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Die Wahrheit · 1909-01-15 · Heft 3 (15.1.1909) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 3. Seite 7. Die Wahrheit. -bittet die Versammlung, welche sich zum Ausdrucke des Daukes von den Sitzen erhoben hatte, ihm die Ermächtigung zu erteilen, auch von dieser heutigen Dankeskundgebung den genannten .Herren Kenntnis zu geben. (Die Zustimmung wird erteilt.) Konstituirung des Kultusvorstandes. Im Sinne des Statutes wird die Wahl der für eine einjährige Mandatsdauer zu wählenden Vize-Präsidenten vorgenommen. (Präsident Dr. Alsred Stern ist für eine dreijährige Mandatsdauer ab 1. Jänner 1907 gewählt.) Bei der mittelst Stimmzettel vorgeuommenen Wahl des I. Vize-Präsidenten entfallen sämtliche Stimmen aus den, infolge Unwohlseins von der Sitzung abwesenden, bisherigen I. Vize-Präsidenten 'Dr. Gustav K o h n. Zum II. Vize-Präsidenten wird k. k. Banrat Theodor Ritter von G o l d s ch m i d t, welcher gleichfalls durch Krankheit verhindert war, der Sitzung beizuwohnen, gewählt. Vor der Vornahme der Wahl von 8 Mitgliedern des Vertreterkollegiums bringt der Präsident zur Kenntnis, daß -das bisherige Mitglied des Pertreterkollegiums, kais. Rat Bernhard P o l l a ck, Edler von Parnau, in einer an das Präsidium gerichteten Zuschrift erklärt habe, infolge seines schwankenden Gesundheitszustandes nicht in der Lage zu sein, eine eventuelle Wiederwahl derzeit anzunehmen. Die Versammlung nimmt diese Mitteilung mit lebhaftem Bedauern zur Kenntnis und beschließt einhellig, Herrn von Pollack für seine vor seiner Erkrankung nn Interesse der Gemeinde entfaltete außerordentliche Tätigkeit als Finanz-Referent der Gemeinde den wärmsten Dank ausznsprecheu. Bei der hierauf mittelst Stimmzettel vorgenommenen Wahl werden die bisherigen Vertreter, Dr. Alfred Berger. Salo -E o h n, Dr. Felix K a tz a u, Dr. Leopold K o h n. Wilhelm K u f f n e r, Dr. Benjamin R a p P a p o r t und Dr. Maximilian Steine r wieder- und das Vorstandsmitglied Max Frank meugewählt. Erledigung der Miklvah-Frage. Jm Präsidialbericht' bringt der Vorsitzende zur Kenntnis, daß bezüglich der Errichtung und Beaufsichtigung der von der Gemeinde neu errichteten Mikwah zwischen dem Rabbinate der Kultusgemeiude und dem Rabbiner des Vereines ..Adaß Jisroel" (Schiffschnle), eine beide Teile befriedigende Vereinbarung getroffen wurde. Diese erfreuliche Tatsache sei das Ergebnis langwierigen Verhandlungen, für deren gedeihliche Beendigung in erster Linie Herrn Oberrabbiuer Dr. G ü d e m a u n. ferner auch dem Obmanne des Mikwah-Komitees. Herrn kais. Rat Siegmnnd Sauber s, sowie allen unmittelbar Beteiligten aufrichtiger Dank gebührt. Kais. Rat K a u d e r s gibt der Genugtuung über das .erreichte Resultat Ausdruck. an dessen Herbeiführung sich der Präsident ein wesentliches Verdienst erworben hat. Die Mutter Leopold Hilsners. Der Sekretär bringt nachstehendes Ansuchen der Frau Maria Himmelreich, Mutter des wegen Mordes zu lebenslänglichem Kerker verurteilten Leopold H i l s n e r, um Aufnahme in die Versorgungs-Anstalt der Wiener israelitischen Kultusgemeinde zur Verlesung: „Ein vom Schicksal schwer heimgesnchtes, von Leid, Schmerz und Krankheit gramgebeugtes Weib, unterbreitet die ebenso dringende als durch die Umstände mehr als hinreichend gerechtfertigte Bitte: Der hochlöbliche Vorstand geruhe meine Aufnahme in das Alters-Bersorgungshans der Wiener Kultusgemeinde gütigst veranlassen zu wollen. Ich bin die schwer geprüfte Mutter jenes itnglücklichen .Hilsner, der als ein Opfer der antisemitischen Strömung der Zeit, lebenslänglich hinter Kerkermaueru zu schmachten verurteilt ist. Man hat mir den Namen „Himmelreich" beigelegt, jedoch mit Unrecht. Ich verdieite viel eher den Namen „Schmerzenreich", denn Schweres und Schmerzliches hat Gott mir auferlegt. Schmerzlich für eine Mutter ist wohl der Tod eines Kindes, aber man nimmt ihn schließlich als unabänderliche Tatsache hin, und im Laufe der Zeit vernarbt die Wunde. Die Wunde aber, die mir geschlagen wurde, bleibt stets offen, kann niemals