Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seue 6 Die Wahrheil Nr. 6. zu bewahren und die jüdische Elhik in ungetrübter Reinheit im Geiste der Propheten zu retten. Der angeschwollene Liebesstrom, von Pauliuischer Quelle entflossen, hat hingegen das zuwege gebracht, was das heutige Judentum, das gar nichts mehr von der Eisdecke spürt und Gesetz und Gebot und Verbot längst über Bord geworfen har, rioch in allen Knochen fühlt und an Leib und Leben tagtäglich erfährt — den unauslöschlichen Haß der christlichen Mitwelt. Aber Völlers kann nicht dafür, wenn er fo denkt. Seine historische Darstellung ist trotzdem meisterhaft, wenn auch nicht einwandfrei. Er sucht auch dem Christeutume gegenüberobjektiv zu sein; er huldigt wirklich, wie er sagt, keiner anderen Leidenschaft als des Wahrheitsdranges. Das; er die Wahrheit nicht immer findet! Wer kann es nicht mitfühlen, wie schweres ist. Die Wurzel der unzähligen Jrrlümer in der Beurteilung des Christentums sieht er darin, daß man es als palästinensisches Erzeugnis, wesentlich dem Judentum entfprungell, hinstellt. Und darin hat Völlers vollkommen recht. Der Aufbau und Ausbau des christlichen Dogmatismus, Mythos unb des ganzen Gebäudes der Kirche ist ohne M i t h r a g l a u b e n nicht verständlich; ohne Hellenismus nicht begreiflich. Die Durchdringung Vorderasiens mit Geist und Form des Hellenismus ist ausschlaggebend. Die jüdische Diaspora war in diesen großen Wandlungsprozeß hineinbezogen. Sowie die iranisch-babylonischen Anschauungen dem Christentum durch das Judentum vermittelt worden sind, so auch der .Hellenismus durch das Judentum der Diaspora. Die meisten Ideen, die man als christlich bezeichnet, sind keineswegs im Schoß des Christentums geboren. An ihrem Zustandekommen haben Syrer und Aegypter, Jranier und Anatolier, Hellenen und Römer gearbeitet. Auferstehung tind Gottesmutter, Trinität und Fegefeuer, alles Mystische, Dämonische ist aus diesem Synkretismus zu erklären. Der glünzende Aufschwung der Wissenschaften der dem Zeitalter des Aristoteles und Alexander folgte, erlahmte und räumte dem Glaubenswege, der Sehnsucht nach Offenbarung, der Mystik, Symbolik und dem Dunkelmännertum das Feld. Das Christentum hat den Untergang des „klassischen Altertums" h'erbeigeführt und den antiken Staatsbegriff zerrüttet; die K i r ch e trat an Stelle des Staates. Die Katastrophe dieses Dramas trat im Mittelalter, die Lösung zugunsten des Staates in der Neuzeit ein. Zu ergreifenden Gedattken erhebt sich Böllers im Schlußworte. Die Wahrheit detz Satzes kommt ihm zu Bewußtsein, daß der Gegensatz vvti Ariern und Semiten auf dem Boden der Religionsgefchichte nicht zur Geltung komme. Er meint, daß Arier und Semiten am Komplex der Weltreligionen beide zu ziemlich gleichen Teilen gearbeitet haben. ,.