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Die Wahrheit · 1909-01-15 · Heft 3 (15.1.1909) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. 3)fc Wahrheit Nr. 2. Mit der Zeit bricht für den der Schule Entwachsenen eine neue Zeitepoche heran. Er tritt ins Jünglingsalter. Doch jetzt zeigt es sich, daß ihm in erster Linie die Unkenntnis des hebräischen Textes, die er seiner Abneignng zu verdanken hat, bei allen gottesdienstlichen Anlässen hinderlich ist und Verlegenheiten bereitet. Daraufhin meidet er vorsätzlich das Gotteshaus und wenn er einmal dort erscheint, da bleibt er am liebsten ungesehen und unbeachtet, um durch seine Teilnahmslosigkeit ja nicht die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu lenken. Wie peinlich ist es erst, mitanzniehen, wenn so ein junger Mann, falls ihm das harte Geschick frühzeitig den teueren Vater oder die zärtliche Mutter entrissen, aus Pietät im Trauerjahre zur Verrichtung des Kadischgebetes im Gotteshause erscheint. Wie er, weil er weder Tallis noch Tefilliu angelegt hat, geradezu aus der Gemeinde hervorsticht, wie er teilnahmslos bei den gottesdienstlichen Vorträgen dasteht; wie mechanisch er in dem ihm sremdgebliebenen Gebetbuche umherblättert und wie er schließlich, in sichtlicher Verlegenheit, im Chor mit den übrigen Leidtragenden, mit kaum vernehmbarer Stimme, das ihm so schwierige Gebet für das Seelenheil der Dahingeschiedenen hervorlijpelt. Die da im Grabe ruhen, sie regen sich niemals wieder und die Lippen, die sich einmal geschlossen, die sprechen niemals wieder. Könnten aber die Toten noch einmal sprechen, o, dann würde so mancher Vater und so manche Mutter ans der Grabesruhe heraus in die Klage ansbrechen: „Ach, hätte ich doch bei Lebzeiten nicht verabsäumt, meinem Kinde in der Religion das zu bieten, was meine Eltern m i r geboten! 0, hätte ich es doch nicht unterlassen, meinen Nachfolger nnd Namensträger mit der heiligen Sprache vertraut zu machen, mit der er am Gottesdienste hätte teiluehmen, in der er vor Gott sein Herz hätte ausschütten und in der er in würdigerer Weise für mein Seelenheil hätte beten können!" Wie es schließlich um das religiöse Fühlen und Empfinden eines solchen Entgleisten bestellt ist, wenn er einmal selbständig geworden und zufolge seiner sozialen Stellung und seiner Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinde, in derselben — was heutzutage keine Seltenheit ist — zu einem Ehrenamte gelangt ist, das zu illustrieren, das wollen wir, da es hier zu weit führen würde, dem freundlichen Leser überlassen. Und darum Ihr fürsorglichen Eltern! Ihr zärtlichen Väter und Mütter! Lasset Euch bei der Erziehung nnd Heranbildung Eurer Kinder, ums Religion betrifft, nicht von modernen, antijüdischeu Tendenzen leiten: lasset in der Religion, in der Pflege und Förderung ihrer Wissenschaften, Schule und Hans eins sein; leget hoben Wert daraus, daß Eure Sprößlinge sich die Kenntnis unserer heiligen Sprache, bte ja doch die Basis der Religion und des Judentums bildet, zu eigen machen, flößet ihnen zur Erlernung derselben Lust, Liebe und Begeisterung ein, auf daß sie gerne in dieser Sprache lesen und beten nnd in den Gebeten Belehrung und Erbauung, Zuversicht und Hoffnung finden in allen Lagen und Wechselsällen des Lebens. Daniel S k n t e z k y, Religionsleyrer. Eine jüdische Mensa. Molto: „Nicht Worte, sondern Taten!" Im vorigen Jahre erschien in 10. Auflage Professor Dr. Theobald Zieglers prächtiges Buch: „Der deutsche Student am Ende des 19. Jahrhunderts." Das Ziel des berühmten Verfassers ist ein pädagogisches. Die Studenten werden anfgefordert, dafür zu sorgen, daß ihre Schultern stark tmd ihre Seele frei, daß sie gelehrte, gebildete, charaktervolle Männer werden. Schonungslos legt er die Mißstände im Leben der .vochschüler aus den Universitäten bloß und mit Kraft verficht er Forderungen sittlich-sozialer Art. Seine Worte gelten auch den jüdischen Hochschülern, weil diese im Kulturkreise der deutschen Universitäten leben nnd die deutschen Stndentensitten und Sttldentenbräuche rezipiert haben. Wir möchten alles, was Ziegler sagt, immer