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Die Wahrheit · 1909-02-12 · Heft 7 (12.2.1909) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 7 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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In den letzten Tagen wurde dem Spitale der Wiener Israel. Knltnsgemeinde die hohe Ehre eines Besuches durch den Erzherzog Ferdinand zuteil. Ueberdenselben wird uns solgendes gemeldet: Am 8. Februar l. I. wurde das Spital der Wiener israel. Kultusgemeiude dom Kammervorsteher des Herrn Erzherzog Ferdinand verständigt, daß Seine kaiserliche und königliche Hoheit noch am selben Tag das Spital zu besichtigen wünsche. Zur Begrüßung des hohen Gastes hatten sich der Präsident der israel. Kultusgemeiude Dr. Alfred Ster n, namens der Spitalskommission k. k. Baurat Wildelm S t i a ß n y und der erste Sekretär der Knltnsgemeinde kaiserlicher Rat Dr. Theodor Lieben eiugesunden. Präsident Dr. Alfred Stern stellte nach einer kurzen Begrüßung den Direktor des Spitales Hofrat Professor Dr. Leopold O s e r. sowie die Primarärzte Professor Z u ck e r k a n d l und Dr. F l e i s ch m a n n vor. Ueber die Veranlassung des Besuches äußerte der Erzherzog dem Primarius Dr. Fleischmatm gegenüber, daß er über die Anstalt, besonders aber über die äußerst humane Behandlung, welche hier den Patienten zuteil wird, so viel rühmliches gehört habe, daß in ihm der Wunsch rege geworden, das Spital ans eigener Anschauung kennen zu lernen. Unter Führung des Hosrates Professor Oser nahm der Erzherzog sämtliche Lokalitäten in Augenschein und besichtigte in der Abteilung für interne Krankheiten das Röntgeninstitut, wo ihm vom Leiter desselben, Dr. Robinsohn, verschiedene Röntgenaufnahmen demonstriert wurden. Großes Interesse erweckte die moderne Einrichtung der Operationssäle und der von Ingenieur Sommer konstruierte Fulgnrationsapparat. Im histologischen Arbeitszinnner fiel dem Erzherzog die überaus reichhaltige Sammlung von Blasen- und Nierensteinen ans. Nach Besichtigung der Küche wurde der Rnndgang beendet. Der Erzherzog sprach mehrere Patienten in leutseligster Weise an und erkundigte sich besonders bei dem Rechnungshauptmann Ferenczy über dessen Besinden und wünschte ihm baldige Genesung. Nach Eintragung seines Namens in das Gedenkbllch, dankte der Erzherzog dem Präsidenten Dr. Alfred Stern und den übrigen Herren und drückte seine vollste Anerkennung über das Gesehene aus. Es ereignete sich in den letzten Dezennien wohl zum erstenmal, daß ein Mitglied des Kaiserhauses ein jüdisches Institut ilt Wien mit seinem Besuche beehrt und durch höchste Persönlichkeiten unmittelbarer Einblick genonmmen wird, wie die Wiener Kultusgemeinde ihre Humanitütspflicht erfüllt. Bei jeder Umbildung der Regiernngsbank im österreichischen Parlamente gewinnt die antisemitische Partei an Einfluß, und diese für uns Juden wenig erfreuliche Tatsache wird leider auch durch die Zusammensetzung des neuen Kabineltes B i e n e r th bestätigt. Der bisherige Präsident des Abgeordnetenhauses Dr. Weiskirchner ist Handelsminister geworden, das Jnstiz- und Unterrichtsministerium wird von Männern dentschnationaler Couleur verwaltet werden und auch in den übrigen Ministerien zeigen sich intime Beziehungen zu der Wiener Rathauspanei. Angesichts dieser Verhältnisse erweist sich die energische Verfolgung des Organisalionsgedankens innerhalb der jüdischen Gemeinden als eine unabweisliche Notwendigkeit, und wer sich diesen Bestrebungen widersetzt, begeht geradezu ein Verbrechen an seinem Volkstum. fr * fr Vor einigen Tagen ist der ehemalige Hosprediger Adolf Stöcker gestorben, der erste Agitator der anttseminichen Bewegung in Deutschland, die von dem edlen Kaiser Friedrich als eine Schmach, für das Vaterland bezeichnet wurde. Im deutschen Reiche hat die Partei des rüden Judenhasses, wenn sie auch sozial und gesellschaftlich sich vielfach durchsetzen konnte, wohl niemals besonderes politisches Gewicht erlangt, aber bei uns in Oesterreich hat Stöcke r gelehrige Schüler gefunden und seine Jünger sind jetzt die Gewaltigen lind Mächtigen im öffentlicherl Leben. * * -i- Anläßlich der Mandatsniederlegung Stöckers wurde ein lange nur in intimen Kreisen bekanntes und höchst ergötzliches Gescbichtchen kolportiert, aus der Zeit, da der fromme Hofprediger sein Unwesen am lautesten trieb: Zu Anfang der achtziger Jahre, als der Stöckersche Petitionsrummel gegen die Gleichberechtigung der Inden in Szene gesetzt wurde, kam ein Formular auch an einen jüdischen Tierarzt ilt Essen, dessen Konfessioil dem Zusender offenbar — trotz aller Schnüffelei — unbekannt geblieben war. Herr H. legte das Papier beiseite. Als er aber nach einiger Zeit gemahnt wurde, die von ihm gesammelten U n t e r s ch r i f l e u einzuschicken, holte er das Ding wieder hervor und schrieb darauf mit lakonischer Gedrängtheit: „Ich habe me ine Patienten nicht zur Unterschrift bewegen können. — H. Tierarzt." * Ueber marokkanische I u st i z erstattet der^ Vertreter der Alliance Jsraslite Universelle in Marrakasch, Herr S. Falcon, folgenden Bericht vom 11. Jänner d. I.:

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