Öb die ethischen Stimmungen, die man gewöhnlich als den Kern des Christentums bezeichnet, mehr aus jüdischer ober hellenischer Urwelt stammen, dürfte auch der gelehrteste und feinsinnigste Kenner kaum mit Sicherheit sagen können." „Es liegt auf der Haud, daß der Ritualismus und der Dogmatismus, der unsere Zeit am kirchlichen Christentum so sehr ausfüllt, weder arisch noch semitisch zu nennen ist." „Zur Zeit liegen die Dinge so, daß in weiten Kreisen die Frage sich aufdrängt, was werden soll, wenn die stillschweigend längst zugegebene Unhaltbarkeit der kirchlichen Lehre auch von den im Staat und der Gesellschaft leitenden Gewalten öffentlich anerkannt wird und die praktischen Folgerungen daraus gezogen werden." „Die Geschichte arbeitet nicht anders als die Natur, indem sie zwar immer Neues schafft, aber immer ans dem alten oder doch gleichartigen Stoffe". „Nur ist die Frage, was als Kern des Christentums betrachtet werden kann." „Mit keiner Periode weist die Gärung unserer Geisleswelt so viel Aehnlichkeit auf, wie mit der römischen Kaiserzeit." Was hier Völlers vom C h r i st e u t u m sagt, gilt teilweise auch v o m I u d ent u m e. Es gärt und brodelt an allen Ecken und Enden; nur i st d i e F r a g e, was a l s K e r n zu betrachten ist mit) was der sehnsüchtige Wunsch und das heiße Hoffen aller ist,. gleichviel ob sie das Ende gekonimen sehen, oder ob sie das alte Judentum f ü r u n ü b e r w i n d l i ch h a l t e n. D i e Z e rt r ü m m e r u n g der Form allein i st k e i n e B ü r gschüft für die Rettung des k ö st l i ch e n Inhalts; solange d i e F o r m lebt, kann w e n i g st e n s a u ch der Inhalt in lebendiger Kraft erhalten sein; die Zertrümmerung der F o r m aber w i r d v o n vielen als unausbleibliche Notwendigkeit erachtet. Was wird und soll milde m Inhalt g ef ch e h e u? Verschiedene Nachrichten. Wien. (Vortragszyklus aus jüdischer Geschichte, Literatur und Kultur.) Dienstag, den 9. Februar 1909. präzise 72S Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architektenvereines, 1., Eschenbachgasse 9, ein Vortrag des Herrn königl. geheimen Regierungsrates Prof. Dr. Ludwig Geiger ans Berlin statt. Thema: „Johann Renchlin und sein Kamps um die Bücher der Inden. Eintritt frei, ohne Karten. Wien. (Jüdisches Musen m.) Die Arbeiten der Architekten, Bildhauer und Maler, welche gemäß dem Aussprnche der Jury mit Stipendien aus der freiherrlich Rothschildschen Künstler-Stiftung bedacht worden sind, gelangen am Samstag und Sonntag dieser Woche zur Ausstellung im Museum. Wien. (O e st e r r e i ch i s ch - I s r a e l i t i s ch e U u i o n.) Mittwoch, den 10. Februar d. I., *,',8 Uhr abends, hält Herr Reichsratsabgeordneter Dozent Dr. Arrhur Mahler in der österr.-israel. Union einen Vortrag über das Thema : „D i e T a u f b e w e g n n g." Die Versammlung findet im großen Saale des „Hotel Gnth", II., Stesaniestraße 14, statt. Der überaus aktuelle Gegenstand des Vortrages dürfte allgemeines Interesse erwecken. Der Zutritt zu der Versammlung ist nur gegen Vorweisung der Einladung gestattet. Wien. (Bet h a - M i d r a s ch, II., Ferdinandstraße 23.) Der Vorstand dieses Vereines hat beschlossen, an dem Bet Ha-Midrasch alljährlich einen Zyklus von Vorträgen zu veranstalten. Diesen Zyklus eröffnet im heurigen Jahre Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Julius M. Bach, und zwar: Donnerstag, den 11. Februar 1909, '/,8 Uhr abends. The m a: „Moses in Bibel und Midrasch," Wien. (B e t h a n s v e r e i n „A m Volker t".) Herr Jakob Gritz seit l. Mai 1876 als Kantor und Sekretär im genannteii Bethanse. 