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Die Wahrheit · 1909-01-22 · Heft 4 (22.1.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 4 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4 Tie Wahrheil Seite 5. Vorwurf zu großen Gemälden dienen könnten. Nur hie und da laucht ein besser gekleideter Mensch aus. der wohl an streng koschere Kost gewohnt ist. diese Gewohnheii aber nicht zu teuer bezahlen will. Diesem Milieu ist auch die ganze Umgebung angepaßt. Wer dort hereiukonunt, hat noch nie Anspruch ans Luxus oder übertriebene Noblesse erhoben. Die Einrichtung, die Bedienung, das ganze Um und Auf sind mit dem Begriffe des strenge n Kaschrns untrennbar verbunden. Man sieht es diesem Manne mit dem runden Käppchen und der schneeigen Serviette förmlich an, daß jeder, den er einer Frage oder Antwort würdigt, jeder, dem er einen Teller hinstellt, ihm mindestens die Hand küssen müßte. Der liebe Mann - hat es mit tiefbedrückten, sorgen- und kummervollen Leuten zu tun, mit armen Inden, die gewohnt sind, von den eigenen Brüdern verspottet zu werden, und die froh sind, nur ruhig sitzen zu können. Die sind allerdings bald znfriedengestellt. Nun wurde aber in den jüdischen Zeitungen propagiert, diese Küche als j ü d i s ch e mensa a c a d e m i c a zu benützen. Sosehr dieses Entgegenkommen seitens des Vereines „Einheit" lobenswert ist, so muß es doch gestattet sein, dagegen einiges einznwenden. Eine men8a Judaica soll nicht allein den Zweck verfolgen, den jüdischen Studenten — allen, nicht bloß den armen — die Benützung der jetzigen Mensa überflüssig zu machen, sie soll auch gleichzeitig ein geselliger Sammelpunkt d eist n d i e r en d e n Jugend sein, wo sie nach den Studien in der Nähe der Universität bei einer appetitlichen rituellen Mahlzeit ansrasten und einen geistigen Austausch pflegen kann. Das ziemlich entlegene Lokal in der Floßgasse ist dazu keineswegs geeignet. Es könnte eher dazu beitragen, daß die jungen Leute, die noch etwas ans jüdische Kost halten, sich immer mehr abwenden würden. Die ständigen Besucher aber wären ein wenig beengt und könnten Anstoß nehmen an dem Freigeist der Studenten, die unbedeckten Hauptes dasitzen. Die mensa academica bietet trotz des fabelhaft billigen Preises ein vortreffliches Menu, das durch kleine Anfzahlnng entsprechend vermehrt werden kann. Bei peinlichster Sorgfalt und Reinlichkeit ist die Bedienung eine prompte und tadellose, was jedenfalls recht vorteilhaft wirkt. Man könnte nun fragen, wozu dann eine jüdische Mensa nötig sei? Die letzten großen Zttsammenstöße au der Wiener Universität haben zur Schließung der Mensa geführt und ließen für längere Zeit die billige Kost entbehren. Diese Maßregel wurde von den armen Studenten natürlich am schwersten empfunden. Minister und Professoren sandten einen Aufruf zur Gründung eines „deutschen" Heuus und einer „deutschen" Mensa hinaus und die deutsche Bevölkerung — scilicet die deutsch-jüdische — wird diesen Plan unterstützen. Die deutsche Mensa verfolgt offenbar den Zweck, den anderen Nationalitäten die Möglichkeit eines billigen Essens zn nehmen, und so ist es klar, daß die Inden auf die Gründung einer d e u t s ch e n mit der Gründung einer jüdischen Mensa antworten m ü s s e n. D a in ü s s e n alle beteiligten Kreise mit aller Kraft für die V e r w i r k l i ch u n g dieses Projektes unentwegt tätig sein. Die jüdische Mensa kann aber niemals durch eine Volksküche ersetzt werden, wo die kranken, vergrämten Jammmergestalten einem das bißchen Freude und Humor nehmen und den Bissen gar nicht bekommen lassen. . Nur eine eigene, mit allem Komfort ausgestattele jüdische Mensa wünschen wir, die den zahlreichen Studenten den Aufenthalt angenehm gestalten soll. D i e s e s Z i e l muß erreicht werden. Ein völlig einwandfreies, durch Einrichtung und Bedienung mustergiltiges Institut muß gegründet werden, wo bei angenehmer Lektüre, anregenden Gesprächen und guter Kost in luftigen, lichten Räumen neue Kraft und frische Freude für Studium und Leben gewonnen wird. Die Speisen müßten selbstredend jüdisch-rituell sein, denn nur dann wäre die Mensa eine wirklich jüdische und nur dann könnte sie alle