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Die Wahrheit · 1909-01-29 · Heft 5 (29.1.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 5 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Tie Wahrheit ■iUr, 5. Leite 5. Dor einem halben Iahrhnnderle (Ein Rückblick.) Nach gleichzeitigen Quellen von Dr. Max Grünfeld. Wieder suchen wir tu Zeitungett und Büchern u.acf» halbvergessenen Ereignissen, die vor 50 Jahren/ das ist im Jahre 1859. die Welt und insonderheit das Jndentnm, namentlich in unserem O e st e r r e i ch, lebhaft beschäftigten. Unsere rasch lebende Zeit bedarf solcher Erinnerungen, teils zur Vergleichung mit gegenwärtigen, oft sehr ähnlichen Verhältnissen, teils auch, um zu erkennen, daß das rollende Rad der Zeit sich in seinem Laufe nicht aufhalten läßt, so sehr dies auch von mächtigen Faktoren vielfach versucht wird. Es war die „italienische Frage", welche 1859 Europa lebhaft beschäftigte, die Einigung des Königreiches Italien, welche zu Magenta und Solferino führte, zu jenem „italienischen Kriege", der mit dem Waffenstillstände von Villa fr an ca und endlich mit dem Frieden von Zürich, am 10. November dieses Jahres, endete. Napoleon III. hatte Sardinien seine mächtige Hand und kräftige Unterstützung gegen Oesterreich gereicht, und dieses war mit dem Verluste der Lombardei bis zum Mincio aus dem blutigen Kriege hervorgegangen. Obgleich Oesterreich damals noch' nicht seinen Juden alle Ansprüche treuer Landeskinder zuerkannte, hören wir doch von ihren erfreulichen Kundgebungen treuer Anhänglichkeit an Kaiser und Vaterland. Viele jüdische Freiwillige meldeten sich zu den Fahnen. Ein patriotischer Hilfsverein hatte sich in der Wiener Jndenschast gebildet zur Unterstützung der Verwundeten und der Hinterbliebenen der Gefallenen. Namen, wie die Boschans und Eduard Tvdeskos finden wir unter den Komiteemitgliedern des genannten Vereines. In den beiden Gotteshäusern der Gemeinde wilrden Gebete für den Sieg der Waffen Oesterreichs verrichtet. Am Samstag, 25. Jnni, einen Tag nach der Schlacht von Solferino. hielt im neuen israelitischen Tempel zu Wien (Tempelgasse) Dr. Adolf I e l l i n e k eitle begeisterte und begeisternde Predigt, welche unter dem Titel „der Krieg" zum Abdrucke getätigte. In dieser heißt es: „Welcher Stamm und welche Religion in Oesterreich darf sich wahrhaft rühmen, nits, die Bekenlter des Judentums, zu übertreffeti, nicht - au Vorrechten, sondern an strenger Pflichterfüllung, an Treue und Liebe für das Vaterland? Die stolzen Adler unseres Kriegsheeres, breiteit sie nicht ihre Schwingen alls über mehr denn 12.000 mutige, jüdische Krieger? Ja, ist nicht einer derselben, ein österreichischer Adler, erst vor kurzem tapfer verteidigt worden von einem Sohne Zions, einem Sohne S a l e m s?l) Fehlen in den Reihen derer, die von unserem kaiserlichen Kriegsherrn öffentlich ausgezeichnet wurden, jüdische Namen, jüdische Söhne? Haben wir nicht jüdische Mütter, die mit mütterlichem und patriotischem Stolze sprechen: „Auch meilt Sohn, den ich unter meinem Herzen getragen, zählt zu den Helden, midi erkämpft für Ehre und Recht!" Es hatte schon damals nicht an Bemühungen gefehlt, diesen blutigen Krieg zu vermeiden. Und es interessiert nns, in diesem Jahre 1909 mit seinen Kriegsdrohungen und Befürchtungen zu hören, wie schon vor 50 Jahren der Vorschlag gemacht worden war, die „italienische Frage" durch ein europäisches Schiedsgericht entscheiden zu lassen.') Jüdische Zeitungen') weisen bei dieser Gelegenheit ans Jesaias XI, 4, hin. ans die Worte, welche besagen, daß nicht durch die Kraft der Waffen, sondern durch die Macht der Wahrheit und Gerechtigkeit der Erdenfriede dereinstens werde gesichert werden. „Und er wird schlagen das Land mit dem Szepter seines Mundes, und mit dem Hauche seiner Lippen den Frevler töten." Dieselben jüdischen Zeitungsstimmen verlangen aber, daß, wenn ein solcher europäischer *) In der Schlacht bei Magenta (4. Juni) verteidigte die Fahne seines Heeres, noch im Zurückweichen von der Wahlstätte, der einer durch ihren Namen und ihre Gesinnungen bestbekannten Prager Judeufamilie angehörige S a l e m s f e l d. Auf diesen Tapferen deutet der Redner in seinem schönen Wortspiele hin. Wir haben hier übrigens abermals einen Beitrag zu dem wieder vielfach besprochenen Kapitel von der „jüdischen Feigheit". 