Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 4. Wahrheil Nr. 7. Am vorigen Donnerstag hielt sich ein armer jüdischer Hausierer in der Kasbah aus. Gerade applizierten Soldaten einem jungen Sklaven des Pascha Hussein. Bruders von Glaui, der beschuldigt war, seinem Herrn einen Ring gestohlen zu haben, die Bastonnade. Plötzlich bat der Neger, daß man die Züchtigung einstelle. Er zeigte mir dem Finger aus den unglücklichen Juden und sagte: „Diesem Inden habe ich den Ring sür fünf Pesetas verkauft." Ohne jede Art prozessualen Verfahrens wurde der Jude an Stelle des Sklaven gebracht. Man gab ihm fast 800 Stockschläge; so mißhandelt steckle man ihn ins Gefängnis und legte ihn in Ketten. Sobald ich von dem Vorkommnis gehört hatte, begab ich mich zum Großwesir. Er war im Begriff, sich zum Gebet zu begeben und bat mich deshalb, anderen Tags wiederzukehren. Ich ließ ihn wissen, daß es sich um einen dringlichen Fall handle und daß ich ihn bäte, mich auf der Stelle zu empfangen. Ich wurde vorgelassen und setzte dem Minister die Ursache meines Kommens auseinander. Entrüstet schickte er seinen Caid zu seinem Bruder, um ihn wissen zu lassen, wie sehr seine Art, Justiz zu üben, ihm mißfalle und ihm sofortige Freilassung des Juden anzuempfehlen. — Eine Stunde später war der Unglückliche bei mir, sich für meine Intervention zu bedanken. * * * Gelegentlich des letzten Chanukkafestes erfreute der Präsident der Vereinigten Staaten die jungen Besucher einer Makkabäerfeier im Osten Newyorks durch folgendes Schreiben: „Den kleinen jüdischen Knaben und Mädchen, die am Sonntag im Riis Settlement zusammen kommen, meine herzlichsten Glückwünsche! Ich wünsche, ich könnte bei euch sein, um mit euch die Makkabäer zu feiern; denn ihr wißt doch, daß die Vaterlandsliebe und die Heldentaten der Makkabäer sie schon immer zu meinen Liebliugshelden gemacht haben. Es ist recht, daß jüdische Knaben und Mädchen die Erinnern n g a n i h r e eig e ne u V o l k s h e l d e n aus früherer Zeit mit Stolz und Bewunderung erfüllt; denn gerade solch ein Stolz wird sie nicht hindern, zu ihren Landsleuten die brüderlichen Beziehungen zu pflegen, sondern im Gegenteil dazu beitragen, das Band der Freundschaft enger und fester zu knüpfen. Euer wohlgeneigter Theodore Roosevelt." Die jüdische Gemeindeorganisalion «ud das galisische Kon pv88um«8. Dreißig Jahre sind verstrichen, seitdem der vom Vereine ..Schomer Israel" einberufene Gemeindetag das galizische Judentum zur gemeinsamen Arbeit sür jüdische Interessen und zur Organisierung der jüdischen Gemeinden in Galizien aufforderte. Aus dem damals projektierten galizisch-jüdischen Gemeindebund sollte die moralische Kraft geschöpft werden, um den Staats- und Laudesbehörden Achtung und Anerkennung abzuringen und jeder politischen und ökonomischen Zurücksetzung ein Ende zu bereiten. Dies war unsere Tendenz. Aber schon schien uns die Arbeit getan, schon glaubten wir, ein einiges Volk von Brüdern zu sein, als der Stein des Anstoßes zum Vorschein kam. Der „giter Jüd" von Belz, der Zadik und seine Chassidim begannen ihre finstere Arbeit im Zerstören des bereits Aufgebauten. Die Tagesordnung entiuelt die Errichtung eines Proseminars. Man höre das Unglück! Galizien sollte eine achtklassige Mittelschule erhalten, an der Hunderte jüdischer Jünglinge höheres hebräisch-talmudisches Wissen, verbunden mit dem L.chrstoff des Gymnasiums, erwerben sollten, und sür diese Anstalt, die bestimmt war, eine wahrhaft jüdische Intelligenz heranzubilden, welche die christlichen Zeit- und Studiengenossen um Kopfeslänge überragen würde, stand uns eine Viertelmillion Gulden zur Disposition.