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Die Wahrheit · 1909-01-29 · Heft 5 (29.1.1909) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 5 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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L-eite 4. Dl-, Wahrheit Nr. 5. eine halbe Million Mark ans ihren Abonnentenkreisen ihnen zugegangeue Spenden an die Verteilnngsftellen nach Italien abgeführt. Und wenn man sich die Namen der Spender etwas genauer ansieht, so wird mau finden, daß das von der ..Kreuzztg.". der „Deutschen Tagesztg." und ihren gesinnungsverwandten Organen so viel geschmähte Judentum den feudalen Herren, die die christliche Nächstenliebe so oft im Munde führen, ein glänzendes, aber von ihnen leider mißachtetes Beispiel werktätiger Opserwilligkeit gegeben hat. * 4- Der Großh. badische Oberrat der Israeliten hat am 13. Jänner aus Anlaß des 100jährigen Bestehens der Landessynagoge am Karl Friedrich-Denkmal aus dem Schlvßplatz, sowie au verschiedenen anderen Gräbern und Denkmälern, Kränze niedergelegt. Am Vormittag des Jnbilänmstages empfing der Großherzog eine ans mehreren Mitgliedern des Oberrates und des Synodalausschusses bestehende Abordnung, die eine Adresse überreichte. Der Großherzog dankte in einer längeren herzlichen Ansprache für alles, was die Adresse zum Ansdruck bringe. Er wolle die von seinem Urgroßvater hochgehaltenerr Traditionen ganz ebenso wie sein seliger Vater pflegen und das Wohl aller Landeskinder im Auge haben — ohne Unterschied. Sehr angenehm habe ihn die pietätvolle Schmückung des Denkmals seines Urgroßvaters und der Ruhestätte seines Vaters berührt und ebenso die Ehrung der verewigten Staatsmänner, die sich ihnen zur Durchführung ihrer Ideen zur Verfügung gestellt hätten. Besonderes Wohlgefallen bekundete sodann Seine Königliche Hoheit über die künstlerische Ausstattung der Adresse, die dem jungen badischen Maler Ernst Kaufmann in München anvertraut worden war. Noch eine besondere Freude haben dem Großherzog und namentlich auch der Großherzogin Luise die Mitteilung bereitet, daß die für das Friedrich-Lnisen-Hospiz in Bad Dürrheim, die Stiftung der israelitischen Religionsgemeinschaft anläßlich des Landesjubiläums von 1906, noch erforderlichen Mittel zu Ehren des heutigen Tages bereitgestellt worden seien. Nachdem noch der Großherzog Herrn Geheimrat Becherer seine besondere Befriedigung über die von ihm durch mehr als zwei Jahrzehnte der Landessynagoge geleisteten wertvollen Dienste ausgedrückt und die einzelnen Mitglieder des Oberrates und des Synodalausschusses durch Ansprachen ausgezeichnet hatte, verabschiedete er sich von denselben mit wiederholtem Dank und mit herzlichen Wünschen für das Wohl ihrer Glaubensgenossen. Dieser Empfang wird gewiß alle Inden des Großherzogtums mit Freude erfüllen und ihr Vertrauen zu ihrem geliebten Landesvater, der die Tradition seiner Väter zit hüten verspricht, noch stärken. * * * Zum ersten Mal seit Bestehen des bulgarischen Parlaments wurde in diesem kürzlich ein Angriff gegen die I uden gerichtet. Während der Debatte über das neue Unterrichtsgesetz stellte der Abgeordnete Dr. K a l e n k o w. ein sogenannter „Demokrat" und Vertreter einer großen Zahl jüdischer Wähler, die Forderung aus. daß keine jüdischen Lehrer in b ti l g a ris ch en Schulen angestellt werden sollten. Allerdings war es ihm nicht möglich, seine Ausführungen zu beendigen, da er vom Minister M u s ch t n o w mit der Bemerkung unterbrochen wurde: „Die bulgarischen Juden sind unsere Mitbürger, deren Rechte nicht geschmälert werden dürfen." Das Organ des Großrabbiuers widmet dieser Angelegenheit einen Leitartikel mtb bezeichnet den Umstand, daß dieser Angriff von einem demokratischen Abgeordneten unter einem demokratischen Ministerium geschah, als böses Omen für die Zukunft d e r I u d e n in Bulgarien. Großrabbiner Dr. Ehre npreis selbst schrieb unverzüglich einen Brief