Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6. Die Wahrheit Seite 5. vielleicht ist Inst aber ebenso wenig Patriot, als Liberaler, wenn ihn auch die „Presse" mit aller Gewalt dazu stempeln möchte. Uns jedoch, die wir nie so recht an die allein seelig machenden Lehren dieses Blattes zu glauben vermochten, schwebt die schicksalsschwere Frage auf den Lippen: In welches Stadium wird wohl die In den frage in Ungarn treten, wenn die Jufts ans Ruder gelangen sollten? S. V i n e t a. Die Weltrrligwnen. Von Karl Völlers. Eine tendenziöse Besprechung von D. Feuchtwang. (Schluß.) Der Islam ist ebenfalls ein Niederschlag desselben Synkretismus, dem das Christentum entsprungen ist. Das Gebiet der großen und fruchtbaren religiösen Gebilde fällt mit dem der ältesten, geschichtlichen Kulturen zusammen. Es kommen hauptsächlich in Betracht: Anatolien, Persien, Medien und die Gebiete des Indus und Ganges, Mekka, Medina, Sinai, Jerusalem, Galiläa, Babylonien. Babylonien ist ein religiöser Herd von zentraler Bedeutung; die Sinaihalbiusel im andern Mittelpunkt. Ein bis jetzt wenig gewürdigter Herd religiösen Lebens ist Anatolien. Seine Wirkungen lassen sich in hellenischen Kulten, im syrischen Mischglauben, im Milhratum, im alten Christentum und im Islam erkennen. Die Semiten und die asiatischen Arider sind die eigentlichen Schöpfer der großen Religionen. Sicher ist, daß die alte einseitige Auffassung der Semiten als der eigentlichen Träger der religiösen Entwicklung, nicht vor der geschichtlichen Betrachtung bestehen kann. In die Zeit von 750 bis 250 v. Chr. fällt die Tätigkeit der großen Propheten des Alten Testaments, des Stifters der medischen Lichtreligion, des erhabenen Predigers von Benares, des Pythagoras in Unteritalien, des Plato in Hellas; fällt die Umgestaltung der Religion Palästinas, das Aufkommetl der Mysterien an den Gestaden des ägäifchen Meeres, Wandlungen in Babylonien und Assyrien. Kongfntse in China. Wie die altpersische Religion mit babylonischen Gedanken arbeitete, so die jüdische mit babylonischen und persischen, die christliche mit diesen und anderen Bestandteilen. Babylonien und Assyrien kommen mit Rücksicht auf ihre sachliche Bedeutung zuerst in Betracht, an sie schließen sie die vorchristlichen Semiten, die Kananäer, Hebräer und Aramüer. Die geschichtliche Sonderstellung der Hebräer kommt zu entsprechendem Ausdruck. Nach dem politischen Zusammenbruche des Judentums kommen die Perser und das Christentum in Betracht. Bon da aus ergibt sich der Uebergang zu Indien. Daran schließt sich die Beleuchtung der abschließenden Gebilde, des Christentums und des Islam. Völlers betrachtet mit kundigem Forscherauge alle diese großen Gebilde und zeichnet ihre Entwicklung mit künstlerischem Griffel. Eine ungeheuere Fülle von Wissen. Beobachtung und Reflexion ist hier mit durchsichtiger Klm heit und objektivem Urteil znsammengetragen und zu einem höchst interessanten, geschmackvollen, aufschlußreichen Ganzen vereinigt worden, das in engem Rahmen eine ganze Welt in sich faßt und dem Leser ebenso viel Genuß wie Belehrung bietet. Der „Religion des Alten Testaments" ist eilt eigenes Kapitel gewidmet. Natürlich ist auch für Völlers, wie für alle protestantischen Forscher das Judentum, als ein Teil der nordsemitischen Völker, nur von großer Bedeutung, weil es in das Christentum ansmünder. Er steht in jedem Betracht auf dem Boden Wellhansens, den er als unfehlbar ansieht. Die Kritik, die seit anderhalb Jahrhunderten am Werke ist, hat das traditionelle Bild der Religion des Alten Testaments „ans den Kopf gestellt". Was früher Anfang war, ist an das Ende gekommen; was mau in die Wüstenwanderung verlegte, ist der persischen Zeit zngewiesen. Die vorexilische Zeit erweist sich im Kampf zwischen Jawe und Baal, die nachexilische als ein Kampf der heiligen Gemeinde und der umgebenden Völkerwelt. Von diesem Gesichtspunkte aus wird nun alles betrachtet und geschildert. Der unbedingt erforderliche Einschlag der Tradition, ohne die das Judentum schlechterdings unverständlich und unbegreiflich ist, fehlt vollkommen im Bilde. Das ist der Grundfehler und daran scheitert auch das so schön gebaute, durch das