehr aus einem schlechten Juden ein schlechter Christ zu werden. Heute wird ans den Inden nicht mehr der gesellschaftlich gleichberechtigte Christ, sondern ans dem Juden wird nur der getaufte Jude, der mit Recht von Juden und Christen gleich gemieden wird. Der Vortragende bespricht des Weiteren die Anschauung jener vereinzelten kosmopolitischen Schwärmer, welche das Verschwinden des Judentums als notwendig zur Verbrüderung der Menschheit bezeichnen. Alle diese Meinungen haben zur Voraussetzung. daß die Erhaltung des Judentums gar keinen Wert habe im Vergleiche zu den eventuell zu erlangenden Vorteilen. Hat das Judentum wirklich in allen seinen verschiedenen Funktionen seinen Daseinszweck erfüllt? Betrachten wir diese Frage zunächst vom religions-philosophnchen Standpunkte, so ist doch gewiß die Erkenntnis eine widerspruchslose, daß von allen positiven Religionen die mosaische vielleicht allein im Stande ist neben den gewaltigsten Fortschritten der Wissenschaft zn besteben, ohne mit ihnen in Konflikt zu kommen. Gerade der Jude also, der für eine freie Entwicklung des menschlichen Geistes eintritt, muß in erster Linie am Judentum als Konfession festhalten. Aber diese religiöse Seite tritt für den modernen Menschen vielfach in den Hintergrund. Die religiöse Propaganda war ja von jeber unserem Wesen fremd. Wohl aber kann man von einer Mission des Judentums in anderem Sinne sprechen. Der moderne Staat hat in Europa immer mehr die Tendenz der Klerikalisierung. besser gesagt der Unifizierung, u. zw. in Deutschland mit dem Protestantismus, in Oesterreich mit dem Katholizismus. in Rußland und England mit den Nationalreligionen. Gegenüber diesen Bestrebungen ist das Judentum ein lebendiger Protest, ein fortdauerndes Hindernis, das Denken der Völker zu uniformieren, und so sind wir die wahren Stützen und das Bollwerk der Gedankenfreiheit. Also auch von dem Gedanken der Mission aus in diesem Sinne ist die Taufe für den ethisch denkenden Juden eine vollkommene Unmöglichkeit. Durch all das, was wir dem Menschengeschlechte geleistet, hat das Judentum nicht nur sein Existenzrechr, sondern auch seine Existenzpflicht bewiesen. Zum Schluß bespricht Redner die Mittel, das Konvertitentnm einzudämmen. Mit dem Wiederbeleben des religiösen Gefühls wäre angesichts des zunehmenden religiösen Jndifferentismus nicht viel getan. Die festhaltende Kraft einer Religion steht in direktestem Verhältnis zu ihrer Dogmatik. Mit dem Momente, wo der talmudisch-rabbinische Teil des jüdischen Schrifttums feine Dogmatik einbüßte, mußte sich die festhaltende Kraft auf ein Minimum reduzieren. Anders stellt sich das Problem für Jene, die in uns nicht bloß eine Religionsgemeinschaft, sondern mehr als das, ein Volk erblicken. Für diese stelle sich die Taufe nicht als Konfessionswechsel, sondern als Verrat am eigenen Volkstum dar. als eine Tat äußerster Niedrigkeit. Der einzige Weg, den wir einzufchlageu haben ist die Widerbelebung des nationalen Bewußtseins. Die Bekämpfung des religiösen scheitere am Geiste der Zeit. Die ethischen Gründe, die gegen die Taufe sprechen und aus dem Gesichtspunkt der Allgemeinheit für die Pflicht des Einzelnen zur Erhaltung des Judentums sich ergeben, verlieren oft ihr Schwergewicht, wenn sie mit dem Interesse des Einzelnen in Konkurrenz treten. Man muß es selbstverständlich machen, daß Jedermann, wenn ihm zugerufen wird ..Du bist ein Jude!" er sich nicht ängstlich krümmt und duckt, sondern stolz und selbstbewußt aufrichtet. Nur wenn von frühester Jugend an dem Kinde gelehrt wird, ans sein Judentum mit Stolz zu blicken, wird man den Ueberlritt unmöglich machen. Werden wir iins unseres alten Adels bewußt, halten wir uns stets vor Augen,. daß jene, die uns schmähen und verachten, das Beste, was sie besitzen, uns zu danken haben. Vor allem aber achten wir uns selbst und untereinander. Achten wir die ehrliche Meinung, sehen wir im