11., Fngbachgasse 7. angestellt, begeht Samstag, den 13. Februar d. I., seinen 70. Geburtstag und zugleich sein 50jähnges Amtsinbiläum. Wien. (G e n e r a l v e r s a m m l u n g e n.) Bei Anwesenheit zahlreicher Mitglieder fand am vergangenen Sonntag in den Räumen des isr. Humanitätsvereines „Eintracht" B'nai B'rith, IX., Universitätsstraße 4, die diesjährige ordentliche Generalversammlung des „Vereines zur E r r i ch t n n g und Erhaltung von Horten für schulpflichtige Kinder" statt. Aus dem vom Präsidenten, Herrn Dr. I. Samuely vorgetragenen Tätigkeitsberichte war zu entnehmen, daß derzeit fünf Horte, und zwar im XIV., XVI. und XX. Bezirke im Betriebe des Vereines stehen und daß in diesen Horten 260 arme Schulkinder an Leib und Seele günstig beeinflußt, ausgespeist und nach Maßgabe der Mittel auch bekleidet werden. Die umsasseude Fürsorge, welche der Verein seinen Schützlingen angedeihen läßt und die auch nach vollendeter Schulpflicht die Unterbringung der Kinder in entsprechenden Bernsen und den Verfolg ihres weiteren Entwicklungsganges beinhaltet, bewirkt die Heranziehung dieser sonst den schädlichen Einflüssen der Gasse ansgesetzten Jugend zu braven Menschen und gnten Juden. Es kann daher nicht Wunder nehmen, wenn ans der Mitte der Generalversammlung dem hingebungsvollen, von einem rührigen Dameukomitee und tüchtigen Schnlniännern nnterstützten Vorstande herzliche Dankeskundgebungen und vollste Anerkennung zuteil wurde. Freilich wurde auch darauf hingewiesen, daß in Wien nach den statistischen Erhebungen 7000 arme jüdische Schulkinder jeder Fürsorge entbehren und daß wohl nichts dringender und wichtiger wäre, als die Ausgestaltung und Vermehrung dieser jüdischen Kinderhorte. Allein ans dem K a s s en b e r i ch t e konnte die betrübende Wahrnehmung gemacht werden, daß diese gerade für uns Inden so eminent bedeutungsvolle Institution nur im geringen Maße von den Besitzenden gewürdigt wird. Es sind im vergangenen Jahre die Einnahmen um fast I< 3000.— geringer gewesen, als die lausenden Ausgaben. Der Verein muß daher auch vorläufig davon absehen, sein nächstes Ziel, die Errichtung eines Mädchen Hortes in der Brigittenau zu verwirklichen. Dem Tätigkeitsberichte war ferner zu entilehmen, daß aus Anlaß des sechzigjährigen Regiernngsjubiläums des Kaisers vom Vereine „Eintracht" B'nai B'rith als Grundstock für einen I n b i l ä u in s - H o r t - E r r i ch t u n g s s o u b EL 10.000.— aus Spenden von Mitgliedern dieses Vereines gewidmet wurden, die, seither durch anderweirige Schenkungen auf X 12.000.— vermehrt worden sffid. Vom Religionsschulinspektor Professor K a n i tz wurde unter Schilderungen der obwaltenden Verhältnisse in treffenden Worten die Notwendigkeit dieser Horte charakterisiert und deren Leistungen rühmendst anerkannt. In längerer, wiederholt von 'lebhaftem Beisalle unterbrochenen Ausführungen gab der Delegierte des Kiiltusvorstandes, Herr Baurat Wilhelm Stiaßny seiner Sympathie für die Institution und der Versicherung Ausdruck, daß es ihm ein Herzensbedürfnis sein werde, im Kultusvorstande ans die weitgehendste Förderung des Vereines hinzuwirken. Mit der Wiederwahl der bisherigen Funktionäre fand diese Generalversammlung ihren Abschluß. Die Generalversammlung der Jüdischen T o y n b e e - H a l l e, die nunmehr vom Obmanne Herrn Dr. Samuely eröffnet wurde, entrollte