weltumfassende Meer segelnde Schiff. Es gilt hier, was von den großen, gelehrten Arbeiten der namhaftesten protestantischen Forscher auf dem Gebiete des späteren Judentums gilt, von Männern wie Wellhauseu. Kueuen und Schürer, daß sie mit fertiger kritischer Hypothese an die Tatsachen herantreten und das Ueberlieferungsmateriale nnwifsenschaftlich benützen. Diesen schweren Vorwurf habet! inzwischen diese Forscher von Männern, wie Hoffmauu, Güdemauu. Perles. Eichelbacher, Büchler u. v. a. nicht nur gehört, sondern urkundlich bewiesen erhalten; umsonst. Nur eines sei erwähnt. Die im Pentateuch geschilderten, gesetzlichen Zustände und Verhältnisse werden von der gesamten Kritik als nachexilisch betrachtet. Und doch steht es jetzt fest und wird von ernstesten Forschern angenommen, daß diese Hypothese nicht nur überflüssig, sondern unwissenschaftlich fei. Bis zur Evidenz hat D. H. Mülle r in seinem Hammurabi nachgewiefen, daß der engsteZnsammenhang zwischen der mosaischen Gesetzgebung und der des großen Babyloniers bestehe; daß aber die mosaische Gesetzgebung ursprünglichere Formen anfweise als jene. Beide hätten aus einem Urgesetze geschöpft. Das Gesetz Mosis aber bekundet Milde, Weisheit und ethische Größe. Die Gesetze im Bnndesbuche sind nicht so beschaffen, daß man deren Entstehung ans inneren Gründen erst in eine spätere Zeit setzen muß. 'Sie konnten in Kanaan zur Patriarchenzeil, in Aegypten und in der Wüste Antvendnng gefunden haben. Sie m ü s s e n zur Zeit der Patriarchen herrschend gewesen sein, weil die Patriarchengeschichten ans Verhältnisse aufgebaut sind, welche die Gesetze Hammurabis voraussetzeu. Der wohlbezengte Zug Abrahams ans Ur-Kasdim mib Harrau, dem Heimaislande Hammurabis. noch Kanaan kann als der mögliche Weg angenommen werden, auf dem diese Gesetzessysteme nach dem Westlande gekommen sind. Die Geschichte des Lebens der Patriarchen bildet vielfach eine Illustration zu den alten Gesetzen, welche bei Hammurabi erhalten sind. So spricht ein kritischer Forscher vom Range und der Bedeutung eines D. H. Müller, der tveder Theolog noch auch Apologet ist und dem es ausschließlich um die philologische und historische Wahrheit zu tun ist. Im K a m p f e gegen e i n e W e l t in Waffen hat er diese seine Behauptungen, so wie auch die der Beeinflussung des Zwölftafelgeietzes und des syrisch-römischen Rechtskodex durch den Kodex Hammurabi verteidigt und gegen M i t e i s und K v r s l e r und viele andere zum Siege geführt. Was von diesem Teile der jüdischen Ueberlieferuug gilt, gilt aber auch von andern Teilen. Tie Kritik hat über das Ziel geschossen und der gewaltige historisch-kritische Aufbau der protestantischen Schule wankt in seinen Grundfesten. Das gilt sowohl von dem reinen historischen Tatiachenmateriale wie insbesondere von dem religiös-ethischen Ideen, die schließlich das wichtigste in den Ueberliefernngen der Heiligen Schriften sind. In diesell unerschütterlichen Einbildungen ist auch Böllers befangen. Seine Darstellung der Religion des Alten Testaments ist deshalb schief. 'Rur das Propveientrim, und karlm dieses, läßt er gelten; auch nicht einmal den Ruhmestitel der Entdeckung des Monotheismus. Daß sich dann die spätere Enttoicklnng des Judentums selbstverständlich io abspielt, wie sie Schürer darstellt, ist einleuchtend. Wie unter eitler starken Eisdecke ein dünner Lauf fließenden Wassers, so erhielt sich unter dem Wust von Geboten imd Verboten ein Rinnsal echter lebendiger Frömmigkeit, wesentlich mil dem Gepräge prophetischen Geistes: Unerschütterliches Gottvertrauen, Gerechtigkeit. Treue. Redlichkeit, Wahrhaftigkeit, mehr Innerlichkeit als Aenßerlichkeit, mehr Gesinnung als Brauch und Förmlichkeit, mehr Individualität als Kollektivismus und Herdengeist. Wir hören das Murmeln dieses Bächleins in den Psalmen, den Proverbien und einigen jüngeren, prophetischen Erzeugnissen; im Evangelium und bei Paulus schwillt es zum Strome an, der (allerdings nicht ohne Beimischung von Schlamm und Schmutz) die Länder überflutet. Die Eisdecke sind natürlich Talmudismns und Rabbinismus, diese fürchterlichen Kobolde und Unholde, welche das Verbrechen begangen haben, das Judentum vor dem Heidentum