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Die Wahrheit · 1909-01-22 · Heft 4 (22.1.1909) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 4 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Leite 8. Die Wadrveu Nr. 4 Ökonomen, daß der äußere Erfolg solcher Werke nicht im Verhältnis zu der aufgewenderen geistigen Arbeit steht. Bei Fachgelehrten fand das Buch allgemeine Anerkennung und gilt als eine wertvolle Bereicherung der mathematischen Volkswirtschaftslehre. Er war ein Mann von treuer Gesinnung und großer Zuverlässigkeit. Für wohltätige und allgemeine Zwecke war er von einer beispiellosen Freigebigkeit und großmütigen Opferwilligkeit. Ein schöner, intereß'amer Zug aus seinem Leben wurde erst bei seinem Begräbnis bekannt. Auspitz war ein großer Znckerfabrikant, schloß sich aber dem damals bestehenden Zuckerkartell nicht an, das er aus theoretischer Ueberzeugung und ans allgemeinen Erwägungen nicht billigte. Der Hohe Zuckerpreis im Znlande, der eine Folge des Kartells war, kam ihm aber als Verläufer des Artikels geradeso zugute wie den Kartellteilnehmern, er strich aber den Karlellgewinn nicht ein, sondern überwies ihn jährlich dem Pensionssonds der Angestellten der Zuckerindustrie. Der Präsident des Rübenzuckervereities teilte in seiner Grabrede diese uneigennützige Handlungsweise Auspitz' der Trauerversammlnng mit, die begreiflicherweise davon auf das lebhafteste berührt wurde. Persönlich war er bedürfnislos und von großer Schlichtheit, immer bereit, anderen zu helfen, ohne ein Wort des Dankes zu verlangen, oft auch, ohne die Betreffenden nur wissen zu lassen, von wem die Unterstützung ansgegangen war. Alle, die ihm näher standen, schätztest seine edlen Eigenschaften hoch. Sein letztes, langes Leiden trug er mit großer Geduld und wahrer Seelengröße; trotz der großen Schmerzen, die er litt, kam keine Klage, keine Auflehnung von feinen Lippen. Er wird 'einen Freunden immer im Gedächtnis bleiben als ein guter Mensch, ein starker Denker und ein treuer Freund." A. a. O. begegnen wir auch einer eingehenden Würdigung des allzufrüh verstorbenen, deutsch - mährischen Schriftstellers I. I. David aus der Feder von St. Hock: „Mit wenigem möglichst viel zu sagen, war sein stetes Streben und nichts dem Goethischen Alterstil' ehrfürchtig Bewundernden verhaßter als gedankenleere Phrase. So bleibt etwas Gepreßtes. Schweres feiner Sprache eigen, die gegen Ende feines Lebens dem geschwächten Geiste nicht mehr gehorcht und ihre sonstige übersichtliche Klarheit verliert. Sein Bemühen um Prägnanz findet nicht immer zuträgliche Hilfe bei seiner Kenntnis älterer Zustände der deutschen Sprache, ans denen er seinem Wort- und Formenschatz Ungewohntes, selbst nicht mehr Verstandenes beipreßt, so daß bei innerer Ehrlichkeit der Eindruck des pretiös Gewollten nicht immer vermieden wird. Wie er um den Ausdruck gekämpft hat. so war sein künstlerisches Schassen überhaupt mühsame Arbeit eines Mannes, der. von dem Wert der Kunst in tiefer Andacht dnrchgedrnngen, sich auch über unbewußt in ihm Wirkendes Rechenschaft zu geben gewohnt war und ein bedeutendes, aber beschränktes Talent bei ungünstigen äußeren Verhältnissen bis zur äußersten Grenze seiner Leistungsfähigkeit und doch nie gewaltsam aufpeitschend anzuspannen, für Pflicht inld Recht des Künstlers hielt. Ein Ganzer, ein Aufrechter ist mit ihm dahin." Die S i l h o u e t t e n k u n st (Schattenkuust) stand zur Zeit Goethes in größerer