Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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ifceiie 10. Die Wahrhell Nr. 2. die Sammlung auf den ersten Blick- Hiezu komuien gewisse, scheinbar unwesenrüche Elemente der äußeren Ausstattung, bie aber gerade der Kenner zu schätzen wissen wird. Dahin gehören ein sorgfältiges System der Kolumnenüberschristen, reichliche Register und alphabetische Verzeichnisse. beides wertvolle Hilfsmittel zur räumlichen und sachlichen Orientierung, ferner die streng durchgesührre Zeilen- und Verszähluug. Diese Beigabe vor allem fördert die Berwendbarkeit der Ausgaben in der Schule außerordentlich, da sie die Berständigung zwischen Lehrer und Schülern nngemein erleichtert. Ueber den Vorteil einer Ausgabe mit Zeilenzählung für die wissenschaftliche Arbeit braucht kein Wort verloren zu werden. Die als offiziell geltenden Zähluiigen, z. B. des Faust nach der Weimarer Ausgabe, sind übernoinmen. Nicht wenige Dichtungen find hier überhaupt zum erstenmal gezählt und werden also künftig nach der „Goldenen Klassiker-Bibliothek" zitiert werden müssen. Was die Aufmachung verspricht, hält der Inhalt. Die Bibliothek füdrt den Untertitel: „Hempels Klassiker- Ausgaben in neuer Bearbeitung". Das ist so zu verstehen, daß das noch heute Wertvolle und Brauchbare daraus übernoinmen oder benutzt ist, im übrigen aber der eigenen, wissenschaftlichen Forschung der jetzigen Herausgeber vollste Freiheir gelassen wurde. Die Texte mußten fast durchweg ganz neu hcrgcstellr werden, so daß sie nunmehr den gegenwärtigen Stand der texrkririschen Forschung repräsentieren. Wieder erscheinen nicht wenige Autoren hier überhaupt zum erstenmal unter philologischer Kontrolle. Das Prinzip unbedingter Vollständigkeit, daß die alten Henipelschen Klassiker vertreten, ist durchbrochen worden zugunsten einer vernünftigen Abschätzung des Umfanges je nach der Bedeutung und Lebendigkeit des Autors. Neben vollständigen Ausgaben gibt es also Auswahlen, die jedoch von vornherein so angelegt sind, daß sie jederzeit vom Verlage zur Vollständigkeit ausgebaur werden können. Die Werke sind reichlich mit Kommentaren versehen. Im allgemeinen ist ein Lebensbild an den Anfang gestellt, den einzelnen Dichrungeir oder Teilen sind Spezialeinleitungcn beigegeben und am Schlusie der Ausgabe die Anmerkungen vereinigt. Letztere halten sich meist sachlich erklärend; rein wissenschaftliche Apparate und Lesarten werden vermieden, doch ohne Engherzigkeit. Daß der Text von Anmerkungen ganz frei gehalten wurde, ist nicht genug zu loben; der Genuß des Lesens, die Anfmerksamkeit und Selbsttäligkeit des Schülers werden durch solche diskrete Kommentierung nur gefördert. Alles in allem bildet die „Goldene Klassiker-Bibliothek" eine wertvolle Bereicherung unseres Büchermarktes und wird sich bestimmt in kurzer Zeit das Vertrauen der Fachkreise und die Liebe des gebildeten Publikums erworben haben. Eine Perle der Sammlung bilden jedoch geradezu „Heme's Werke". Vollständige Ausgabe. Herausgegeben mit Biographie, Einleitungen und Anmerkungen versehen, von Dr. Hermann Friedemann, Dr. Helene Hermann. Dr. Erwin Kalischer. Dr. Raimund Pissin. Dr. Veit Valentin, >15 Teile in 4 Leinenbänden II. 6.— — K 7.20, in 4 Halbsranzbänden 24. 10.— — K 12), auf dessen Erscheinen die Aufmerksamkeit unserer Leser besonders zu lenken wir uns geradezu verpflichtet erachten. Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum. Herausgegebeu von Leo W i n z. Verlag von Ost und W e st, Berlin 8. 42. Organ der Deutschen Konserenz-Gemeinschaft der „Alliance Jsraslite Universelle". 9. Jhg. Heft 1. Jänner. 1909. Inhalt: „Das Jahr 1908." Von M. A. K l a u s n e r. „Hermann Heyermans." Von Max S ch a ch e r l. „Die Josefsgeschichte in der bildenden Kunst." (Mit 7 Illustrationen.) Von G. K u t n a. „Moses Gebet." (Psalm 90.) Bon M. A. K l a u s n e r. „Soziale und geistige Strömungen in der osteuropäischen Judenheit." Bon Joses L i n. „Bonze har geschwiegen." Von I. L. P e r e z. — M i rreilungen aus dem Deutschen Bureau der „Alliance Jsraslite Universelle": I. Bekanntmachung. II. Erklärung. III. Die Abreise der Schulinspektionskommission. IV. Rabb. Dr. Rosenthal (mit Portrait). V. Die Israeliten in Persien. VI. Salomon Neumann. VII. Die Israeliten in Rußland. VIII. Henry Seligman (mit Portrait). IX. Notizen: a) Die Israeliten in Marrakesch. bf Jüdische Einwanderung in New-Dork. e) Bukarest, d) Ludwig sh äsen, e) Apolda, f) Herleshansen, g) Insterburg, h) Le Dsfenseur. i) Neue immerwährende Mitglieder. — Inserate. Eine gebildete Iran. