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Die Wahrheit · 1909-01-15 · Heft 3 (15.1.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3 Die Walnden Kelle 5. Volk besteht schließlich nur aus Einzelindividuen, und wenn die klimatischen und wirtschaftlichen Verhältnisse günstig sind, dann entfaltet sich das Volk zur Tapferkeit in körperlicher wie moralischer Beziehung. Kriegerische Völker sind es nicht ihres Blutes wegen, sondern weil die Lebeusbedingungen sie dazu machen. Jedes Volk rühmt seine Heldentaten, hall sich für das tapferste und betrachtet das Volk, zu dem es sich im größten Gegensätze lebend wähnt, als minderwertig oder gar feig. Nur geschieht es heute in etwas milderer Form. Die Menschen sind nicht besser, wohl aber höflicher geworden. Die Franzosen wollen heute noch die „große Nation", die Engländer die „Weltbeherrscher", und die Deutschen die „heldenmütigen Germanen" sein. Ja, selbst Rußland hält sich für mächtig und unbezwingbar und dichtet sich alle möglichen und unmöglichen Tugenden an. Das hält man jedem Volke als nationale Eitelkeit für gut, aber gar zu ernst nimmt dieses eigentlich niemand. Man weiß, daß die Kultur auch hierin nivellierend gewirkt hat, und daß die spezifischen Eigenschaften der Völker stark verwischt sind. Die Tapferkeit hat im Altertum bei jedem Volke eine besondere. streng ausgeprägte Form angenommen. In der Neuzeit ist sie welliger differenziert und erscheint fast überall gleichmäßig. Die Differenzierung der Menschheit zeigt sich heute immer mehr hauptsächlich in seelischen Dingen und liegt nicht auf der Oberfläche. Daß es den Inden in Palästina an Tapferkeit, ja oft an Tollkühnheit nicht gefehlt hat, weiß jeder, dem die Geschichte kein Geheimnis ist. Die Kämpfe der Makkabäer und noch mehr der heldenmütigen Streiter unter Bar-Kochba bilden Ruhmesblätter dieses kleinen Völkchens und die Historiker des Altertums stellen der Kriegstüchtigkeit der Inden ein glänzendes Zeugnis aus. Im Blute der Juden liegt also der Bazillus der Feigheit ebensowenig, wie der des Wuchers. Nur traurige Verhältnisse konnten im Mittelalter den Inden die persönliche Tapferkeit schwächen. Als sie in die engen Ghettos gesperrt wurden, als ihnen jede gesunde Beschäftigung und namentlich die Waffeuübung und sogar das Tragen der Waffen verboten wurde, als sie vom gesunden Lebenshauch und von der Natur abgeschnitten waren, da mußte natürlich ihre körperliche Entwicklung und die Erziehnng zur Tapferkeit sehr gehemmt werden. Das Ghetto war ja eine künstliche Erziehnng zum Sklaventum, eine Tötung aller persönlichen guten Eigenschaften. Aber überall, wo die Juden unter gesunden Verhältnissen lebten, überall, wo sie sich der Freiheit erfreuten, da zeigten sie sich als ebenso tapfer wie die anderen Bürger. Tapferkeit ist ja nur das Instrument innerer und äußerer Freiheit, das Gefühl männlichen Stolzes und Wagemutes. Die modernen Juden unterscheiden sich zumeist auch in dieser Beziehung sehr wenig von den Völkern, unter denen sie leben, oder richtiger, von den Stände n, zu denen sie ihrem Berufe nach gehören. Denn der Stand, die berufliche Lebensweise spielt hier die größte Rolle. Die Anshebestaiistik zeigt uns den Unterschied zwischen Stadt und Land, zwischen Arbeiter und Kaufmann, ja zwischen Beamten verschiedener Kategorien. Die Inden in Deutschland sind körperlich genau so tüchtig wie ihre christlichen Standesgenossen. Sie gehen mit derselben Lust zum Militär wie jene und tun ihre Pflicht wie jeder biedere Bürger. Die Erziehnng und die Lebensweise haben viel mehr Bedeutung als die Mysterien des Blutes, von denen der Ignorant am meisten zu erzählen weiß. So liegen die Dinge für jeden, der die Welt ohne blaue Brille sieht. Unsere Antisemiten aber ziehen es vor, die Bahn der Vernunft zu meiden und die dunklen Pfade des Instinkts zu wandeln. Natürlich wollen sie den Juden nicht die Militärpflicht abnehmen, um ihnen ein nie erbetenes Geschenk zu machen. Nein, sie wollen das jüdische Geld als Ersatz und — s i e möchten die Grundlage der bürgerlichen Gleichberechtigung untergraben. Im modernen Leben gilt die Blntsteuer, die persönliche Militärdienstleistung, mit Recht als das höchste und vornehmste Opfer, das der Bürger der Gesamtheit, dem Vaterlande darbringt. Denn keine Leistung gleicht der Einsetzung der Persönlichkeit, des Mutes und der Kraft fürs Vaterland. Daher ist der Militärdienst nicht nur die Schule der Tapferkeit, der Ausbildung der Manneslngenden, sondern auch die Hanptqnelle