Blüte als in der Gegenwart, in der mau nur selten aus diese so schöne Schattenwirknng zurückgreift. Goethe schrieb in seinem Berichte über die Campagne in Frankreich (1792) darüber: „Jedermann war darin geübt und kein Fremder zog vorüber, den man nichts abends an die Wand geschrieben hätte; denn Storchschnabel durste nicht rasten." Zur Zeit der Romantik und noch später waren besonders die 'Schattenbilder zu diversen Klassikern rc. eines Paul Koneka äußerst beliebt und sind dieselben durch eigene „Knnstwart- Mappen" wieder weiteren Kreisen jüngst wiedergegeben worden. Ein ähnliches, selbstredend für engere literaturfreundliche Kreise berechnetes Werk ist das ans dem Nachlasse des Kriegsrates Johann Heinrich Merck (des bekannten Freundes Goethes) von Dr. Leo G r ü n st e i n (Wien) neu herausgegebene und sachkundig eingeleitete Buch: „Silhouetten aus dem Goethekreise", dem die Wiener Hof-Kunstanstalt von I. Löwy eine prachtvolle Ausstattung zuteil werden ließ. (Preis 15 Kronen.) Da siuden wir die Porträts der meisten Mitglieder des Göttinger Hainbundes, sowie einen Klopfstock, Rabener, den Wandsbecker Boten Mathias Claudius, Nicolai, Ramler, Lessing, Lavater, Leisewitz, Wagner, Schubart rc., sowie das Bild des Freundes Mirabeaus, des bekannten Nationalökonomen Jakob v. Mauvillon,. sowie den Satyriker Lichtenberg rc. Wie gründlich der Herausgeber bei der Abfassung der Einleitung vorgegangen ist, beweise z. B. die interessante Notiz, wie schon damals Merck in einem Briefe an Lavater den Physiker Lichtenberg charakterisierte, „alseinen der denkendsten Köpfe, der mehr als ein Witzling sei und den bloß die bösen Monumente, die Lavater allen jungen Leuten, die noch nichts in der Welt getan hatten, setzte, in Harnisch gebracht haben." Da trotz allen Sammelfleißes des von maßgebendster Seite unterstützten Herausgebers einzelne Bilder noch nicht mit Bestimmtheit „agnosziert" werden konnten, so ist Kunst- und Literaturforschern zu überaus reizvoller Mitarbeit eine seltene Gelegenheit geboten. Dann dürste dieses Werk auch in einer billigen Volksausgabe noch viel Segen stiften und die fast vergessene Schattenkuust an der Hand dieses literatnrgeschichtlichen Anschauungsunterrichtes zu neuen Ehren bringen. Jüdisches Theater. Die jüdische Schaubühne, einem zufälligen Bedürfnis entsprungen, hat nur allmählich eine höhere Srufe erklommen. Amerika ist das Land, das dem jüdischen Theater durch kunstvolleudete Darstellung einen achtenswerten Rang verlieh. Dort, wo eine ständige Künstlerschar einem kunstsinnigen Publikum Genuß, Belehrung und Unterhaltung bieten muß. werden auch stets neue Talente, der neuen Richtung folgend, geschmackvolle Stücke verschiedenen Genres ans die Bühne bringen. Anders ist es. wenn nicht der großen Masse, sondern nur einem Bruchteil der Bevölkerung eine Schaubühne geboten werden muß. Da kann nur das Volksstück vorherrschen. Da müssen dem Volke Gestalten aus dem eigenen Leben, der eigenen Geschichte, aus dem individuell engen Kreise seiner Umgebung vorgeführt werden, soll das Interesse der Zuschauer wach erhalten werden und nicht allzufrüh erlahmen. Diese Kunst hat unser Meister Goldfaden, der nun schon ein Jahr im kühlen Grabe ruht, in einer solchen Weise verstanden, daß keinem seiner Nachfolger, der nicht dem großen Vorbilde nacheisert, etwas gelingen will. Er har das spezifisch jüdische Singspiel geschaffen, das in „Snlamith" seinen Höhepunkt erreichte. Der jüdisch