Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Di? Wahrheit Nr. 6. heimgesendet wurde, unerfüllt bleiben werden. Bekanntlich soll das Land in konfessionelle Kurien eingeteilt werden, aber bei den Vorbereitungen für den bosnischen Landtag hört man wohl von der Schaffung einer mohammedanischen, einer katholischen und einer griechisch-orthodoxen Wahlknrie, aber von einer jüdischen Kurie ist keine Rede. Hoffentlich werden sich unsere bosnischen Glaubensgenossen noch rechtzeitig nnd mit allem Nachdrucke um ihre bedrohten Rechte anmelden nnd die Regierung auch an ihr gegebenes Versprechen erinnern. Wie wir erfahren, hat auch das Präsidium des „allgemeinen österr.-israel. Bundes" eine Aktion eiugeleitet, um dieser befürchteten Zurücksetzung der Inden entgegenzutreten. » * Die merkwürdige Praxis der „Sountags"ruhe, die durchaus nicht einen jeden nach seiner Faoon selig werden lassen will, führte in Sarajewo, wo die Zahl der Inden, Christen und der Mohammedaner die' gleiche ist, zu dem halbparadiesischen Zustande, daß dort der Freilag, der Sonnabend und der Sonntag als gesetzliche Ruhetage gelten. Die Einsicht, das; eine mit aller Strenge durchgeführte konfessionell eingeteilte Ruhezeit nicht nur den Forderungen religiöser Toleranz, sondern auch denen sozialer Gerechtigkeit voll entspricht, scheint sich auch hier, wo der wirtschaftliche Schaden der alten Einrichtung so offenkundig ist, nicht durchsetzen zu köntien. * * Jm frommen Bayerland hat die Scheidung nach Konfessionen wohl die größten Fortschritte gemacht. Mit der Errichtung der neuen bayerischen Strafanstalten in A i ch a ch und Landsb e r g ab 16. Januar d. I. sind neue Vorschriften über die Einweisung von Verurteilten in die Strafanstalten in Kraft geti'eten, ivelche im neuesten Jnstizmiuisterialblatt veröffentlicht werden. Gleichzeitig tritt auch eine Scheidung der Strafanstalten in solche, in denen ausschließlich Büßer des katholischen Bekenntnisses, und solche, in denen Büßer der übrigen christlichen Bekeutnisfe und solche der israelitischen Konfession unterzubriugen sind. Nun wird es, wie ein bayerisches Blatt boshaft hiezu bemerkt, nicht mehr Vorkommen, daß ein p r o t e st a n t i s ch e r Einbrecher bei einem j ü d i s ch e n K a u f m a n n eine katholische Unterhose stiehlt! Die Verbrecher werden religiös genug fein nur bei Personen ihres Glaubensbekenntnisses zu „arbeiten". * * Dr. Minkowski, ordentlicher Professor der Mathematik in Göttingen, der am 12. Januar infolge einer Blinddarmoperalion plötzlich ans dem Leben geschieden ist, war Jude. Wie wir von berufener Seite hören, war Minkowski eine Zierde der Wissenschaft, der ihre Grenzen in geradezu genialer Weise erweiterte nnd der im Inimd Auslände von allen Fachgenosfen als einer der a l l e r e r st e n M a l h e m a t i k e r der Gegenwart anerkannt war. Geboren 1864 in Rußland, studierte er in Königsberg mtb Berlin und erhielt 1893 einen Ruf nach Bonii als arißerordentlicher Professor, wurde 1894 in gleicher Eigenschaft nach Königsberg berufen, wo er dann 1895 ordentlicher Professor wurde. Im nächsten Jahre wirkte er als ordentlicher Professor am Polytechnikum in Zürich, von wo er nach Göttingen berufen wurde. Juttas Inst. Dem Weltblau der „Neuen Freien Presse" ist wieder etwas Menschliches passiert, was man ihr umsomehr nachsehen muß, als ihr der Lapsus unmittelbar nicht zur Last gelegt werden kann. Wenn sie nämlich vorige Woche dem vom Kaiser berufenen, hier weilenden Präsidenten des ungarischen Abgeordnetenhauses Julius Just einen Artikel widmete, in welchem sie dessen Gemüts- und Charaktereigenschaften einer psychologischen Analyse von großer Feinheit unterwarf, als gälte es die Autopsie einer Leiche, oder die mikroskopische Untersuchung eines anatomischen Präparates, nnd wenn sie nach getaner Arbeit zu dem Ergebnis gelaugte. Just sei ein Liberaler vom alten Schlage, der vielfach an H)eak gemahne, so ist zu bedenken, daß der Presse das Rohmaterial nicht minder, als das ganze Rüstzeug zu dieser Studie von ihrem Budapester Korrespondenten geliefert worden; es ist des ferneren klar, daß