Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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akrcheit Jlrbnftioii ii. tflbmniiitititiou : j Wien. II/, 3(0luuui]n|je -7.11 TrlrVDoii brr "i1! iutri ri ibKC: j| Jl. f. öftere. Poslsparkassai Si-titrf-Äouto 3ir. 1Ö0.91S. | •UUevats.- Dtviermal griv»tir,l-?lonvnveiUe*,>}eile Sn Hclier. NdouuriucinS. u. anlci nou4tifiriiijr sind in Stüirn jiiblbiir ii»b llatjöar. Unabhängige Heitschnft für jnöische niere^en^ L r s tü e i n t jeden r t i t a i\. Motto: „Das (*oM.es im W Kiirliwil!'1 |j #eiuti*i*Mei*: |!| 'WimjlilOriii tk u.- Ij?.ilbiiiOriu tk 7 ii i^iii öiiltn^bramte: 4',.inl.lDi U >k >» jViif :’i»i'5linii>:!;;l j, j '»miDiaOn^ . . . a M.,rl lt! i? llfiibrl obrr 16 *|c*. ji Ar. 4. Milieu, 22 Jänner 1909. Inhalt: Aus der Woche. — Mensa Juclaica. — Der wirtschaftliche Boykott gegen die Inden. — Fortbildungskurse für jüdische Rabbiner und Lehrer. — Die Ehrfurcht im Gotteshaus. — Berschiedene Nachrichten. — Literarische Niitrellungen. — Jüdisches Theater. — Fenilleron: Eine gebildete Frau. Ans der Woche. Die grauenhafte Katastrophe in Süditalieu hat in allen Erdteilen und Ländern das tiefste Mitgefühl erregt und wie fast immer bei solchen Anlässen, waren es auch hier unsere Glaubensgenossen, die in der vordersten Reihe der Hilfeleistenden standen und durch reiche Spenden die große Rot der unglücklichen Opfer zu lindern suchten. So sehr auch diese Tatsache dem erst vor kurzem von allerhöchster Stelle anerkannten jüdischen Wohltütigkeitssinn zur Ehre gereicht, müssen wir dennoch mit Bedauern konstatieren, daß das vielgerühmte gute jüdische Herz in neuerer Zeit oft dort zu versagen pflegt, wo es feine natürlichste Betätigung finden sollte, und daß besonders bei den Damen der jüdischen Gebnrts- und Geldaristokratie in Wien, mit nur wenigen, allerdings rühmenswerten Ausnahmen, das Interesse für jüdische Institutionen merklich abgenommen hat. Ein jüdisches : Kinderspital, eine jüdische Mensa, ein jüdisches Studentenheim, eine reichere Fürsorge . für arme jüdische Kranke und Sieche werden als dringende Bedürfnisse allgemein empfunden, und wie schön stünde es diesen vornehmen, jüdischen Damen an, statt in Wohltätigkeits-Basaren für allgemeine Zwecke oder, wie es erst kürzlich der Fall war, in Komitees für Weihnachts-; bescheerungen ihre Werbekraft zu betätigen, sich für einen der angedeuteten, gewiß nicht minder nnterstütznngswürdigell, jüdischen Zwecke zu erwärmen und nach dieser Richtung an den Wohltätigkeitssiun unserer Großen und Reichen zu appellieren. * * Welche Behandlung jüdische Kranke mitunter in den alli gemeinen Spitälern erfahren, das beweist folgender Vorfall, der ' sich kürzlich im Spitale der barmherzigen Brüder ereignete: Ein jüdischer Student stürzte beim Abspringen von der i Elektrischen so unglücklich, daß er in bewußtlosem Zustande von der Rettnngsgesellschasl ins Spital der Barmherzigen gebracht; werden mußte, woselbst bei ihm eine Gehirnerschütterung kon-! statiert wurde. Als er nach mehrtägigem Krankenlager wieder; zu Bewußtsein kam, wurde er, weil er sich über einen kalten i Luftzug beklagte, von dem im Saale anwesenden Spitalmeister j beschimpft, der dabei, wie Ohrenzengen bestätigen, die Worte; gebrauchte: „M 11 einem Juden werden wir noch j fertig werden." Der famose Samariter im Ordenskleide j hatte aber sein Mütchetl au dem Juden noch nicht genügend > gekühlt; bei einem nächsten Besuche vergriff er sich an dem Patienten, und als dieser die Mißhandlung nicht ruhig hinnahm, I ließ er ihn in ein Jsolierzimmer übertragen, woselbst er in einem vergitterten Bett liegen mußte. Die Verwandten des Kranken, von dem Vorfälle verständigt, riesen die Intervention eines Arztes in der Leopoldstadt cm, der. als er bei der Spitalsleilnng keine genügende Aufklärung erhielt, den Kranken durch Uebergabe in Privatpflege ans seiner schrecklichen Situation befreite. Der Zustand des Patienten hatte sich aber derart verschlimmert, daß er nach wenigen Tagen ans die psychiatrische Abteilung im allgemeinen Krankenhaus gebracht werden mußte. Die behördliche Untersuchung, die ans die Anzeige der Verwandten eingeleiter wurde, wird jedenfalls ergeben, welcher Anteil an der Entwicklung der Krankheit der rohen Behandlung des Spitalmeisters zuzuschreiben ist, aber immerhin genügt die Tatsache an sich, um darzntnn, daß das gefährliche Gift des Antisemitismus selbst in eine Anstalt eingedrungen ist, die bisher im Ruse der größten konfessionellen Duldsamkeit stand und deshalb von jüdischer Seite immer in reichstem Maße unterstützt wurde. Daß es sich übrigens nicht um einen vereinzelten Fall handelt, dafür spricht der Umstand, daß derselbe Arzt vor wenigen Tagen neiterdings ersticht wurde, sich eines jüdischen Patiencen im Spitale der Barmherzigen anznnehmen. Vielleicht sieht sich einer der jüdischen Philanthropen zu der Anfrage an die Spitalsleitung veranlaßt, in welchem Geiste die großen Spenden, die sie dieser Anstalt zngewendet haben, verwaltet werden. * * Die Großherzogin-Witwe Louise von Baden hat die an sie zu ihrem 70. Geburtstag gerichtete Adresse des großherzoglichen Oderrates der Israeliten mit folgendem Schreiben beantwortet: „Unter den vielen Kundgebungen, die mir bei meinem 70. Gebrtrtstage zuteil geworden sind, habe ich mit besonderer Dankbarkeit diejenige des großherzoglicheu Oberrates der Israeliten empfangen, in welcher Sie mir in so herzlicher Weise Segenswünsche aussprecheu, deren Erfüllung ich zuversichtlich in Gottes Hand lege. Ihre Teilnahme erfüllt mich mit tun so herzlicherer Dankbarkeit, als Sie bei dem Rückblick aus die Vergangenheit, die nun bei dieser ernsten und wehmütigen Jahreswende abgeschlossen zurückliegt, der vielen Beziehungen gedenken, die u n s auf dem Gebiete der M e n s ch e n l i e b e u n d der Gemeinnützigkeit zniammengeführl haben. Diese Erfahrung ist mir eine stets wertvolle gewesen, und ich nehme sie mit in das neue Jahrzehnt meines Lebens, in der Ueberzengung, daß in Zukunft in gleicher Weise sie sich bewähren und fortsetzen werden, auch da im Sinne unseres teuren in Gott ruhenden Großherzogs, dessen Vorbild uns stets vorauleuchten wird."