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Die Wahrheit · 1909-02-12 · Heft 7 (12.2.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 7 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7. Die Wahrhell Leite 5. Dieses so durch itnb durch unlautere uud uujüdische Vorgehen, dieses-egoistische Hineinpeitschen unserer jüdischen Volksmassen unter das kaum abgeschüttelte alte Joch — denn Unverstand uud bona fides kann mau den Assimilationisten nicht nachsagen — verdient an den Pranger gestellt und gezüchtigt zu werden! Haben wir denn nicht seit 1868 reiflich genug Zeit und Gelegenheit gehabt, am eigenen Leibe zu erfahren, in welches geistige uud ökonomische Ghetto eine Autonomie Galiziens die Juden brächte, so die Wiener Zentralregiernng nicht die Macht besäße, zu kontrollieren, zu korrigieren und abzuwenden. Gott behüte das galizische Israel vor einer Sonderstellung Galiziens und vor polnischer Herrschaft. Freilich, die wenigen jüdischen Millionäre empfinden nicht den gewaltigen Druck, der von den Machthabern ausgeht, sie haben som t auch keine Veranlassung, eiuzustimmen in die Allgemeiuklage über Bedrückung; aber das entschuldigt nicht die Führer und Vorsteher der jüdischen Gemeinden. Allein noch gibt es eine nationaljüdische Partei, ehemals Schomrei Israel, gegenwärtig Zionisten genannt, die mit der Masse ihres Volkes mitfühlt, die gegenüber dem allseitigen, 40jährigen asemitischen Druck nicht blind bleibt und den ehrlichen Willen besitzt, das Gesamtinteresse unseres Volkes wahrzunehmen. Juden sind es, die sich nicht scheuen, den jitbifcbeu Namen und das jüdische Wesen zur Schau zu tragen, Männer, welche die eiserne Faust Esans abznschütteln streben und das einzig geeignete Mittel hiefür in der Gesamlorganiiation der österreichischen Judenheit erblicken. Zum Schlüsse sei uns noch gestattet, unsere Ansicht über die zu gründende Organisation klar und deutlich festznlegen. Der Grundgedanke lautet: „Einigkeit macht selbst die Schwachen stark", daher begrüßen wir, die altersahrenen „Hüter- Israels", die Idee der Organisierung eines allgemeinen jüdischen Gemeindebundes mit ungeteilter Freude. Diese jüdische Organisation wird auch die politische Vertretung des jüdischen Volkes übernehmen, wo es sich darum handelt, die politische, soziale, ökonomische und moralische Beeinträchtigung der Judenschaft abzuwehren und nötigenfalls auch rasche materielle Beihilfe leisten, wo solche nötig ist. Förderung und Unterstützung von Anstalten, in denen die geistigen und materiellen Kräfte unseres Volkes heraugebildet werden. Organisation des jüdischen Beamtenwesens, Errichtung von Landes-, Kreis- und Bezirksrabbinaten. deren Besetzung im Einvernehmen mit den betreffenden Gemeinden zu erfolgen hätte u. s. f. Jeder Landesjudenschaft würde das Recht einzuräumen sein, sich zrl organisieren, um ihre Interessen wahrzunehmen und Anträge für die Gesamtorganisation vorzubereilen. Schließlich darf der Ritus tlicht einer zwangweisen Revision unterzogen werden. Daß einer Organisation von 11/4 Million Bürgern und deren rechtmäßiger Vertretung bei allen Instanzen und Behörden die gebührende Berücksichtigung nicht vorenthalten werden wird, ist leicht einzusehen, und ebenso sicher ist es, daß unsere parlamentarischen Vertreter, als Vollstrecker der Beschlüsse und des Willens einer derartigen imposanten Organisation und als Mandatare eines ganzen österreichischen Volksstammes, eine ganz andere Position erringen werden. Aus all dem Gesagten geht zur Genüge hervor, daß in der projektierten Organisation ein Institut von echtjüdischer Prägung geschaffen sein wird, eine Hochwarte für die so oft bedrängten Interessen und eine Anwaltschaft, welche berufen ist, alle Praktiken, welche von politischen und jesuitischen Machthabern ausgehen, mit allen gesetzlichen Mitteln zu vereiteln. Männer, imd Führer der Gemeindeangelegenheiten im österreichischen Israel, banget nicht und zaget nicht, wo es gilt, eine Veste des Heils anfzuführen: ra^v loch schewes beemek habocho wehu .jaehamol olajich cherolo. Dr. Rüben Vierer. Z»ir Tanfkewegnng lieber dieses leider mit jedem Tage aktueller werdende Thema hielt am 10. d. M. in der ,.O e ft e r r e i ch i