an den Abgeordneten. worin er gegen dessen Forderung heftigen Protest erhob und sie als eine flagrante Verletzung der Rechte der bulgarischen Juden bezeichnete. * * * Zu welchen Absurditäten das „Wohnrecht" der Juden in Rußland führen kann, beweisen verschiedene neuerdings bekannt gewordene Einzelsälle: Beabsichtigten da die Studierenden der Elektrotechnik an der Kiewer Technischen Hochschule während der Weihnachtsserien unter Leitung des Professors Artemjew die elektrotechnische Ausstellung von Moskau zu besuchen. Alle Vorbereitungen waren bereits getroffen und die Absahrtsstnnde war bereits bestimmt, als die Moskauer Behörde die telegraphische Mitteilung machte, daß die vier jüdischen Studenten, weil sie als Juden nicht das allgemeine Wohnrecht besitzen, selbst nur für zwei Tage nach Moskau nicht kommen dürfen. Sämtliche Teilnehmer nebst dem Professor Artemjew verzichteten darauf aus die ganze Reise. Aehnlich war das Schicksal der von den S ch ü l e r i n n e n des Minsker Mädcheugymuasiums geplanten Exkursion. Auch hier handelte es sich um einen Besuch von Moskau, dessen Sehenswürdigkeiten die Mädchenjngend anzogen. Am Tage vor der Abreise depeschierte der Gymnasialdirektor an den Moskauer Generalgouverneur und byt ihn, die Exkursion unter seine Obhllt zu nehmen. Darauf erfolgte vomGeneral Hörschelmann die prompte Antwort, daß er die christlichen Schülerinnen mit Freuden aufnehmen, den Jüdinnen hingegen den Aufenthalt in Moskau nicht gestatten würde. Nach diesem häßlichen Bescheid unterblieb auch die in Minsk geplante Ferienreise, indem die christlichen Mädchen mit ihren jüdischen Kolleginnen sich solidarisch erklärten. Die Wissenschaft vom jüdischen Wohnrecht in Rußland ist eine der schwersten und verzwicktesten juristischen Disziplinen in Osteuropa, und jeder, der sich ans seine Karriere versteht, deutet in sie eine neue Rigorosität hinein. Indes solche Behinderungen wissenschaftlicher Exkursionen ans Grund des Indenrechtes waren selbst in der vorkonstitntionellen Zeit nur wenig bekannt. Allein was darf sich unter dem gegenwärtigen System des reaktionären Wahnsinns ein dem ..Verband des russischen Volkes" huldigender Satrap wie Hörschelmann nicht alles erlauben?! 4- * 4- Der lange Kampf um die Wahl des Chacham Baschi ist endlich entschieden. Wie uns aus K o n st a n t i n v p e l mitgeteilt wird, haben die jüdischen Gemeindenotablen am 24. Jänner mit sehr großer Mehrheit den seitherigen Kaimakan (Stellvertreter) Chacham Baschi N a h o n m, Professor am Rabbiner-Seminar der Alliance in Konstantinopel, zum wirklichen Chacham Baschi gewählt. * * * lieber die jüdische A u sw a n d e r u n g'nach Amerika im Jahre 1908 wird uns folgendes mitgeteilt: Während des Jahres 1908 sind in den Hasen von New-Iork 17383 jüdische Männer. 16046 Frauen, 11743 Kinder, zusammen 45172 Personen eingewandert. Von diesen wollten 32991 in New-Iork bleiben, 12181 einen anderen Platz aufsuchen. Ans Rußland stammten von den Einwanderern 33378. aus Oesterreich-Ungarn 8892, ans Rumänien 2021, ans England 453, aus der Türkei 261, ans Deutschland 130, aus Holland 12, aus Frankreich 9, aus Spanien 6, ans Schweden 4, aus Belgien 3, aus Bulgarien 2, aus Finnland, Griechenland, Italien je 1. Die Gesamtzahl der jüdischen Einwanderer während des Jahres 1907 betrug 106968. Die Einwanderung ist somit um 57.8°/,) znrnckgegangen. Die Zahlen der jüdischen Einwanderung für den Dezember 1908 waren: 1351 Männer. 1558 Frauen, 991 Kinder, zusammen 3900 Personen, von denen 2956 in New-Iork blieben. 944 weiterzogen, 2556 ans Rußland, 1029 aus Oesterreich-Ungarn, 209 aus Rumänien, 41 aus England, 11 aus Deutschland, 43 ans der Türkei, 1 ans Holland stammten. Die Dezembereinwandernug im Jahre 1907 umfaßte 8108 Personen, sodaß der Rückgang' für den Dezember fast genau dem Rückgang während des ganzen Jahres 1908 entsprach.

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