wieder einschärsen. Vor allem gefällt uns sein Abrufen des Studenten von dem krassen Jndividnalismus, in dem er sich gegenüber dem Philister gefällt, zu den sozialen Tendenzen unserer Zeit. Mit Befriedigung nahm man es daher wahr, daß der jüdische Student in neuerer Zeit nationale Ideale betätigte und verfocht. Aber anch hier hätte man mehr Berücksichtigung der gegebenen Bedingungen und Verhältnisse und des Möglichen gefordert. Die Studenten erscheinen uns als die Blüte unseres Volkes, als unsere Hoffnung und Znknust. Darum tun wir alle gern für sie, was nur möglich ist, um an ihnen einst Führer und Berater, Arbeiter und Verwalter des Gutes, das unsere Nation gesammelt nnd noch zu entwickeln hat, zu haben. Wir lieben unsere Studentenschaft und wollen ihnen daher alles bieten, was Väter den Söhnen geben können, damit sie unsere Güter erben und vermehren. Heute sind sie im Vordertreffen gegen Anmaßung und Uebermnt. Wir stehen bei ihnen. Sie sollen durch uns im Ringen um Gerechtigkeit die Waffen erhalten. Diese unsere Unterstützung soll reich, gut, kräftig und dauernd sein, frei von Gnade, frei von Phantasien, frei von Worten; in Taten sind wir bei unseren Jungen. Von solchen Gedanken ist der jüdische Verein „Einheit" erfüllt wenn er heute den jüdischen Hochschülern Wiens seine seit drei Jahren bestehende, billige und gute Küche als mensa judaica zur Verfügung stellt. Es bedarf keiner neuen Komitees nnd Sammlungen. Der Vorstand des jüdischen Vereines„Eiuheit" nimmt die ihm von den studentischen Korporationen nominierten Delegierten in seine Verwaltung auf und wird mit ihnen die alte Küche, die schon eine Wohltat und Bedürfnis für Hunderte unserer Volksgenossen geworden ist, zur trefflichen mensa judaica gestalten, lieber Forderungen, die mit Recht von den Studenten gestellt werden, wird Einigung erfolgen. Die Zusammenarbeit von Bürgern nnd Studenten in dieser Institution, die hunderten Hochschülern billiges nnd reichliches Mittag- und Abendbrot geben kann, wird auch hier segensreich fein. Die Küche besindet sich Wien, II., Floßgasse 9. Ein Mittagmahl, bestehend ans Suppe, Fleisch mit Beilage, Gemüse oder Mehlspeise und Brot 40 h, ein Abendbrot, bestehend ans Suppe, Fleisch mit Beilage nnd Brot 30 li. Auskünfte jeder An erteilt der Schriftführer des jüdischen Vereines ..Einheit", Herr Wolf Pappen he im in Wien, IIZ, Kleine Pfarrgaffe 1. Alte Aigen im neue»» Gewände. Mail weiß, wie es die Mode macht. Wo es ihr all neuen Ideen fehlt, da schöpft sie ans dem Alten und verwandelt das längst Unmoderne in die feinsten Pariser Rouveantss. Im Grunde wird jedes Damenkleid nnd jeder Hut alle sieben bis acht Jahre wieder modern. Unsere Antisemiten, die wie die Modemacher von den Schwächen der Menschheit leben, machen es genau so wie jene. Ihr Repertoire ist sehr beschränkt, und zum geschickten Lügen fehlt ihnen hänsig die künstlerische Phantasie. So wiederholen sie immer die alten, längst widerlegten „Tatsachen", die zum eisernen Fonds „antisemitischer Wahrheiten" gehören. Man kann tatsächlich jedes antisemitische Märchen mindestens einigemal jährlich in der antisemitischen Presse wiederholt finden, nur manchmal mit einigen Variationen. Ein Leser von etwas Geschmack fände das langweilig nnd lächerlich. Die antisemitischen Abonnenten aber sind ungemein anspruchslos, und sie verlangen von ihren Zeitntlgen kerne zu große Gehirnanstrengung. Zn den bekanntesten Dogmen des antisemitischen Katechismus gehört anch die immer wiederkehrende Behauptung von der persönlichen Feigheit der Inden. Nun bilden Mut und Feigheit persönliche Eigeitschaften, sie gehören einzelnen Personen und nicht ganzen Völkern an. Die Anlage für den männlichen Mut. für die Erprobung seiner Kraft, für das, was wir mit Tapferkeit bezeichnen, ist wohl bei jedem gesunden und normalen Menschen vorhanden, und wenn sie durch körperliche Uebnngen und durch sittliche Unterweisungen geübt nnd in die richtige Bahnen geleitet wird, entwickelt sie sich zur Charaktereigenschaft und dient auch der Gesamtheit znm Vorteil. Ein

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