Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Nr. b. Seite 7. Interessenten;. in Berlin sind ü b e r zweihundert Mi tg lieb er. Wien hat es bis nun trotz eifrigster Bemühungen noch nicht zu einer jüdisch-literarischen Gesellschaft, geschweige zu einem jüdisch-wissenschaftlichen Blatte gebracht; denn die von Zellinek gegründete, so schöne Zeitschrift „Bet-Hamidrasch" ist lange eingeschlasen. Grnnwalds „Mitteilungen" müssen ins Ausland gehen und dienen speziell der jüdischen .Volkskunde und die sonstigen Blätter sind in erster Reihe politisch. Und da wundert man sich mtb spottet darüber, daß man in Wien die jüdische Literatur, Geschichte und Wissenschaft nicht kenne. Gebet mir die Mittel dazu und ich schaffe Euch in einem Monate eine respektable, auch populäre Zeitschrift für jüdische Wissenschaft; aber Ihr müßtet sie auch kaufen und namentlich lesen! Denn uns Fachmännern dient das Vorhandene! Auch ist es sehr fraglich, ob dieses akademische Judentum etwas besser macht. Doch das Beispiel des Organes der oben erwähnten „Gesellschaft," nämlich der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" und ihr „Jahrbuch" zeigen, wie man wissenschaftlich und doch populär sein kann. DieGesellschaft arbeitet mit großem Erfolg an der Verbreitung der Kenntnis über alles, was die Vergangenheit des Judentums anlangt. Wir i n Oesterreich können dem nichts an bie «Seite setzen. Keine „Gesellschaft," feine organisierte n, über alle Länder v e rbreiteten n u b wirkenden L i t e r a t u r v e r e i u e, keine Zeitschrift, keine a it f k l ü r e n d e n Flugschriften; nichts dergleichen. Wenigstens nichts in großem Styl. Es sei denn, daß unter Ausschluß der Öffentlichkeit innere Mission betrieben wird, was ja immerhin möglich wäre und in gewissem Sinne sicherlich auch der Fall ist, zumal es ja — leider in bestimmten Fällen ganz sinnlos und grundlos — geschlossene Gesellschaften gibt, die solche innere Mission vielleicht mit Erfolg betreiben. Das alles aber genügt nicht. K e i n e e i n z i g e w i r k l i ch berufene Persönlichkeit, berufen durch Stellung und Wissen auf dem S p e z i a l g e b i e t e d e s j ü d l s ch e n Gesamtlebens der Vergangenheit, steht an der Spitze. Im Gegenteil; man geht diesen aus dem Weg, schaltet sie ans, drückt sie an die Wand. Da kann natürlich dann n u r Dilettantismus herrschen. Solche K u l t n rarbeit kann man aber nicht extemporieren. E s g e h ö r t d i e H i n g e b n n g des g au z e n L e b e n s und der ganzen Kraft dazu; nebenbei kann man i n n e r e j ü d i s ch e K u l t u r a r b e i t n i ch t l e i st e u; am allerwenigsten, wenn mau, gewiß von besten Absichten erfüllt, sich seine Ideen eben erst aus der nächstgelegenen Bibliothek holen muß. Es kann aber gar nicht anders sein, wenn die durch Bildungsgang, Stellung und Beruf Berechtigten und namentlich Verpflichteten wenig oder gar nicht befragt werden. Solche Gedanken rief Völlers Buch in mir wach. Denn auch dieses Blich ist der Aufklärung der gebildeten Massen gewidmet, die sich in Deutschland nach Belehrung über Religion und Religionsgeschichte sehnen. Dort gibt es S u ch e r und Frager, wie Völlers sagt, zu Hnnderttansenden. Es wäre zu wünschen, daß es sie auch hier gäbe. Völlers behandelt dasBuddhat u m, Christent u m und den Islam. Denn diese sind die drei herrschenden Weltreligionen. Nur sie haben sich über außerordentlich große Gebiete verbreitet, haben eine große Zahl von Bekennern nnd haben die Grenzen ihrer Heimat überschritten und die Schranken ihrer Nationalität durchbrochen; sie sind sogar alle drei ihrem Geburtslande mehr oder lveniger entfremdet. Das Judentum kann trotz seiner Verbreitung über die meisten Teile des Erdballs wegen der geringen Bekennerzahl, des Mangels nationaler Einheit nicht den Anspruch auf den Titel einer Weltreligion erheben; es ragt „ivie ein ehrwürdiges Ueberbleibsel" in unsere Zeit hinein. Das Bnddhatnm ist das reife Ergebnis der altindischen Religion und Philosophie. Um es zu verstehen, muß man auf die Nachbarn und Verwandten der arischen Inder, die alten Perser, zurückgreifen. Das Christentum gilt