die bemitleidenswerte Presse kein gutes Bild malen konnte, wenn der fürstlich besoldete Berichterstatter für ihr gutes Geld nicht mal haltbare Farben geschickt, — der Einfaltspinsel. Ja, ja, mau soll den Tag nicht vor dem Abend loben, den Inst — aber auch nicht. Im Morgenblatt stands an der Spitze in langatmigen Tiradeu „Just ist einer der Uusrigen, ein Liberaler", im Abendblatt, in einem entlegenen Winkel desselben mußte man berichten, der ungarische Präsident sei zu seinem österreichischen Kollegen, dem Dr. Weißkirchner, gegangen und habe mit ihm fraternisiert. Dies wurde schlankweg nnd ohne Glosse hingestellt, nicht etwa mit dem Falstaffschem Stoßseufzer „ich wollte es wäre Schlafenszeit Heinz und alles gut", nein, in dnmm-pfisfiger Weise, als wäre nichts dabei und alles in Ordnung, als könne man deswegen zur Nacht, zur selbigen Nacht, die auf dies Morgenuud Abendblatt folgte, ganz ruhig schlafen. Uud sie schliefen auch wirklich den Schlaf des Gerechten die braven Presfeleser, denen ihr Leibblatt Wind und Wetter macht, damit sie politisieren können. Das ist ja so schwer nicht. Im Kaffeehaus, zwischen einer Tarock- und Billardpartie braucht es weder zu stürmen, noch zu schneien und des Abends beim prasselnden Ofen, wenn das Blatt ein Schlummerlied anstimmt, schon gar nicht; da ist der Eindruck des morgendlichen Artikels schon längst verwischt und niemand fühlt sich vernicht, den bekannten Satz aus der Müller'fchen Schicksalstragödie, „Erkläret mir Graf Oerindnr diesen Zwiespalt der Natur" zu zitieren und an die Adresse der Fichtegasse zu richten. Trotzdem muß seit der Begegnung der Reichstags-Präsidenten beider Reichshälften — zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlag — das Charakterbild des einen derselben, d. i. Justs, in der zeitgenössischen Geschichte schwanken, wie das Wallensteins für alle Zeiten. Welche Beurteilung die Episode drüben in Ungarn sindet, möge eine Stelle aus dem „Vor8826rockanüo"dartnn, deren wörtliche Uebersetzung folgen mag: „Julius Just, den Prokuristen der Bankabteilung der Unabhängigkeitspartei, haben seine Getreuen io gefeiert, wie den griechischen Helden, den seine Mutter mit dem Ausruf ,,mit dem Schild, oder auf demselben!" in die Schlacht schickte. Der steisnackige Präsident des Hauses wählte keine der beiden Möglichkeiten. Statt dessen ging er schön ins österreichische Abgeordnetenhaus uud ließ sich mit Dr. Weißkirchner photographieren, mit dem Grauchen, dem Packesel der Luegerianer, der der Präsident des österreichischen Parlaments. So macht der Löwe der ungarischen Wüste (puszta) im Anfang des 20. Jahrhunderts kluge Politik, er schneidet eine freundliche Grimasse vor dem Photographen." Diese Entrevue entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Bis jetzt konnten die Königskinder nicht znsammenkommen, die Judäomagyaren und die österreichischen Antisemiten; das Wasser war viel zu tief. Will nun Just die Brücke über die Leitha schlagen? Es wäre nicht so unwahrscheinlich. Beide Parteien haben sich aus oppositionellen Anfängen, aus Niederungen und hinterwäldischer Derbheit auf steile Höhe emporgeschwungen; sie sind Exzelleuzherren geworden uud sitzen im Rate der Krone und gleich und gleich gesellt sich gern. Alle Auspizien sprechen denn auch dafür, daß Herrn Just, den - ungarischen Wüstenlöwen, ein geheimer Zug des Herzens zum langohrigen Hausuud Zugtier der Luegerianer hiuzieht. Es hat bisher zu den leitenden Grundprinzipien der ungarischen Politik gehört, die im Gebiet der ungarischen Stefanskrone in buntscheckiger Anzahl befindlichen Nationalitäten in strenger Zucht zu halten, die willig ungarisch sprechenden Juden als Bundesgenossen anzusehen und dieselben als solche selbstverständlich glimpflich zu behandeln. Es ist bekannt, daß Just die nonchalante Meinung hegt, die straffenZügel der Nationalitätenpolitik seien zu lockern. Von da zu dem verschleierten Wunsch, der lästigen, jüdischen Gefolgschaft eutraten zu können, ist nur ein Schritt. Wie sich Just dabei die Erhaltung und das Jntaktbleiben der magyarischen Hegemonie vorstellt, bleibt dunkel.