Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063469-3063473--05886-3072843- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 4. Die Wahrheit Seile 9. Kine gevildete Krau. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) Dies schmeichelte mir sehr, denn außer dem jungen Buchbinder, der mit seiner alten Mutter im dritten Stockwerke des meiner Herrschaft gehörigen Hauses zwei kleine Stübchen bewohnte, hatte sich niemals ein junger Mann um mich bekümmert. Ich leugne dies nicht, daß ich in einsamen Stunden gar manche Hoffnungen auf eine glänzende Zukunft an der Seite des schönen, reichen Wilhelm baute, den ich zwar nicht mit jener überschwänglichen Liebe liebte, wie ich sie so schön in meinen Büchern geschildert fand, dem ich aber vom Herzen gut war. Bald aber wurde mir von meiner Gebieterin der Standpunkt klargemacht. Wilhelm, der Brnderfohn des Hausherrn, sollte, einem wohldnrchdachten Familienbeschlnsse gemäß, nur die ihm bestimmte Schwestertochter der gnädigen Frau heiraten, damit das von beiden Eheleuten zu gleichen Teilen herrührende ltitb durch beider Fleiß vermehrte Bermögen uuzersplittert beisammen bleibe, nnd doch Gliedern beider Familien zugute komme. Gleichzeitig bat sie, dem jungen Herrn, unserer beider Seelenruhe wegen, so viel als möglich ans dem Wege zn gehen, damit eine etiva für mich entstehende Neigung im Keime erstickt iverde. Ich versprach dies, ja noch mehr, erbat, meinen "Posten verlassen zu dürfen. Davon wollte jedoch die Dame nichts hören. Sie habe mich lieb gewonnen, und ich dürfe ihr .Hans nur dann verlassen, um an der Seite eines braven Mannes als dessen Gattin ein eigenes Heim zn gründen. Bei dieser Gelegenheit machte sie Anspielungen, daß die alte Frait Fischer ans dem dritten Stock, als sie am letzten Quartal den Zins brachte, erzählt hätte, daß sich ihr Sohn für mich interessiere, welch tüchtiger Arbeiter er sei n. s. w. Ich entgegnete nichts darauf, faßte aber den festen Borsatz, mich im stillen nach einer anderen Stelle umzusehen, und dann, wenn auch mit schwerem Herzen, trotz des voraussichtlichen Widerstandes meiner Gebieterin, das Haus zu verlassen. So sehr ich auch bemüht war, dem jungen Herrn um jeden Preis auszuweichen, so kouute ich es einmal denn doch nicht verhiildern, daß er mich allein autraf, und mir mit glühenden Worten eine Ltebeserklärnng, verbunden mit einem Heiratsantrag machte. Wenn ich -da die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen hätte, so wären meine kühnsten Träume in Erfüllung gegangen, denn Wilhelm, ein tüchtiger junger Arzt, war Mann genug, auch ohne Einwilligung und Unterstützung seiner reichen Verwandten, das gegebene Wort einzulöseu. Dagegen aber sträubte sich mein sittliches Gefühl; um alles in der Welt hätte ich nicht so undankbar sein mögen, das in mich gesetzte Vertrauen meiner Wohltäterin zu täuschen. „Herr Doktor," sagte ich ruhig, „ich ehre und achte Sie über alles und tverde Ihnen für Ihren mich so überaus ehrenden Antrag bis an meiir Lebensende Dankbarkeit bewahren. Aber, verzeihen Sie mir. mein Herz ist tlicht mehr frei, und ohne dieses kann ich meine Hand nicht vergeben." Der junge Doktor mußte mich nicht so glühend geliebt haben, als es den Anschein hatte und er mir es geschildert, denn ohne einen Versuch, mich nmznstimmen, gemacht zu haben, fragte er nach kurzer Paitse: „Wer ist der Glückliche, Fräulein Rosa?" Ich geriet in keine geringe Verlegenheit. Wen hätte ich eigentlich nennen sollen? Ich kannte ja keinen eiitzigen jungen Mann genauer, außer den jungen Buchbinder im dritten Stock, der hie und da seine Feierabende bei uns znznbringen pflegte. Ohne in meiner Verwirrung recht zn wissen, was ich sagte, antwortete ich leise: „Elias Fischer, hier im Hanse." Wilhelm streckte mir seine beiden Hände entgegen. „Sie sollen glücklich werden, liebes Kind, wenn nicht an meiner Seite, als mein geliebtes Weib, so mit dem Manne Ihrer Wahl, obwohl, ich gestehe es, mir diese nicht begreiflich ist." „Der Würfel war gefallen. Ich konnte nicht mehr zurück. Fischer erhielt Erlaubnis, sich in aller Form um mich zu bewerben. Von diesen Tagen an begann das große Unglück, die -große Schuld meines Lebens. Ohne Liebe