Inden immer zuerst den Mitmenschen, den Bruder und nie den Feind! Dann werden nicht mehr die losen Glieder ans der Kette fallen, dann kann der Name Jude werden, was er einst war, ein Segen unter den Völkern dieser Erde! (Lebhafter langanhaltender Beifall) An den Vortrag schloß sich eine überaus anregende Diskussion, welche bis Mitternacht währte. Uor einem halben Iahrhnnderte. (Ein Rückblick.) Nach gleichzeitigen Quellen von Dr. Max Grünfeld. (Fortsetzung.) II. Wir haben oben bemerkt, daß zur Zeit, als der „italienische Krieg" ausbrach, die Inden O e st e r r e i ch s noch lange nicht jene Rechte besaßen, die sie sich in den hoffnungsfrohen Tagen des Jahres 1848 erkämpft zu haben glaubten. Mit der Verordnung vom 2. Oktober 1853 traten die bis 1. Jänner 1848 bestandenen, die Besitzfähigkeit der Inden beschränkenden Vorschriften provisorisch wieder in Wirksamkeit. Hieran reihte sich die Mitteilung?) „daß für die Juden die kaiserliche Verordnung vom 19. Dezember, betreffend die Anstellung ausgedienter Soldaten ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses Anwendung fände, jedoch mit der Beschränkung, daß die Inden hievon in jenen Kronländern allsgeschlossen bleiben, in welchen ihnen der Aufenthalt ,vordersamsft (!) noch nicht gestattet ist." Wie sehr das Konkordat auf die Inden drückte, haben wir schon erwähnt. Den 500.000 Juden, welche int Jahre 1859 den Kaiserstaat bewohnten, und die 12.000 Streiter lieferten, welche gleich den übrigen Waffenbrüdern ihr Leben für Kaiser und Vaterland einsetzten, wurde die Aussicht auf ein neues „Indengese tz" eröffnet, das „die Stellung der Inden zwar in zeitgemäßer (sic!) Weise, aber mit Berücksichtigung der örtlichen und provinziellen Verhältnisse ordnen sollte". Ein Jndengesetz — das war also der ministeriellen Weis- > heit letzter Schluß. Ein Ghetto auf dem Gebiete der Gesetzgebung. Denen, die vielleicht als Krüppel von der Wahlstatt heimkehrten, verwehrte man die Niederlassung, den Ankalff eines Besitztumes, das Halten eines christlichen Dielistboten. Dem Ministerium, in dem Graf Agenor v. G o l u ch o w s k i2) das Innere verwaltete, überreichtell nun die Vertreter der Wiener K u l t u s g e m e i n d e eine umfassende Denkschrift, in der sie für ihre Glaubensgenossen „vollständige Emanzipation" verlangten. Eine solche sei nicht nur im Interesse der Israeliten, sondern auch in dem der Regierung gelegen. Ganz entschieden erhoben sie Einsprache gegen eine nur teilweise Berücksichtigung ihrer Wünsche und wiesen auf die den Protestanten gewährten Rechte und Freiheiten hin. Aber schon am 1. Mai, also noch vor Beginn des Krieges, hatten die Vertreter der Wiener Gemeinde eine Audienz beim Kaiser und empfingen das Versprechen der baldigen, befriedigenden Regelung ihrer Angelegenheiten. Aber erst auf den blutgetränkten Feldern Italiens erblühte für Oesterreich, und auch für die Inden, ein neues, freiheitliches Leben: die Verfassung vom 20. Oktober 1860, deren geistiger Urheber der Minister Graf G o l u ch o w s k i war. und die dann durch das Februar-Patent Schmerlings vom Jahre 1861 ersetzt wurde. Dieses neue Versassnngsleben Oesterreichs brachte auch für die Juden Oesterreichs bessere Tage und die endliche Reife ihrer Wünsche. Wenden wir uns nun einigen erfreulicheren Erscheinungen zu, die uns beweisen sollen, daß sich der Fortschritt, trotz aller Bemühungen nicht aufhalten ließ und das geistige Leben im Judentum, auch in dem Oesterreichs, nicht ertötet werden konnte. Es mahnt an bessere, spätere Zeiten, wenn wir hören, daß der früher genannte tapfere S a l e m s f eil d für seine Heldentat von 0 Aus deni „Pester Lloyd". 2) Agenor Graf Golnchowski, ein Schüler Stadions genannt, wurde am 8. Februar 1813 geboren, war 1859—1860 Minister des Innern. 1866—1867 und 1871—1875 Statthalter von Galizien, starb 3. August 1876.

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