vernarben, denn die Hoffnung, meinen Sohn befreit von Nacht und Kerker jemals wieder in meine Arme schließen zu dürfen, ist für mich gänzlich geschwunden. Ich bin 63 Jahre alt. doch weit über meine Jahre hinaus gealtert, denn der an meinem Herzen nagende Kummer zehrt an meiner Lebenskraft. Mein Dasein ist ein höchst trauriges. Solange ich noch erwerbsfähig war, konnte ich nichts unternehmen, da ich meine Tätigkeit über das Gebiet der Judengasse hinaus nicht erstrecken konnte, weil ich mich nicht den Folgen einer aufgeregten Volksmenge, die in mir die Mutter des angeblichen Ritnalmörders Hilsner sah, ohne Gefahr für mein Leben ilnd meine Gesundheit aussetzen durfte. Heute aber,' namentlich seitdem an mir vor mehreren Monaten eine lebensgefährliche Operation vvrgenommen wurde, bin ich gänzlich gebrochen. Mit Geldunterstütznng ist mir nicht gedient. Ich bin körperlich und seelisch krank und bedarf dringend der Pflege. Ruhe und Schonung. Ich selbst kann mich nicht pflegen, bin aber auch nicht in der Lage, mir eine Pflegerin zu bezahlen. In dieser trostlosen Lage wende ich mich Hilfe suchend und Hilfe erwartend an den wohlbekannten humanen Sinn der löblichen Knlmsgemeinderepräsentanz und hoffe, daß meiner ebenso höflichen als dringenden Bitte um gütige Anfnahme in das Wiener israelitische Versorgnugshaus geneigte Würdigung und Berücksichtigung zuteil werden wird. Ich glaube darauf Hinweisen zu dürfen, daß es Pflicht des Judentums ist, das an mir wenigstens gut zu machen, was der Antisemitismus an mir und an meinem unglücklichen Kinde gesündigt und verschuldet hat. Gestützt auf obige Motive erhoffe und erbitte ich eine baldige, günstige Erledigung meines obigen, ergebensten Ansuchens, wofür ich den Segen des Himmels täglich und stündlich auf Ihre edlen Häupter herabflehen will. Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung verharrt ganz ergebenst Marie Himmelreich, vormals Hilsner. Gr.-Meseritsch, 31. Dezember 1908. Anknüpfend an die Vorlesung dieses Gesuches bemerkt der Vorsitzende, daß das Organisationsftalut für die Versorgungsanstalt als Voraussetzung für die Aufnahme in das Versorgnugshaus einen mindestens 10jährigen ununterbrochenen Aufenthalt in Wien und ein Miudestalter von 65 Jahren fordere. Beide Boraussetzuugen treffen bei Frau Himmelreich nicht zu. Sie wohnt dermalen nicht in Wien und hat niemals in Wien gewohnt. Auch ist sie nach ihren eigenen Angaben erst 63 Jahre alt. Nichtsdestoweniger rechtfertige dieser Fall von seltener Tragik auch die weitestgehende Ausnahme. Das Vertreterkollegium stellt deshalb den Antrag, Frau Himmelreich in das Versorgungshaus unter Nachsicht der statutarischen Erfordernisse anfzunehmen. Der Vorsitzende fügt dem hinzu, daß er es als eine Ehrenpflicht der größten jüdischen Gemeinde Oesterreichs erachte, der vom Schicksale so hart verfolgten, unglücklichen Mutter des Hilsner eine Versorgungsstätte zu bieten. Der Antrag des Vertreterkollegiums wird angenommen. Nach Erledigung einer Reihe von Steiler- und Personal- Angelegenheiten wird die Sitzung um 2 Uhr nachmittags geschloffen. Deren» der Sabbalfreinide. Dem Beispiele Deutschlands folgend, ist es auch bei uns in Oesterreich gelitngen, die Grundlagen für eine Organisation zu schaffeil, die in weiten Kreisen des orlhodoxett Judentums lebhaften Beifall und besondere Anerkennung gefunden hat. Es gilt, eine Vereinigung ins Leben zu rufen, die es sich zur Aufgabe machen wird, für die Heilighaltung des Sabbates im Sinne der überlieferten schriftlichen und mündlichen Lehren einzntreten, speziell für die Propaganda der Samstagruhe Sorge zu tragen. Die Idee, die propagiert werden soll und um die es sich handelt, hat zuerst in Deutschland Wurzel gefaßt, und Dank dem Zusammenhalten jenes Teiles der Judenschafl, welcher den Boden traditioneller Ueberlieferung nicht verläßt, ist sie das Bollwerk einer gewaltig dastehenden Verbindung geworden. Der auf Anregung einiger gesetzesrreuer Juden nunmehr auch in Wien gegründete Verein der Sabbatfreunde „Schomre

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