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Die Wahrheit · 1909-01-29 · Heft 5 (29.1.1909) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 5 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 0. Die Wahrheit Nr. 5. des Jahres 1859, seine Reise nach Rom an. nm sich für die Rückgabe des Knaben Edgar persönlich beim Papste zu verwenden.^) Dem päpstlichen Gonvernemeut sollte eine Denkschrift von ihm überreicht werden. Der Segen aller rechtlich Denkenden, nicht nur in . Israel, geleitete den tapferen Mann. Alle Bemühungen aber scheiterten an dem starren „Non possumus" des Papstes. Montefiore schrieb aus Rom, es sei ihm nicht gelungen, eine Audienz beim Papste zn erlangen. Kardinal Antonelli habe es übernommen, das Memoriale des englischen Komitees dem Papste zn übergeben und dabei versichert, es solle alles geschehen, „um der Wiederholung eines ähnlichen Vorfalls vorzubeugen." Ein schwacher Trost. Die Eltern des Knabeil erhielten freien Zutritt zn dem Knaben. Das war alles. Auch die Verwendung des Barons A. R. von Rothschild nützte nichts. Sehr richtig bemerkt der Professor der Theologie zu Berlin, der berühmte Dr. H e n g st e n b e r g: * * * * 6) „Man dachte nicht daran, daß die Sache des obskuren Inden ans dem allerengsten Kreise heransgenommen, europäische Zelebrität gewinnen könnte, und so glaubte man die dringenden Warnungen vor solchen kirchlichen Skandalen, welche Graf Montalembert vor einigen Jahren ergehen ließ, überhören und einem der römischen Kirche rief innewohnenden Gelüste, ihre Satzungen auch da durchzusetzen, wo sie göttliche und menschliche Rechte gegen sich hat, folgen zu dürfen." Der kurzes, aber blurige Krieg in der Lombardei war beendigt, aber der „kirchliche Skandal", um mit dem preußischen Theologen zu sprechen, nicht aus der Welt geschafft. Itiiö „die Vorfälle" von gewaltsamen Indentaufen, haben sich wiederholt, trotz der Versicherung Antonellis, der sie freilich nicht verhindern konnte, da sie in unseren Tagen sich ereigneten, zn einer Zeit, in der dieser einst so mächtige Kardinal nicht mehr unter den Lebenden wandelte und vor einem höheren Richterstuhle die unselige Tat. genannt „Raub des Mortara" verantworten mag. (Schluß folgt.) Dir Meltreligioue». Von Karl Völlers. Eine tendenziöse Besprechung von D. Feuchtlvarrg Völlers ist vor wenigen Wochen gestorben. Eine der reifsten Früchte seines Forschens ist in diesem Werke niedergelegt. Es ist aus Vorträgen entstanden, die der Gelehrte im Winter 1906/07 au der Universität Jena gehalten hat. Das Buch will weder theologisch, noch philosophisch, sondern rein geschichtlich sein; es wendet sich weniger an Theologen, als an gebildete, denkende S u ch e r und Frager. — Solcher gibt es ja in unserer Zeit genug. Allerdings; überall mehr als hierzulande. wo man sich mit rein geistigen Fragen viel weniger beschäftigt, als wie im Reiche. Es ist nicht ohne Interesse, zn beobachten, wie unglaublich stark die Beteiligung des deutschen großen Publikums an der öffentlichen Diskussion religiöser Fragen ist. Das Interesse ist ein allgemeines. Das konnte man seinerzeit beobachten, als Delitzsch seine Vorträge hielt, und kann mau auch jetzt wahrnehmen. Aber auch die I n d e^n De u t s ch l a n d s stehen mitten in der Bewegung, «sie haben von den Protestanten gelernt. Rastlos arbeiten die deutschen geistlichen Vertreter der protestantischen Kirche an der Verbreitung ihrer Schriften. Gelehrte und Laien sind an der Arbeit. Die Ergebnisse der Bibelsorschung im weitesten Sinne des Wortes werden in leicht käuflichen Broschüren zugänglich gemacht. Ganze Bibliotheken werden alljährlich geschrieben: Gutes und Schlechtes. „Religionsgeschichtliche Volksbücher" besorgen eine ganz ausgezeichnete Kleinarbeit, die in den „B i b l i s ch e n Z e i t- und Streitfragen" eine treffliche Ergänzung finden und durch °) In der Synagoge zu Frankfurt a. M. wurde am Sabbathe ein Gebet für das Gelingen der Sendung Montefiores eingeschaltet. Die Mortara-Angelegenheit veranlaßte auch Dr. Leopold Stein, Rabbiner.in Frankfurt, zu seinem Drama „Der Knabenraub zu Carpentras". 6) In der „Evangelischen Kirchenzeitung". 