sprechende Zuschauer findet nur dann Gefallen am Spiele, wenn ihm einschmeichelnde Liedchen mit alten, jüdischen Weisen geboten werden, die den Schatz des jüdischen Volksliedes bereichern und bald Gemeingut aller werden. „Lol nidre,“ das wir im Hotel Polonia, II., Rote Sterngasse, sahen, ist ein Werk Lateiners, ein glücklicher Nachahmer Goldfadens. Es ist eines jener Stücke, das, dem Leben des Volkes entnommen, durch krasse Gegenüberstellung zu wirken sucht. Auf der einen Seite der strenge rauhe Großinquisitor, von Herrn Regisseur Jskowitz mit Würde und Verständnis wiedergegeben; auf der anderen der seelengute Bartello, der durch Herrn Klug in Spiel und Maske einen würdigen Interpreten fand. Wir werden mitten in die schreckliche Zeit der spanischen Inquisition versetzt, wo Juden massenhaft den Tod fanden, oder zum Scheine das Christentum annahmen. Lateiner führt uns einen solchen Scheinjnden, den königlichen Hofsänger Bartello vor, der die Tochter des Großinquisitors liebt. (Beiläufig bemerkt, muß es ganz eigentümlich berühren, daß Pier der Großinquisitor, Öer mit „heiliger Vater" augesprochen wird, ehemals ein Rabbi war und noch eigentümlicher, daß er eine Tochter bei sich hat.) Wie der Großinquisitor erfährt, daß Bartello Jude sei, verfolgt er ihn, um ihn zu vernichten. Es wird ein Pater (Herr Löwy) als Helfershelfer vorgeführt, eine treffliche Jntrigantenfigur, sogar eine Klosterschwester tritt im Habit auf;, auch die komische Figur darf i»i jüdischen Volksstück nicht fehlen, ähnlich dem Narren in Shakespeares Dramen. Herr Schneck spielt die komische Rolle des Dieners Diego mit Geschick ohne Uebertreibnng recht wirkungsvoll; er spricht jüdisch und deshalb gefällt er mit seiner Partnerin (Flora Klug) so vortrefflich. Elvira, die Tochter des Großinquisitors (Fr. Schneck),, sucht, vom treuen Dienerpaar unterstützt, den Plan ihres Vaters zu hintertreiben. Es werden Briefe geschrieben, Fallen gestellt, Elvira schlendert ihrem Vater ins Gesicht, daß auch er Jude sei, der Zuschauer wird in steter Spannung erhalten, bis Bartello mit seinem Anhang am Kol-Nidreabend betend überrascht wird. Er geht mutig in den Feuertod, aber ihm folgt seine Geliebte. Während der Großinquisitor nach einem gut wiedergegebenen Wahnsinnsanfall über die Tat seiner Tochter tot niederfällt, ertönt vom Scheiterhaufen das schöne Lied — Lol rstdrs. Die Gesellschaft ist in der Aktion infolge der Konzession beengt und so geht die .Wirklmg mancher Szenen ganz verloren. Der Chor der Bürger von Madrid und der Juden im Tempel ist nur angedeutet. Infolge der schwierigen Umstände ist die Mühe um das Gelingen des Ganzen umso anerkennenswerter. Die Duette „Bind mech mit dein Keitali" und „Jiskor" wurden sehr schön>-vorgetragen. Das Publikum war vollauf befriedigt und spendete reichen Beifall. Doch kann eines nicht unerwähnt bleiben. Die Lemberger Akteure drängen immer mehr das Jüdische zurück und befleißen sich, ein nicht reines Deutsch zu sprechen. Die jüdische Sprache macht e r st das jüdische' Theater, sie allein findet bei den Zuhörern den größten A nk l a n g. Im jüdischen Theater muß jüdisch gesprochen werden. So will es der Dichter, so.will es das Publikum. Wenn Diego und Franziska als Spanier jüdisch sprechen und. reichen Beifall haben, warum sollen nicht auch die übrigen Darsteller die Sprache derjenigen sprechen,, für die sie doch eigentlich spielen? , A. H. L.

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