Studenten in ihren Räumen vereinigen, denn es gibt gottlob noch sehr viele, die ihr nationales Judentum mit der Beobachtung der Religion in Einklang bringen. Gerne würden wir die jüdische Mensa in einem eigenen, großen „Jüdischen Hanse" sehen, das nebst billigen Wohnungen und billiger Verpflegung auch alle nötigen Räume für Vereine und Zusammenkünfte böte, aber dieser Wunsch ist leider infolge der Uneinigkeit im eigenen Lager und der großen Kosten unerfüllbar. So mögen denn die jüdischen Großgemeinden, die reichen Wohltäter, alle, deren Söhne gezwungen sind, in der Ungunst der Zeiten die bittere Kost der Fremde zu genießen und alle, die ein warmes, jüdisches Herz haben, zusammen zur Erreichung dieses erhabenen Zweckes beitragen. Ein großes Aktionskomitee muß gegründet werden, das allenthalben Sammlnugen veranstalten soll. Jeder wird nach Kräften beitragen, denn sie wissen es ja alle, daß die jüdischen Studenten einmal die vordersten Kämpfer im Streite sein sollen! Es ist gar kein Zweifel, daß bei einem zielbewnßten, eifervollen Zilsamnienarbeiten der Erfolg voll und ganz erreicht werden wird, so daß wir bei einigem guten Willen bereits mit Beginn des Wintersemesters in der angenehmen Lage sein könnten, nidlt meliv ein lecliem' oni z n esse n. s o n d e r n ein w o h l v e r g ö n n t e s. gut e s. k r ä s t i g e s Brot unserer mensa Judaica! phil. A. H. Land a n. Der Wirtschaftliche Daykott gegen die Inden. In der am 11. d. M. statlgehablen Plenarversammlung der „0 e st e r r. - Z s r. U n i o n" sprach Herr Hof- und Gerichts- Advokat Dr. Rudolf Schwarz-Hitler über dieses durch den jüngsten Erlaß des Ministerpräsidenten aktuell gewordene Thema. Der Vortragende schilderte einleitend die historische Entwicklung des Boykotts und gab in großen Zügen eine wissenschaftliche Einteilung dieses gefährlichsten aller modernen wirtschaftlichen und sozialen Kampfmittel. Ans die uns gegen den Boykott zur Verfügung steheudeu Rechtsmittel übergehend, zitiert Redner die Aeußerungen namhafter Theoretiker und tritt der Ansicht des Prof. Philippovich entgegen, daß sowohl der Boykott wie die Berrnfserklärung durch schwarze Listen in der Form eine unanfechtbare Betätigung der Freiheit der Person enthalte und daß es jedem überlassen sein müsse, zn verkehren, mit wem er will. Redner weist an der Hand von Beispielen nach, daß gerade die moderne Wirtschaft vom Staat verlangt, daß er schützend und ausgleichend eingreife in das Verhältnis zwischen wirtschaftlich Starken und Schwachen. Noch weniger aber könne man Philippovich zustimmen, wenn er sagt, daß die gesetzliche Behandlung dieser Fragen eine ganz ungenügende sei und daß meist jede Handhabe znm Einschreiten fehle. Gerade wir in Oesterreich sind durch den § 802 St. G., sowie durch die weitgehende Auslegung, welche dieser Paragraph in den Plenar-Entscheidnngen des Obersten Gerichtshofes gefunden hat, theoretisch in ausgiebigster Weise geschützt und wenn es auch nicht immer möglich sein mag, die Urheber der Bewegung ausfindig zn machen, so kann man doch beinahe immer ihre Verbreiter verantwortlich halten. Auf den Erlaß des Ministerpräsidenten übergehend, erklärt Redner, daß eben mit Rücksicht auf die bestehenden Bestimmungen des Strafgesetzes und der Staatsgrundgesetze eine unmittelbare Veranlassung zu diesem Erlasse nicht gefunden werden könne. Wenn trotzdem der Regierungschef dieses Staates, in welchem die Krone im Patent vom 26. Februar 1861 die Grundgesetze f e i e r l i ch beschworen und über dieselben auch stets treu gewacht hat, in welchem die Minister und alle Beamten d e n E i d auf d i e V e r f a s s u n g g e l e i st e t haben, sich veranlaßt sieht, die Unterorgane an ihre gesetzliche Pflicht zu erinnern, io bedeutet dies das Bekenntnis, daß die Wahrung dieses wesentlichsten Grundgesetzes bisher zumindest von den unteren Behörden vernachlässigt wurde. Sehr merkwürdig sei es, daß der Ministerpräsident vom Boykott als von einer „nenestens" zutage tretenden Erscheinung spreche, denn man kann wohl nicht annehmen, daß Herrn v. Bienerth von dem im ganzen Reiche gegen die Juden seit Jahren k o n-

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