7) Das öftere. Kriegs-Manifest erschien am 28. April, — der Waffenstillstand von Villafranca machte, am 12. Juli, dem Kriegsdrama ein Ende. die große Kollektion „K u l t n r t r ä g e r" auch auf das rein philosophische Gebiet erstreckt werden. Nicht zu vergessen der ausgezeichneten religionsgeschichtlichen Skizzen in der „Kn ltur der Gegenwart." Man hat in Deutschland endlich gefühlt, daß die zahlreichen und oft vortrefflichen, immer aber tendenziösen Arbeiten der christlichen Gelehrten auch in jüdischen Kreisen gesucht und gelesen werden, wo sie schiefe Anschauungen über Judentum und jüdische Geschichte zu verbreiten geeignet waren; zumal ja leider in Jndenkreisen oft genug die Neigung besteht, mit dem Ehristentnm zn liebäugeln und ganz besonders, die jüdische Wissenschaft der protestantischen gegenüber herabznsetzen. Die ultima ratio aller gebildeten Juden war ja bis vor kurzem Wellhausen, und die Krone aller Weisheit Harnack. Das Thema „Judentum und Christentum" wurde und wird in allen Variationen von Berufenen und Unberufenen behandelt. Es war höchste Zeit, daß sich einige tüchtige Männer anfrafften, um die beabsichtigte Irreleitung des großen, gebildeten Laienpnbliknms kräftig zn beleuchten und in scharf nmriffenen Skizzen und Darstellungen die Gedankenlosigkeit und Geschichtsklitterei vieler protestantischer Forscher zu kennzeichnen. Es war Zeit, einem Manne vom Wüchse Harnacks, der durch sein ..Wesen des Christentums" ganz Mitteleuropa eroberte, ein „Wesen des I il d e n t u m s" entgegenznsetzen; eine ..I n d i s ch e Apologetik" zn schreiben, die den Kern ans der Schale lösen und den Finger ans die Wunden der tendenziösen Darstellungen der Gegenseite legte. „Das Judentum im Urteile der protestantischen Theologie" müßte von sorgsamer Hand gezeichnet werden, damit doch endlich das Zerrbild vor den befangenen Angen gerade jüdischer Leser verschwinde. Scheint es doch geradeso, als wollten sämtliche protestantische Forscher von Ruf und Namen ausnahmslos dem wissenschaftlichen Antisemitismus huldigen und die alten, rohen Waffen des Judenhasses in feingeschliffene, haarscharfe Seziermesser verwandeln, die nach allen Regeln der Wissenschaft das Geschäft der Vernichtung noch gründlicher besorgen, als Dreschflegel und Morgensterne. Wie Giftkeime drangen und dringen diese wohlberechneten, in der Anlage und Ausführung ganz ausgezeichneten, quellenmäßig fundierten Arbeiten auch in den Organismus der Judenheit ein. die, soweit es die gebildeten Kreise Mitteleuropas angeht, samt und sonders ein locus minoris resistentiae ist. Denn es fehlt ihr an der genügenden Vorbereitung. Die traditionelle biblisch-talmudische Wissenschaft ist I ihr abhanden gekommen, altgläubige Frömmigkeit und Glaubenssestigkeit hat sie nicht; woher soll da die Widerstandskraft kommen? Analphabeten halten gedruckte Bücher für heilig, wenn sie noch so windig und trugvoll sind. Die Thora gilt nicht; aber, was ein Christ über das Judentum sagt, das ist lauter Gold und eitle Wahrheit. Freilich haben da die jüdischen Literaturvereine wahrhaft segensreich eingegriffen. Die strenggläubigen Kreise, die ihrer nicht so sehr bedurften als wie die liberalen, schlossen sich darin den letzteren willig an, und in ganz Deutschland wird an allen Ecken und Enden energisch gearbeitet und aufklärend, unterrichtend, bildend gewirkt. Und auch in Wien hat man durch öffentliche Vorträge auf die Massen zu wirken begonnen. Noch lange nicht genug. Denn hier erfreut sich die jüdische Geschichte und Literatur einer rührenden Anonymität.' Und selbst in hochgebildeten jüdischen Kreisen stößt man auf eine geradezu imponierende Unwissenheit oder mindestens auf schülerhaft-primitive Tastversuche, sich in dem räumlich und zeitlich ungeheuren Gebiete zurechtzufinden. Daß es dabei zu den plnmpesten Experimenten und blamabelsten Naivetäten kommen muß, ist selbstverständlich. Daß sich diese Aufklärnngsversuche, die oft genug von Blinden und Lahmen ausgehen, in Gemeinplätzen verlieren und heute damit anfangen, was vor fünfzig Jahren als überholt gegolten hat, kein Wunder. Dornröschen erwacht aus tiefem Schlafe, die „Gesellschaft z u r F ö r d e r u n g d e r W i s s e n s ch a s t des I u d e nt u m s" mit dem Sitze in Berlin hat i n W i e n zwanzig Mitglieder, darunter nenn Rabbiner, zwei S e m i n a r P r o f e s f o r e n, e i n e n P r i v a t g e l e h r 1 e n, zwei jüdische Körperschaften und drei sonstige

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