des Bürgerrechtes. Die gesunde Logik sagt sich: wer die gleichen Pflichten treu erfüllt, der darf auch gleiche Rechte beanspruchen. Unsere Antisemiten waren daher stets bemüht, diesen Grundpfeiler der bürgerlichen Gleichberechtigung dadurch zn erschüttern, daß sie die militärischen Fähigkeiten der Juden verneinten und die historischen Tatsachen, wo sie ihnen unbequem waren, durch Phantasien ersetzten. Freilich ziehen diese Ladenhüter nicht mehr, und daher ist man bestrebt, die alten Lächerlichkeiten in ein neues Gewand zn hüllen. Schöner aber sind sie auch dadurch nicht geworden, und der Eingeweihte erkennt sie auch in dieser neuen Maste. Wie dabei mit den geschichtlichen Tatsachen nmgesprnngen wird, das hat uns die antisemitische Presse im letzten Jahre wieder einmal gezeigt. Immer wieder geht man mit dem Briefe des jüdischen Vorstehers der Gemeinde M n r k i s ch - F r i e d l a u d vom Jahre 1813 hausieren, der 10.000 Taler als Loskanfgeld für die Befreiung einiger Inden vom Eintritt in die Landwehr vor dem Kriege anbot. Diese Tatsache an sich ist wohl richtig. Nur wird vorsichtigerweise dabei vericlnviegen. daß zur selben Zeit T a n s ende v o n C h r i st en dasselbe rare n. In Niederbarnim meldeten sich nach amtlichen Dokumenten svvieie christliche Bürger znm Loskans von der Landwehr, daß dagegen militärisch eingeschritten werden mußte. In Potsdam meldete der damalige Polizeileiter unter dem 19. April, daß alle Einberufenen zur Landwehr sich sehr widerwillig zeigten, daß sie bei der Verkündigung der Kriegsartikel Lärm machten und die Eidesleistung verweigerten. In Brandenburg hatten von 298 einberusenen Christen 80 reklamiert. Ans allen Ecken und Kanter: des Königreiches Preußen liefen Klagen über Deserteure ein. Ans Wesel allein desertierten 17 Unterossiziere, 0 Spiellente und 631 Gemeine. Man sieht also, daß der Widerwille gegen den Krieg und der Mangel an Patriotismus keine jüdische Erscheinung damaliger Zeit war. Für die Inden kann jedenfalls noch als Milderungsgrnnd, wenn auch nicht als Entschuldigung, die Tatsache angeführt werden, daß sie erst durch das Edikt vom 11. Mürz 1812 zn Staatsbürgern erhoben rvnrdeu, daß ihr Bürgertum noch sehr jung war, und daß naturgemäß bei ihnen die Freude am Dienste des Vaterlandes erst anerzogen werden mußte. Wie soll man aber die schmachvolle Flucht der nichtjüdischen Bürger damaliger Zeit erklären? Waren auch daran die Juden schuld? So sehen die geschichtlichen Tatsachen ans, ans die unsere Antisemiten ihre gemeinen Verdächtigungen gegen die jüdischen Bürger ansbauerr! Geradezu komisch ist auch der Beweis für die jüdische Feigheit, den sich das Hamburger antisemitische Blättchen kürzlich zurechtlegte. Es erinnerte an eine kleine Erzählung des „Juden Sacher-Masoch" ans dem letzten russisch-türkischerr Kriege. Daß der bekannte Novellist Leopold v. Sacher-Masoch kein Jude war und auch nicht von Juden abstammt, — das hätten sogar die antisemitischen Ignoranten in Hamburg erfahren können. Es klingt aber besser, wenn man für den größten Blödsinn einen jüdischen Kronzeugen zitiert. Der Inhalt der Erzählung soll folgendermaßen sein: „Die Türken hatten ein besseres Gewehr, so daß die Russen nicht recht herankommen konnten. Da setzte ein russischer Hauptmann einen Preis ans ans die Einlieferuug von 100 türkischen Gewehren. Das machte sich der zu seiner Kompagnie gehörige Jtzig Mandelblüt zunutze. Er hatte, ans Vorposten stehend, unter den Feinden einen Raffengenossen entdeckt, mit dem er das feine Geschäft znsammen machte. Der Jude unter dem Halbmond stahl die gefährlichen Schießdinger, und Jtzig trug sie seinem Hauprmann zu. Alles war erstaunt über den tollkühnen Jtzig, der allnächtlich auszog, um Gewehre zu erobern. Die 500 Rubel sollen die beiden Geschäfrssoldaren wirklich ehrlich geteilt haben. Der tapfere Jtzig bekam dazii noch einen Orden, und der ,humane' Hauptmann verhalf ihm später zu einer flotten Dorsschenke." Und unser Schmock leistet sich dazu die Bemerkung: „Es ist bezeichnend für die Denkungsart der Juden, daß sie solche Geschichten sogar im kultivierten Westeuropa mit Behagen verbreiten." Ob die Erzählung wirklich von Sacher-Masoch stammt, können wir im Augenblick nicht sagen. Jedenfalls aber ist sie sehr schlecht erfunden. Im türkischen Heere gibt es bekanntlich k e i n e j ü d i s ch e n und keine christlichen Soldaten, es ist nach dem höchsten antisemitischen Ideale „j u d e n r e i n".

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