gemeiniglich als ein Erzengitis der jüdischen Entwicklung. „B e i d em j etzi g en S tau d e d er F o rs ch ung tut man besser, die h e l l e n i st i s ch e, mit o r i e ntalischenBeimischungen versehene Entwicklungslinie neben dem Judentum als gleichwertig zu nennen, um die Keim form unserer Religion zu b e g r e i f e n." _ (Schluß folgt. , Ilclicv den Inbegriff des Guten nnd Kosen im alten nnd «enen Testamente. (Eine literarische Skizze.) Oeffnet das jüdische Volk seine heiligen Schriften, liest der Lehrer dieselben mit der Jugend, so findet sich keine einzige Stelle, welche Haß nnd Feindschaft gegeu jetzt lebende Völker enthielte. In den jüdisch-religiösen Schriften des Mittelalters werden die Christen ausdrücklich als M o n o t h e i st e n erklärt, deren Sinn auf den Schöpfer des Himmels und der Erde gerichtet ist. (Bechoroth I, 1 in den Tosaphoth). Auch unsere Feinde von ehedem, die alten Antisemiten, Pharao, Amalek, Hainau, rc. werden nicht wegen ihres heidnischen Glaubens angeschuldigt, sondern einzig nnd allein wegen ihres gottlosen Wandels und ihres rachsüchtigen Handelns, so daß sie dieser Untugenden halber mit dem Beinamen „Roscho". d. i. der Frevler, der Bösewicht, gekennzeichnet werden. Sie alle sind jetzt für uns Schattengestalteu, in Wasserfarben verschwommene Figuren, denen nichts Böses widerfährt, außer daß Haman am Purimfeste noch in manchen orthodoxen Synagogen von den Kindern in effigie — geklopft wird. Der Gegensatz, den unsere heiligen Schriften hervorheben, ist ein rein h n m a n e r, rein menschliche r, zwischen Gut und Böse, Gerecht und Ungerecht, Fromm und Gottlos, und dieser Gegensatz geht auch durch die ganze gesittete Welt. Schon Cicero bemerkt wörtlich in seinem Werke „de legibus“ I, 11 (über die Gesetze) „Wie verschieden auch die religiösen Ansichten bei verschiedenen Völkern seien, so daß manche Hund und Katze als Götter verehren, — welche Nation liebt nicht Milde, nicht Gute, nicht den dankbaren und der Wohltat gedenkenden Freund? Welche Nation verachtet, haßt nicht die Uebermütigen, die Niederträchtigen, die Grausamen nnd die Undankbaren? Da nun in diesen Dingen das ganze Menschengeschlecht einig erfunden wird, so ist daraus zu schließen, daß der Vorsatz, rechtschaffen zu leben, die Menschen besser macht." D a s ist auch der Gegensatz, den unsere heiligen Schriften folgerichtig festhalten. In den heiligen Liedern Davids, ja fast in jedem Psalm werden Tugend und Gerechtigkeit gefeiert. Unrecht aber nnd Laster gerügt nnd strafend gerichtet. Die Verheißitng des Guten für die Guten nnd die Verhängung der Strafe öder des Bösen über die Bösen gilt allen Menschen nnd „Niemand ist so gerecht auf Erden", sagt der weise König, „der nur Gutes täte und niemals sündigte." (Pred. 7, 6.). Anders jedoch im Christentum. Hier erscheint als persönlich gewordener Inbegriff des Guten ein bestimmter M e u s ch, und es mag uns Juden ein hohes Selbstgefühl durchdringen, daß wir der christlichen Menschheit einen Menschen gegeben, all welchem sie am Guten sich aufrichte, während n n s e r Ideal in den Worten unvergänglich bleibt: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich der Ewige euer Gott" und ferner „an den Ewigen sollt ihr euch anschließen" d. h. nach den Erklärlingeu Maimonides „schließe dich seinen Eigenschaften an, wie Gott gnädig ist, so sei auch du gnädig, wie Er barmherzig ist, so sei auch bu barmherzig." (Maim. Von den Sitten. cap. I. Talm. Sota 14, 1). — Für die Völker des Heidentums jedoch, denen ein unkörperlicher und nnsichtbarer Gott ganz unbegreiflich erschien, war es eine Wohltat, daß ihnen ein M e n s ch als Vorbild und Ideal — nnd zwar durch das Christentum — gegeben ward. Und wer erscheint in den neutestamentlichen Schriften als Inbegriff des Bösen? O, Quelle des Hasses und der Rachsucht, die unter den Nationen der christlichen Welt Jahrhunderte hindurch die Herzen gegen Inden nnd Judentum erfüllt hat — als Inbegriff des Bösen erscheinen im neuen Testament die Gegner des Stifters der christlichen Kirche — die Inden. Und so kommt es, daß der Jude, wenn auch der christliche Prediger noch so