s ch- Israelitischen 11 n i o n" vor dicht gedrängtem Saale Herr Reichsralsabgeordneter Dr. Arthur Mahler einen Vorrrag, der sich ebensosehr durch sachliche Klarheit wie durch seine vornehme akademische Form auszeichnete. Der Vortragende bezeichnete die Tausbeweguug im wesentlichen als eine Erscheinung des 18. Jahrhunderts. Speziell in Wien sei es ganz deutlich, daß die so hohe Zahl der Ueberlritte zum großen Teile dadurch bewirkt werde, daß die betreffenden Konvertiten ihre Heimat eigens zu dem Zwecke verlassen, um in der Millionenstadt unauffällig die Konversion vollziehen zn können. Ebenso sei es die Taufe der Neugeborenen, die das Zahlenverhnltnis vollkommen verschiebe. Wenn Heine einmal den Taufschein als das Eintritlsbiller in die europäische Kultur bezeichnete, so könne dieser Grund heute wenigstens für Westeuropa nicht mehr als Entschuldigung gelten. Mit dem wirtschaftlichen und sozialen Leben haben sich auch die Gründe der Tausbewegnng kompliziert. Redner bespricht nun die Taufe aus religiöser Ueberzengnna, die ja wohl in vereinzelnten Fällen vorkomme. An der Grenze zwischen inneren und äußeren Motiven für den llebertritt stehe die sogenannte „Liebestause". Da die eigentliche Mischehe in Oesterreich nicht zulässig ist. so haben wir Juden es als selbstverständliches Fatum hiuznnehmen uns gewöhnt, daß bei einer Juden-Christenehe der Jude Übertritt und im Westen wenigstens hiefür mildernde Umstünde zugebilligt werden. Es genügt die nackte Hinstellnug der Tatsache, daß in den meisten Fällen der Mann seine Konfession opfert, um der Frau eine bedeutende Rangerhöhung zn verschaffen, um die ganze Absurdität zu zeigen, die iu der Entschuldigung solcher Liebestausen liegt. Jedes Submitieren des Mannes vor der Frau stellt die Ehe von Vorneherein aus eine falsche Basis. Die dritte Kategorie der Judenlallsen sind jene zur Erlangung eines äußeren Vorteiles, welche Redner in die reine Carriörelause und in die gesellschaftliche Taufe scheidet. Der Vortragende erörtert die Zurückdräugung der Juden aus allen Gebieten des wirtschaftlichen uud sozialen Lebens, insbesondere ihre Ausschließung von allen kommunalen und staatlichen Beamteuftellen. An materiellen Voraussetzungen für die Taufe fehle es also nicht, zur Ehre des Judentums müsse aber betont werden, daß manch Einer vielleicht ben Schritt, den auch er als würdelos empfindet, doch nur nach schwerem inneren Kampfe vollzogen hat. In die gleiche Kalegorie.seien die Kindertaufen zn setzen, durch welche die Eltern ihren Kindern von vorneherein die Möglichkeit einer Carriöre offenhalten tvollen. „Ich muß gestehen", sagt Redner, „daß diese Form der Taufe mir vielleicht als die verächtlichste erscheint. Es liegt darin soviel Feigheit, soviel verächtliche Komödie für einen Schritt, den man nicht offen zn tun die Courage hat, Unmündige vorznschieben, die sich dagegen nicht wehren können." Der Vortragende erörtert sodann die soziologischen Gründe des geradezu fanatischen Ausschlusses der Juden aus der Beamtenschaft. Ter Mangel eines wirklich ausgebildeteu Bürgerstandes bei den meisten Völkern Oesterreichs führte dazu, daß der Deutsche uud der Jude die Lücken ausfüllten. Seit aber die nichtdeutschen Völkerschaften in ihrer sozialen Schichtung sich ausgestalteren und ihre eigenen Bürgersöhne in den Beamrenstellen unterbringen wollen, wird der deutsche und der jüdische Beamte verdrängt. Und besonders die Deutschen sind nun doppelt daraus bedacht, den Juden als einen unbequemen Konkurrenten auszuschließen, den sie jahrzehntelang zur Aufrechthaltung ihrer Position ausgenützt haben. Die letzte Form der Taufe ist die soziologische, der lieber-, tritt als Mittel der gesellschaftlichen Rangerhöhung. Sie ist in den höchsten Gesellschastsschichlen zu beobachten, stets ist es die Geldaristokratie, die wenn nicht in der ersten, so doch in der zweiten Generation absällt, so daß ein geistreicher Wiener- Bankier treffend sagen konnte: „Die großen jüdischen Vermögen werden nur für die Christen verdient." Was wollen diese Juden mit der Taufe? Wir Juden sind ein ausgesprochenes Bourgeoisvolk, nach oben wie nach unten sozial unentwickelt.

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