- Es bleibt jedenfalls ein nicht zu reparierender Fehler, daß sich die damaligen Führer im „Schomer Israel", wie die nicht rebbefürchtigen Gemeinden einschüchtern ließen von gotlesfürchtigen Pidjonimnehmern und ihren welrflüchtigen Kleinstädter Anhängern. Wie viel Gutes wäre bis heute schon ins Leben getreten, wenn selbst ein Dri tel der Gemeinden als Fußschemel seiner Heiligkeit von Belz abseits geblieben wäre. Konnten wir aber die sancta simplicifcas unserer galizischen Rebbes in ihrem Anfangsstadium als Werk heiliger Auflehnung gegen die Sündigen und Abfälligen begreifen und vielleicht auch diese wegen ihrer Weltfremdheit entschuldigen, so mußte uns jede Sympathie für diese fromme Streiterschar verloren gehen, so sie sich zu einer Partei koudensierteu, um ihre Herrschaft über das galizische Israel 8ub auspiciis gubernatoris zu proklamieren. Der strafende Arm des Belzer Zadik erreicht alle jene, welche des Zionismus oder eines jüdisch-nationalen Gedankens verdächtigt werden. Und dieser Terrorismus des Rebbe wird um so kühner, je mehr die offiziellen und halbosfizielleu Polensatrapen die Herrschaft über Galizien befestigen wollen. Wie viel Weh bringt und brachte schon dieser fromme Augenaufschlag auf die Kleiustadtjuden seiner Umgebung — ad captandam benevolentiam Poloniae. Und diese fromme Sippe findet als freiwillige Mitläufer jene antijüdische Sippe, welche sich als Polacy mojzyezowego wyznania aufspielen, um wieder einige Mandate — allerdings nicht etwa in Wahlorten mit polnischer Majorität — zu erhaschen. Bei einer derartig unglücklichen politischen Lage im galizischen Israel, mit seiner Zersetzung in mehrere Parteien, stößt ein Aufbau unserer zerstreuten Glieder, die die imponierende - Zahl von 900.000 Menschen repräsentieren, auf fundamentale Hindernisse. Kein Wunder also, daß selbst das Volksparlament unserem Volkstume nicht jene Errungenschaften bringt, auf die wir rechnen durften. Statt des einigen Volkes von Brüdern erscheinen im Wiener Parlament zunächst Polen, Deutsche, Tschechen, Italiener, Sozialisten und kaum vier Juden, während die Stimme der „gite Jüden" und ihrer Anhänger den von den polnischen Schecks bezeichneten Antisemiten zufallen. Analog dieser unglücklichen Zersetzung im Schoße des galizischen Israel begegnet die Organisation der österreichischen Konnationalen großen Hindernissen. Wie stellt sich nun die Sachlage heute dar? Vor Jahresfrist wurde wohl dem von Wien ausgegangenen Gedanken der Organisierung aller österreichischen Gemeinden, einschließlich der galizischen, zugestimmt, heute aber setzen der Belzer mit seiner frommen Sotnia und die Polacy mit ihrem verlogenen Fremdenkult als jüdische Pseudopolen dem so dringenden jüdischen Einignngswerke einen unbegreiflichen Widerstand entgegen. Hören wir einmal ihre Argumente. Die „gite Jüden" meinen, sie verlören ihren Einfluß bei Besetzung von Rabbineruud Schochtimstellen u. s. w., so es in der Organisation eine Zentralbehörde geben würde. Vom religiösen Standpunkte wären derartige Bedenken, trotzdem die Autonomie der Gemeinden in 'der Organisation vollkommen gewahrt werden soll, vielleicht begreiflich, ob aber dieses großherrliche Gebaren seitens der „Gitejüden"-Partei rein aus Gottesfurcht entspringt, in dem Sinne, daß nur fromme und tüchtige Talmudgelehrie auf den Rabbinatsstuhl berufen werden, oder vielmehr dem Zwecke dient, daß die Rabbinen in ständiger finsterer Abhängigkeit von den Rebbes gehalten werden, das ist noch eine unentschiedene Frage. Wie wir diese Wundermänner Belzer Zuschnittes kennen, ist es ihnen vorzüglich darum zu tun. sich ihre Dunkelherrschast zu erhalten, und ein Blick in ihre Domäne wird belehren, welches strenge, strafreiche Regiment da waltet, und zwar sehr oft unter Zuhilfenahme des Armes der autonomen wie der k. k. Behörden. Den Rebbes gesellte sich neuester Zeit die äußerste Assimilationspartei von der Couleur Zyd-polak, richtiger Polacy mojzeszowego wyznania, zu. die heute noch die größeren jüdischen Gemeinden Galiziens in Corda hält. Was fragen diese Knltusrepräsententen nach der hohen Bedeutung eines Gemeindebundes, dessen Gründung im eminentesten Interesse der 174 -Million ihrer Stammesgenvssen liegt, ihr ganzes Sinnen und Denken ist nur darauf gerichtet, daß sie dann nicht mehr imstande wären, die 900.000 Jitden beit polnischen Asemiten zu Füßen zn legen. Dadurch würde die polnische Herrscherlust auf ein kleineres Areal zurückgedrängt. Die jüdische Panscizna müßte endlich aufhören und die Betroffenen Hütten zunächst einige ihrer Mandate in den Bertretungskörpern eiuzubüßen.