Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seile 6. Die Wahrheil Nr. 4. sequent betriebenen Boykott nichts bekannt sei, der oft genug in G e w a l t t ä t i g f e i t e n ansgeartel ist. Es muß daher ans das entschiedenste dagegen Protest erhoben werden, daß der Chef der Regierung, indem er lediglich gegen den nationalen Boykort anflritl, während gesetzlich jede Art von Boykott, also auch der konfessionelle Boykott, strafbar ist, seine Organe geradezu zur e i n f e i t i g e n Ausübung der Gesetze aufforderl. Redner zitiert die Gegeneingabe der ..Union,, und führt eine große Anzahl von Fallen an, in denen das Rechtsfchntzbnreau der „Union" wirksam gegen die Boykottierung jüdischer Geschäftsleute eingeschritten ist. Auf dem Boden dieses Rechtsschutzes müssen alle Inden, ohne Unterschied ihrer sonstigen Parteistellnug. sich vereinigen. (Lebhafter .Beifall.) Den ausgezeichneten Ausführungen des Vortragenden folgte eine Diskussion, in deren Verlauf Reichsratsabgeordneter Dr. Ofner das Wort ergriff, um darauf hinzuweisen, daß der Erlaß wohl nicht der Initiative des Ministerpräsidenten entsprungen fei. Man war gezwungen, gegen den Boykott anfzutreten, weil man die Verstimmung Deutschlands, des einzigen Bundesgenossen in diesen schweren Tagen, fürchten nutßte. Das Kläglichste, sagt Redner, ist, daß bei uns nicht nur Einzelne, sondern gerade die Behörden gegen die Juden auftreten. Wenn man weiß, daß in der Hauptstadt des Reiches der Bürge rm e i st e r. der G e m e i u d e r a t, die Landes- und viele Staatsbehörden d i e I u d e n boykottieren, kann es nicht wundern, wenn Einzelpersonen und Parteien sich dieses Mittels bedienen. Wenn der Ministerpräsident von seinen Organen verlangt, daß sie den Gesetzen Geltung verschaffen, dann möge er darauf sehen, daß diese Organe selbst d e u A r t i k e I 3 des S t a a l s g r u n d g e s e tz e s nicht verletzen, der sestlegt. daß die öffentlichen Aemter für alle Staatsbürger gleich zugänglich sind. (Anhaltender Beifall.) Es sprachen noch die Herren Dr. Jakob K o h n, Dr. Karl L i f c z i s und Oberinspektor Enge l, worauf die Versammlung einstimmig eine Resolution annahm, deren Spitze sich gegen die einseitige Auslegung der Gesetze richtet. Fortbildungskurse für jüdische Kehrer und Rabbiner. Am 28., 29. und 30. Dezember 1908 fanden ztl Prag die Fortbildungskurse für jüdische Lehrer und Rabbiner ihre Fortsetzung. Es lasen Herr Rabbiner Salomou Knöpflmacher: Pentateuch mit alten Kommentaren, Herr Rabbiner Dr. Klotz: Bilcbot awelus, Herr Rabbiner Dr. Deutsch: lieber den jüdischen Kalender, Herr Rabbiner Freu u d- Bodenbach: Ueber Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes und Herr Gymnasial-Religionslehrer Lieben über den Mischna-lraktat Kiddusckin (Anfang).' Der jüdische Volks verein, wie andere jüdische Korporationen, unterstützten den von 11 auswärtigen und den Prager Mitgliedern des mild. Landes-Lehrervereines für Böhmen besuchten Ferialkurs, der hoffentlich seine regelmäßige Fortsetzung i n Prag und Nachahmung in anderen K r o n l ü n d e r n. ffndet. Die Ferial-Hochscbnlkurse der Universitäten sind überall gut besucht und werden in weiten Kreisen als Lebensbedürfnis -empfunden. So soll auch den Rabbinern durch F e r i a l k u r f e vom S e m i n a r e Gelegenheit zur Weiterbildung geboten werden. Wir richten an dieser Stelle die Mahnung an die maßgebenden Wiener Kreise, uns am Wiener Rabbinerseminare herangebildeten Seelsorgern, wenigstens durch 14 Tage im September, durch Schaffung von entsprechenden Stipendien die Möglichkeit der Fortbildung Zu geben und die Ferialkurse für ehemalige Hörer des Wiener Rabbiuerseminars ins Leben zu rufen. Viele Zöglinge des Seminars wirken da und dort und es wäre von größter Wichtigkeit, sie zu diesen Vorlesungen, die gerade die praktischen Fragen des täglichen Lebens in erster Linie, ferner den Stand gewisser. Forschungen auf bibl.