Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Di? Wahrheit Nr. 4. Angesichts der vielen Anfeindungen und Zurücksetzungen, denen die Juden in Deutschland durch das Ueberhandnehmen des gesellschaftlichen Autifemitisums ausgesetzt sind, sind diese von hoher Stelle ansgehenden und vom Geiste edelster Menschenliebe erfüllten Worte um so beachtenswerter. * Gegenüber dem von ben Antisemiten so gern gebrauchten Schlagworte von der Feigheit der jüdischen Rasse, dessen Haltlosigkeit aus Grund geschichtlicher Tatsachen in voriger Nummer dieses Blattes in einem eingehenden Artikel beleuchtet wurde, ist es von besonderem Interesse zu erfahren, daß im deutschfranzösischen Kriege 1870/71 der erste französische Adler v o n e i n e m j ü d i s ch e n S o l d a l e n erobert w u r d e. In einem soeben erschienenen Werke, „Turner und Helden" (Verlag Kraft und Schönheit, Berlin-Steglitz) von Gustav Möcke l, in welchem über kriegerische Heldentaten solcher deutscher Turner im Kriege 1870/71 berichtet wird, die mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurden, wird Herr Georg H i r s ch- Frankfnrt a. M. als derjenige Soldat angeführt, der mit stürmender Hatid bei Wörth den ersten französischen Adler eroberte. Ein Briefwechsel zwischen dem späteren Historiker des 80. Regimentes, Baron v. Poseck, und Hirsch im Jahre 1899 enthält die nähere Schilderung des Vorganges. Herr Hirsch selbst, der das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse und vom Kaiser von Rußland den St. Anna-Orden verliehen bekam, »at nie mit seiner namhaften Tat geprahlt, sondern das Geheimnis seiner hervorragenden Auszeichnung fast ängstlich gehütet. Da die annsemitische Rassentheorie über den jüdischen Ursprung des Gründers des Christentums immer nur schwer hinwegkommen konnte, haben ihre „Gelehrten" endlich herausgesunden, daß Jesus ein Arier sei. Zn dieser mit großer Leidenschaftlichkeit vertretenen These hat jetzt auch Prof. H a r n a ck Stellung genommen, nachdem schon aus dem internationalen Historikerkviigreß im Sommer v. I. sein Kollege Deißmann, der neue Berliner Altlestamentler, und der Rostocker Theologe Sellin dem Herrn Pros. Haupt von der Uiiiversiräl Baltimore, der hier dieselbe Ansicht verfocht, eine energische Absertignng haben zuteil werden lassen. In einem Vortrage über die Entstehnng des Christentums nannte er die Ansicht, Christus sei kein Jude gewesen. absurd. Nur ein vom Rassenchauvinismns umnebelter Kops könne sich den Argumenten verschließen, die offenbar jene Ansicht klar widerlegen. Wäre Christus kein Jude gewesen, so hätten seine Gegiier dies sicher irgendwie hervorgehoben. Davon sindet sich aber nirgends ein Wort. * * Wie es uiit der rumänischen Justiz bestellt ist, davon gibt uns ein Prozeß, der sich vor kurzem in Jassy abgespielt hat, ein treffendes Bild. Der staatliche Kellermeister Dr. Schnmnleanu erhob gegen 110 Gewerbetreibende, die sonderbarerweise alle jüdischen Glaubens waren, die Anklage, es seien Spuren von Salizylsäure im Weine gesunden, rurd er ließ daraufhin aus eigener Machtvollkommenheit, ohne erst ein rechtskräftiges Urteil zu erwirken, stattliche Mengen des edlen Nasses a u s l a n s e n. Es genügten ihm nicht die kleinen Gebinde, denen die Proben entnommen waren, sondern er bestimmte auch andere, größere Fässer nach seiner Wahl zur Vernichtung — von den hohen Strafen und der Entziehung der Schankberechtignug nicht zn reden, die seine antisemitisch-sachverständigen Behauptungen für die Betroffenen herbeiführen mußten. Diese, in dem Bewußtsein, daß ihr Wein nicht schlechter war als der ihrer christlichen Bernfsgenossen, beschwerten sich beim zuständigen Minister, gestützt aus Gutachten erster Autoritäten auf dem Gebiete der Weinanalyse, wie die Professoren Dr. W i n d i s ch, des Berliner Gerichtschemikers Dr. Bischofs und anderer. Die Antwort, die daraus erfolgte, war eine höchst selffame, die zeigt, wie weit Rumänien noch von Europa entfernt liegt, und was man sich dort unter dem Mantel des Gesetzes gegen die