2) Im „Moniteur“ und in der „Patrie“ lesen wir darüber. 3) „Der Freitagabend," herausgegeben von L. Stein. Kongreß zustande käme, ihm eine brennende Angelegenheit vorgelegt werden sollte, welche die Judenschafl zweier Weltteile damals beschäftigte, ilnd zu keiner gerechten Lösung, im Sinne der Menschenliebe gelangte, wir meinen die des Knaben M o r t a r a. Noch immer durchzitterte die furchtbare Tat, welche sich am 22. Jnni 1858 m Bolog n a zugerragen hatte, das gesamte Jndentnm. Eltern war ein Kind geraubt und dem väterlichen Glauben eine nnschnldige Seele genommen worden. England, Holland. Deutschland, Amerika, hielten s i ch nicht für befugt und verpflichtet, den päpstlichen.Stuhl aufznsordern, das Kind seinen Eltern znrnckzngeben. Wir erfahren darüber ans Zeilnngsberid)ten Folgendes: In der zweiten Kammer der Generalstaaten des Königreichs Holland erwiderte der Minister Herr V an Bo s s ch a denl ihil ivegen dieser Angelegenheit interpellierenden Abgeordneten. Baron B a n L y n d e n. nackt der Versicherung seiner aufrichtigen Teilnahme an dem Geschicke der unglücklichen Familie: ..Die Regierung stellt einen viel zu hohen Preis ans die eigene Unabhängigkeit in der Ausübung der Staatsgewalt, als daß sie dieie nicht auch besonders bei anderen ehren sollte." In ähnlichem Tone der Weigerung, sich in die Angelegenheiten eines anderen Staates einznmischetl. äußerte sich in London E. H a m m o n d, im Anstrage des Lord M a l m e sbnry, ans die Interpellation der protestantischen Alliance i durch Lord Shastesbnry. Der Staatssekretär der Vereinigten Staaten Nordamerikas. C a ß, entgegeguete deil in der Alkgelegenheit Mvrlaras sich au ihn wendenden Bittstellern: „Es lst feststehender Grundsatz der Vereinigten Staaten, sich in die inneren Angelegenheiten anderer Länder nicht einznmischen." Ebenso klingt die Aenßernng des Herrn von Schleinitz in B e r l i u. Auch er gibt seiner Teilnahme Atlsdruck. meint jedoch, daß der Versuch einer direkten Einmischung nicht allein an sich schon gewichtigen Bedenken unterliege, sondern auch in diesem Falle eigentümlicheit Schwierigkeiten begegnen würde." — So sahen die Annehmer des Judentums in jenen Tagen ans. Da war freilich nichts 511 erwarten. Wir haben jetzt von der Weigerung der p r 0 t e st a ntischen Mächte, sich in die Angelegenheiten des Kirchenstaates einzumengen, gesprochen. Von den katholischen Mächten ist gar nicht zu reden. An den damals allgewaltigen Napoleon III. hatte sich das französische, jüdische Konsistorium geivandl und ihm eine Bittschrift in der Angelegenheit Mortara überreicht. Der Emporkömmling ans dem Kaiserthrone, der mit seinen Jntriguen gegen Oesterreich zu tun hatte und seine täglich sich ändernden Willensmeinungen durch seinen „Moniteur" der ängstlich aushorchenden Welt knndgab, hatte für solche „Einmischungen" in die Angelegenheiten des von ihm beschützten, päpstlichen Stuhles, auf dem Pius IX. saß, feine Zeit. Er mußte wühlen, bis er glücklich zu dem blutigen Kriege gereizt hatte, welcher den Boden Oberitaliens mit dem Blute österreichischer Kinder düngte. Und, was O e st e r r e i ch anlangt, so berichtet uns eine Quelle Folgendes: ^) „Ein von Pest ausgegangener Versuch, dem Kaiser von Oesterreich ein von den ersten jüdischen und andere n Notabilitäten unterzeichnetes Gesuch in Betreff dieser Angelegenheit zu unterbreiten, soll im Keime unterdrückt und dem Urheber dieses Versuches sogar mit einem Prozesse wegen Auflehnung gegen das Konkordat gedroht worden sein." Sapienti sat. Aber auch die Nichtweisen erfahren ans dieser Notiz genug. Die unselige Konkordats-Politik bereitete Oesterreich der Ungelegenheiten genug und machte ihm viele Herzen abwendig. Da erstand Israel ein mächtiger Helfer in der Person keines Geringeren, als des Sir Moses M 0 n t e s i 0 r e. Er, der vor Thronen nicht zitterte, wie er dies, gelegentlich seines Eingreifens in die D a m a s k u s - Affaire vom Jahre 1840, so heldenmütig erwiesen hatte, trat, in den Märztagen 0 Aus der „Augsburger Allgem. Zeitung". Siehe auch „Der jüdische Volkslehrer", Jahrg. 1859, S. 99 und 100.

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