Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ahr-Hsit Strdaktloil ». Sldiiniilsti nuoii:! Wie». II/, Livvaragasir '27.! D-l-vO»» d-r Diiicr--.-: IvLür K. k. österr. Vostfpartassa- Scheck-Konto Nr. 100.918. ij ihirevatr j| Diviermal g-ivatt-n- > NonvareiNe-Zeiie L5 Heller. rldoil>ic>»c»lSn. ^»Icinovs-! betrüge n»d in Wie» zadlva-. - und tlngbtt!. nakhängtge Heiifchnft für Mische Intere^en. Erscheint jeden I re i t afl. Motto: ,.Dhs öiegei (Lottes ist Wahrheit!“ iM.llMlilÖVIrt . . . Jl U.— &.iiMiibvifli . . N 7 - Fnr ÄnltttSbi-limte: >»l.»,luv>i>t re i». t%iii' Vlii'SImiö : <u(ibviii ... 8 'jJturr |: rt lllllOtt oder I» tfc*.!> Ar. B. Wien. 15. Immer 1909 Inhalt. Die Animosität unserer Kinder für den Religionsunterricht, ihre Ursachen und Wirkungen. — Eine jüdische Mensa. — Alte Lügen tut neuen Gewände. — Die Inden in Sizilien und Kalabrien. — Aus der 'Wiener Knlmsgeineinde. — Das Leben und Wirken der Inden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Eine gebildete Frau. — Denkschrift. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für den am 1. Jänner 1909 begonnenen neuen Jahrgang ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Mattes keine Hintervrechnng erleide. Abonnements-Bedingungen: Ganzjährig Kr. 14.— Kalvjährig Kr. 7.—, Kierteljährig Kr. 3.5V. K. k. Poftfparkassen-Konto 100.918. Die Animosttiit nnserer Kinder für den Religionsunterricht, ihre Ursachen und Wirkungen. Die modernen Lebeusanschauugen unserer Zeit, die in der Gesellschasi, vorwiegend aber im Innenleben der Familie tiefe Wurzel gefaßt und, wie begreiflich, auch auf das jüdische Familienleben sich verpflanzt, haben daselbst and) ans religiösem Gebiete Einfluß geübt und wesentliche Neuerungen zutage gefördert. Unter der Flagge der „Moderne" wird auch die Religion der Mode unterworfen, erhält auch der angestammte Glaube neue Form und neue Fasson. Und so wie dieser antireligiöse Zug der Zeit die Großen beherrscht, so ist ihr Bestreben dahin gerichtet, auch die Kleinen für ihn zu präparieren. Weil aber Kinder für bas, was sie in ihrer Umgebung sehen und hören,? am meisten empfänglich sind, bleibt konsequenterweise auch die! Wirkung nicht aus. Daher kommt es, daß unsere Kinder, mit i wenigen Ausnahmen, schon vom Ellernhause eine gewisse Animo-! sitüt für den Religionsnnterricht mit in die Schule bringen, daß | ihnen keiner der Schulgegenstünde so langweilig und monoton; erscheint, wie der Gegenstand: Religion, daß ihnen keines der! Religionsfächer so viele Mühen und Schwierigkeiten bereitet, - wie das Lesen. Memorieren und Uebersetzen der hebräischen j Gebete, und daß ihnen kein Buch von den Lehrbüchern der Schule! so verhaßt ist, wie das Gebetbuch, der — wie sie behaupten — j allzureichhaltige, voluminöse Sidur. Was Wunder, wenn so ein j jugendlicher Aufgeklärter, in seiner eingefleischten Abneigung für! den Religionsunterricht, von der untersten bis in die oberste! Klaffe hinauf in den Fächern dieses Gegenstandes znrückbleibt! und alle Aussichten hat, zeit seines Lebens ein „Amhorez" in! Folio zu bleiben. Denn, was Hänschen in der Jugend nicht! liebt und nicht lernt, das liebt und lernt auch Hans nicht im Alter. Nun sollte man aber meinen, daß die schlechte Fortgangsnote, die so ein Zurückgebliebener im Ausweis oder im Zeugnis in Religion anfzuweisen hat, die betreffenden Eltern stutzig machen und zur Raison bringen sollte. Keine Spur. Der pädal gogische Grundsatz, wonach Schule und Haus Hand in Hand! gehen sollen, wird eben von solchen Eltern rulr bezüglich der > Profanen Gegenstände der Schule gellend gemacht, nicht im eulfernlesten aber in Sachen der Religion. Anstatt dem im Religionsfache Rückständigen, wie dies etwa bei den anderen Schnlgegenständen der Fall gewesen wäre, häusliche Nachhilfe erteilen zu lassen, oder ihn zumindest ob seines Rückstandes ernstliche Ermahnungen zu geben, messen die Eltern der Sache keine Bedeutung bei und ignorieren sie gänzlich. Geschieht es, daß solchen Eltern von gewisser Seite die Notwendigkeit einer häuslichen Nachhilfe ans Herz gelegt wird, dann kann man darüber ihre Meinung zu hören bekommen. Danil kann man es hören, wie sie, in ihrer Fürsorglichkeit für den Liebling, die so seelenvoll klingende Erklärung abgeben: „Mein Gott, das Kind ist ja ohnehin mit Lehrgegenständen überbürdet und da sollte es auch noch häuslichen Religionsunterricht erhalten! Nein, nein, davon soll es verschont bleiben! Und wenn's auch in Religion einen Dreier absetzr, so ist's ja immer noch eine Dnrchgangsnote. Die Hauptsache bilden ja doch nur die weltlichen Gegenstände!" Unter solchen Auspizien erreicht so ein männlicher Sprößling der Familie das 13. Lebensjahr, er wird Barmiz'wa. Jetzt regen sich mitunter in den Elternherzen gewisse Erinnerungen. Sie erinnerrt sich nämlich, daß ein solcher Barmizwafall dereinst in ihrem Elternhanse ein freudiges Ereignis bedeutete. Sie haben es noch lebhaft vor Angen, daß da der Barmizwa schon Wochen vorher für den feierlichen Akt vorbereitet wurde, das Aitlegen der Tesillin, den Vortrag des Haftora-Abschnittes und die Festrede emsig einstndieren mußte, und daß die Eltern weder Mühe noch Kosten schellten, um dem Akte die Weihe eines echt jüdischen Familienfestes zu verleihen. Doch schließlich bleibts bloß bei den Erinnerungen. Von der Veranstaltung einer Barmizwafeier aber, wird, ohne sich darüber viel Kopfzerbrechen zu machen, einfach Abstand genommen. „Dieser Brauch reicht noch ins Mittelalter zurück; nun haben sich aber die Zeiten geändert und mit ihnen auch die Gebräuche der Religion!" Mit so vagen Anssiüchten rechtfertigen die modernen Familienoberhäupter ihr Verhalten gegenüber einer uralten, in jüdischen Familien eingebürgerten religiösen Sitte.