-talmudischem und historisch-archäologischemGebiete behandeln sollen, durch Schaffung von entsprechenden Stipendien heranzuziehen. Für die nicht vom Glücke direkt nach Wien gebrachten Rabbiner wären diese Ferial- Hochschnlkurse eine notwendige Ergänzung ihres Wissens und Könnens und gewiß entsprechen sie einem allgemein gefühlten Bedürfnisse. Mögen die diese Zeilen lesenden Fachkollegen das Ihre zur Verwirklichung dieser Institution in Wien und anderwärts tun. Wir kämen dann wieder mit unfern Lehrern und Kollegen zusammen und würden gewiß berufsfreudiger an die Arbeit schreiten. Ich bin überzeugt, daß Herr Rektor S ch w a r z. wie die Herren Professoren diesem Wunsche gerne entsprechen und meine Anregung auch den meisten Kollegen Anlaß zur Meinungsäußerung bieten wird. Hoffentlich wird die Idee auch bald verwirklicht. Die Prager Talmud-Thoraschule war im Vorjahre von 498 Kindern besucht, heuer von 418. Die isr. Lehrerpräparandie wird mit Ende des laufenden Schuljahres geschlossen; das ist gewiß kein gutes Zeichen für die Zukunft. Die jüdischen Lehrer sind die bedauerlichsten Geschöpfe der Erde, da sie nicht die Stellung ihrer Kollegen anderer Konfessionen eiunehmen und der Staat sich um sie bisher wenig kümmerte. Wenn der Ruf nach , staatlicher Unterstützung der gleichberechtigten isr. Religion (nach dem Landesausschnsse Sturm sind die Juden eine Rasse, aber keine Religionsgenossenschaft!) gleich den andern Konfessionen immer lauter und nachdrucksvoller von uns erhoben werden wird, wird man ihn doch einmal hören und das Los der jüdischen Religionslehrer bessern. Wir brauchen eine Zentralbehörde, die der Regierung gegenüber unsere Wünsche vertritt und auch für uns eine entsprechende staatliche Subvention erreicht. Ich sehe das Unglück unseres Standes hauptsächlich im Mangel einer Zentralbehörde für die Israeliten (Konsistorium oder dgl.) und in dem Mangel einer für alle gleichen Qualifikation, die betspielweise in Ungarn eine nach Qualifikation verschiedene Höhe der staatlichen Unterstützung (Kongrnaergänzuug) der Rabbiner zur Folge hatte. Natürlich bildet eben dieser Uebelstaud bei der gleichen Behandlung aller Konfessionen ein Haupthindernis, auf das die Machthaber immer wieder verweisen. Die kleineren Gemeinden sind aber leider nicht imstande, ein den heutigen Verhältnissen entsprechendes Gehalt zu zahlen, der Religionslehrer oder Rabbiner soll standesgemäß leben oder sterben, und so ist er bei der Teuerung nach allen Seilen ohnmächtig, in der Schnle, Gemeinde und draußen im öffentlichen Leben. Mögen die maßgebenden Männer des Judentums dies nicht übersehen und rechtzeitig noch die Rettung des Judentums in die Hand nehmen. Moro rabboch kemora scbomajim! Die Ehrfurcht vor Deinem Lehrer sei wie die vor Gott! In den schönsten Ausdrücken spricht unsere Literatur vom Lehrer und seiner Sendung. Mögen auch unsere Zeitgenossen es tun und die bedauerliche Lage des Lehrers bessern! Für alles ist Geld da, nur für den jüdischen Lehrer, den Pfadfinder der kommenden Geschlechter keius! . Su toro wesu seclioro! Dies ist der Thora und ihrer 'Lehrer Los! Darum muß die Prager Lehrerpräparandie geschlossen werden, da wohl bei solchen Verhältnissen keiner sich dem Fache widmet! Uri, uri, schir daberi! Möge unsere Oeffentlichkeit sich endlich zu einer Tat der Befreiung aufraffen und jüdisches Leben, Fühlen und Denken erwachen! Dr. L. H i r s ch - K r n m m a n. Die Ehrfurcht im Gotteshaus. Unter diesem Titel ist in Nr. 2 der „Wahrheit" ein Artikel erschienen, in welchem, und zwar mit vollem Rechte, das unstatthafte Benehmen, wie das überlaute Beten im Gotteshause getadelt wird. Es ist das übrigens ein altes Uebel, das von den hervorragendsten .Rabbinern früherer Jahrhunderte oft gegeißelt wurdk. So z. B. schrieb R. David Simri in seinen Nesponsen: „Wenn Israel in seinen Gotteshäusern lärmt und poltert, wie die Gebete bunt durcheinander geschrien werden, so daß der eine mit seinem Gebete früher zu Ende ist als der andere, entfernt sich sogleich die Schechina (Resp. Radbas 474). R. Efraim Lenczycz ruft in seinem Werke „ Amude-sckesch" aus: Wir werden zum Gelächter und zum Spotte in den Augen der Andersgläubigen^ die oft unsere Gotteshäuser zu besuchen