Inden noch gestatten darf. Die Antwort war nämlich eine Entschädigungsklage auf die Summe von 160.000 Franks von dem (mit einem monatlichen Einkommen von 300 Franks angestellten) staatlichen Sachverständigen,' „da seine Autorität unter der Eingabe gelitten habe." Nachdem der Prozeß zwei Instanzen durchlaufen hatte, fand in der letzten Zeit vor dem Gericht in Baslui, einer kleinen Nachbarstadt von Jassy, eine mehrtägige Verhandlung statt. Die Fürsprache einflußreicher Verwandten des Klägers hatte die Verlegung des Prozesses nach diesem Orte bewirkt, wo man sicher war, antisemitische Gesinnungsgenossen als Richter zu finden. Im Widerspruch mit dem Urteil der vernommenen Sachverständigen, welche die oben angeführten Männer als Kapazitäten -ans diesem Sondergebiete anerkannten, wurde denn auch der Klage des Dr. Schnmuleanu ans seine Angaben hin stattgegeben und die Verurteilung so vieler Familienernährer zu schweren Strafen ausgesprochen. Das Sonderbare ist. daß die dritte Instanz die an den Staat zu zahlende Buße ans ein Sechstel der zuerst festgesetzteit Summe ermäßigte, dagegen die dem gekränkten Privatkläger zustehende Summe verdoppelte. Man sieht also, wozu in Rumänien die Chemie und wozu ein Moustreprozeß gut ist, ivenn der Vertrieb von Blättern, die zum Judenhaß ausreizen, nicht den gewünschten Ertrag abwirft. * Als Seitenstück zu dieser durch gerichtliches Urteil sanktionierten Erpressung eines geldhnngrigen Beamten wird aus Petersburg folgendes Exempel russischer Verwallnngstechnik gemeldet, bei welcher gleichfalls alles darauf angelegt ist, von den Juden möglichst viel Geld herauszupressen: Bekanntlich wird in Rußland von den Eltern oder sonstigen auch noch so entfernten Anverwandten eines Inden, der sich nicht zum Militärdienst gestellt hat, eine Geldstrafe von 300 .Rubeln erhoben. Da die Beamten also sehr daran, interessiert sind, solche Deserteure ausfindig zn machen, so erklärt sich leicht die bisweilen verhältnismäßig hoch angegebene Ziffer jüdischer „Deserteure". Mit wie großer Sorgfalt bei diesem Herumschnüffeln in den Familienangelegenheiten der Inden behufs besserer Bereicherung des Tschins verfahren wird, ergibt sich aus folgender tragikomischen Geschichte. In Kamenez-Podolsk erhielt ein Jude, namens Steinberg, plötzlich eine Ansfordernng, eine Strafe von 300 Rubeln zn bezahlen, weil sein verstorbener S o h n, namens Ö e n n e Judith (!), der im Jahre 1906 das Alter von 21 Jahren erreichen sollte, sich nicht zum Militärdienst gemeldet hätte. Alle Beweise, die Herr Steinberg, seine Verwandten und Bekannten den Behörden lieferten, daß Henne Judith erstens kein Sohn, sondern eine Tochter gewesen sei. was doch auch schon aus dem weiblichen Vornamen hervorginge, und zweitens, daß die Tochter bereits vor Jahren g e st o r b e n sei, hatten keinen Erfolg. Und Herr Steinberg muß die 300 Rubel bezahlen, entweder weil der zuständige Beamte wirklich nicht weiß, daß Judith ein weiblicher Vorname ist, oder weil er Herrn Steinberg gerade nicht wohl gesinnt ist, oder weil er — gerade sehr nötig 300 Rubel braucht! * Ueber die jüdische E i n w a n d e r n n g i n N e w- I o r k erhalten wir folgende Daten : Im November 1908 sind im New-Iorker Hafen 3426 jüdische Einwanderer gela'ndet, gegen 12.418 im November 1907. Von den Eingewanderten kamen 2292 ans Rußland. 914 ans Oesterreich-Ungarn. 163 ans Rumänien, 41 aus England, 9 aus Deutschland. Von den Eingewanderten gingen 893 nach anderen Punkten der Vereinigten Staaten, während der Rest in New- Aork verblieb. Mensa Judai'ca. Bor einigen Jahren wnrde vom Vereine „Einheit" eine jüdische Küche errichtet, wo sich die Armen und Aermsten um weniges Geld sättigen können. Täglich kommen im Lokale in der Floßgasse viele Unglückliche zusammen, viele der von Elend und Kummer gedrückten Inden der Leopoldstädt, denen das Geschick nichts Besseres vergönnte. Der ganze Jammer des jüdischen Volkes ist da oft an eine m Platze vereinigt, jämmerliche Gestalten sieht man, die manchem berühmten Maler als