zu empfinden, habe ich Liebe geheuchelt. Mit dem Leichtsinn der Jugend, nnd den schweren Kampf ums Leben nicht kennend, habe ich mich einem Manne angelobt, der den ganzen Ernst eines Weibes, dessen ganze Hingebung bedurft hätte, um mit dieser Hilfe die steilen Klippen zit umschiffen, die sein Lebensschiff bedrohten, und an denen es jetzt scheitern kann. Fischer hatte den Posten in der Fabrik, den er bisher bekleidete, und dessen Erträgnis für einen eigenen Haushalt nicht hingereicht hätte, verlassen, und sich hier in seiner Vaterstadt ein Geschäft mit fremden Mitteln eingerichtet. Ein volles Jahr dauerte es noch, bevor er daran denken konnte, mich heimzuführen. Indessen wurde in der Hauptstadt die Hochzeit Wilhelms mit seiner ihm zngedachten Braut aufs glänzendste gefeiert, und ich war dazu ansersehen, die glückliche Braut schmücken zu helfen. Das Pflichtgefühl, welches ich mit aller Macht herarlfbeschwor, hatte damals meiner! anfkeimenden Neid glücklich unterdrückt. — — Auch mein Hochzeitstag nahte heran. Gern schloß ich mit meiner Jugendzeit ab Hatte doch das Leben mir armen Waisenmädchen nur seine Dornen zn fühlen gegeben. Die wenigen Rosen, welche auf meinem Lebensweg blühten, verdankte ich meiner gütigen Gebiererin und der Freundschaft des treuen Wilhelm. Er war auch mit seiner schönen jungen Frau zur Hochzeiisfeier erschienen, welche meine Wohltäter, nachdem sie mich für meine Verhältnisse reichlich ansgestattet hatten, in einem Städtchen, ungefähr die Hälne Weges zwischen hier und Prag, veranstalteten. Tie junge Frau zog mich bei Seite und gab mir. der Mutterlosen, io manche Ratschläge behufs der Wirtschaft und Stundeneiuieilung in dem neuen Haushalte, von welchen ich aber sehr wenig Gebrauch machen konnte, nachdem solch ein himmelhoher Unterschied in unserer beider Lebensstellung waltete. Sie. die reiche Frau, ich, die verschuldete Bettlerin. Doch damals, früh an meinem Hochzeitstage. fiel mir dieser gewaltige Unterschied nicht so ins Auge. Ich wurde von allen Anwesenden beglückwünscht und mit den sinnreichsten nnd kostbarsten Hochzeitsgeschenken bedacht, gerade so, als wäre ich eine aus ihrem Kreise. Hedwig legte mir mit kunstgeübter Hand meinen Brantschmuck an, und fröhlich blickte ich in die Zukunst, die ich mir und meinem künftigen Gatten so behaglich gestalten wollte, wie ich es bei den Leuten, unter denen ich viele Jahre gelebt, vor mir gesehen. Doch noch geschmückt mit dem Schleier — riß mein schöner Wahn entzwei. Alles war versammelt, doch kein Bräutigam ließ sich blicken. Mit tötlicher Langsamkeit schlichen die Stunden hin; Mittag war längst vorüber. Wilhelm, am Arme seine Hedwig rührend, trat zn mir, winkle mich in eine Fensternische Himer einen langherabwallenden Vorhang, so daß wir drei, allen Anwesenden verborgen, ganz allein blieben. (Fortsetzung folgt.; Vom Exekntiv-Komilee des kroatisch-slavonischen Kamvren- Berbaudes werden wir zur Richtigstellung der „Erklärung" in Nr. 2 dieses Blattes ersucht mitznteilen, daß die „Offene Anfrage" wohl mit Wissen der Berbandsleitung erfolgt ist, jedoch für den Wortlaut derselben der Schriftführer allein die Verantwortung trägt. Austritte ans dem Judentum. B l ü in e l D r Siegfried, verheiratet. geb. 4. Dezember 1871 in Tetich (Mähren), VI., Mariahilferstraße 99. S t e r n M a l v i n e, Privarbeamrin, ledig, geb. 13. Dezember 1873 in Teschen (Oesterr.-Schlesien), VII., Neubaugasse 72. L ö f s l e r Anna, Hilfsarbeiterin, ledig, geb. 7. November 1869 i» Wien (Rudolfsheim), XX., Srreffleurgasse 10. Breuer Alice, Bürgerschuilehrerin, ledig, geb. 6. August 1872 in Ischl, VIIL, Florianigasse 67. Fein W i l h e l m i n e, Private, ledig, geb. 14. Avril 1372 in Wien, XVIII., Binzenzgasse 28. Fischer Robert, Kaufmann, geschieden, geb. 10. Juni 1868 in Prag, II.. Odeongasse 3. Rind Max. Ingenieur, ledig, geb. 11. Mai 1885 in Wien, VI., Stnmpergasse 50. M i n d e l Martha, ledig, geb. 14. Mai 1889 in Wien, III., Hegergasse 17. S t i a ß n y Alfred, Friseur, ledig, geb. 25. Mai 1881 in Prag, II.. Kronprinz Rudolfstraße 17. Bock Johanna, Näherin, ledig, geb. 26. Jänner 1888 in Wien (Pfarre Alservorstadt), III., Klosterspital St. Elisabeth. Hauptstr. 4.