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) Rösl, Du liebst Deinen braven, guten Manu nicht in dem Maße, wie er es verdient; Du bist keine zärtliche Mutter Deinen prächtigen Kindern gegenüber. Der Mann ist Dir zu ungebildet, die Kinder schätzest Du nicht, weil sie nicht studieren wollen. — Mein Gott, warum hast Du den Fischer geheiratet? So viel ich weiß, bist Du zu dieser Ehe nicht gezwungen worden. Hast Du es getan, so lvar es an Dir, Deinen Mann zu Dir heranznziehen, ihm denjenigen Bildungsgrad beiznbringen, dessen er fähig ist; es war an Dir, die Kinder von klein an zu lenken und zu leiten und das allen Eindrücken offene kindliche Gemüt für die Wissenschaft empfänglich zu machen. Statt dessen hat die einfache Lebensweise, in die Du ans früherem luxuriösen Leben versetzt wurdest, und der Mangel an Wissen, und vielleicht auch gefälliger Lebensart, Dich abgeschreckt, Deinen Blick statt auf die Zustände in Deinem Hause, nach außen gelenkt.— In Werken der Barmherzigkeit glaubst Du Pflichterfüllung zu üben — und indessen sind dieselben Deine größte Pflichtverletzung geworden." „Wenn Du ans diese Weise von Werken der Barmherzigkeit urteilest, dann getraue ich mich nicht, Dir den Grund meines heutigen Besuches mitznteilen." „Nicht doch, Rösl, da hast Du mich falsch verstanden. Brauchst Du etwas für Deine Schützlinge, so sage es nur ungeniert, Du weißt ja. daß meine Börse für Deine Zwecke stets geöffnet ist. gleichviel, ob der Bedürftige ein Jude oder ein Glaubensgenosse von mir ist, für den Du bittest." „Dieses Mal ist es etwas Großes, um was ich bitte! — Aus Deinem oft geäußerten Wunsche, meinen Robert als eigenes Kind annehmen zu wollen, entnehme ich, daß Du Deiner einsamen Lebensweise müde bist, — und da erkühne ich mich, Dir mit einem Vorschläge zu kommen." „Rösl. schrie die Lehrerin ans, „Du willst mir Deinen Robert anvertrauen — tausend Dank!" ..Meinen Robert nicht, liebste Freundin. Abgesehen von dem Glanbensunterschiede, der doch immerhin zu berücksichtigen ist, hat ja Robert seine Eltern, die für ihn sorgen und arbeiten, lind überdies, — gerade von Robert möchte ich mich nicht gerne trennen, gerade von dem am allerwenigsten. Aber, teure Gnndel, ein Werk der Barmherzigkeit sollst Du üben.- Ein ganz verwaistes, in Armut und Elend geistig und körperlich verkümmertes Mädchen sollst Du zu Dir nehmen, es erziehen, ihm eine Mutter sein! Ich habe dies erst gestern seiner sterbenden Mutter versprochen." „Eine undankbare Sache das." meinte Gnndel kopfschüttelnd, „das muß gut bedacht werden." „Nicht lange, meine Teure, denn wenn Du Dich nicht sofort entschließest, dann muß ich das Kind noch heute zum Bürgermeister führen, der es ans Gemeindekosten erziehen läßt; — was dann des unglücklichen Geschöpfes harrt, das weißt Du eben so gut, wie ich selber, die ich doch auch so Manches erfahren." Rösl schwieg und blickte gespannt auf ihre Frenndin, welche, in tiefes Nachdenken versunken, das Haupt ans die Hand gestützt, regungslos dasaß. Eine geraume Weile währte die Panse, welche auf diese Weise in der Unterredung eingetreten war. Endlich sagte die Lehrerin: „Du setzest mir das Messer an die Kehle. Könnte ich denn nicht das Kind vorher zu Gesicht bekommen, bevor ich einen desinitiven Entschluß fasse. „Gewiß, das sollst Du auch!" — Und bevor sie noch wußte, was geschehen, war Rösl draußen und kam nach einigen Minuten, das schüchterne Kind an der Hand führend, in das Zimmer. Nachdem sie einen frommen Gruß ausgesprochen,, näherte sie sich der Dame des Hauses, um einen Kuß ans deren Hand zu drücken. „Ei, das ist ja die Elise Schilling, die immer so brav lernt! Also Deine Mutter ist gestern gestorben, armer Wurm?" „Ja," flüsterte das Kind, ' und Tränen tiefsten Leides rieselten über die bleichen Wangen. Das Kind, das schon in der Schule der Liebling seiner Lehrerin war, gewann rasch deren vollste Sympathie. „Elise," sagte diese freundlich, „möchtest Du bei mir bleiben?" Diese blickte fragend aus ihre Begleiterin, Frau Fischer, und als diese bejahend mit dem Kopfe nickte, sagte sie, noch immer im Flüstertöne: „Ja, und ich werde Ihnen Alles bedienen." „Dazu ist Zeit," antwortete die Lehrerin, und fuhr liebkosend über das seidenweiche blonde Haar des Kindes, welches Frau Fischer in zwei Zöpfe geflochten und mit einem schwarzen Bande gebunden hatte; „erst mußt Du in die Schule gehen und fleißige lernen." Das Schicksal des Kindes war besiegelt. Es hatte eine Heimat, und mehr als das: es hatte eine gute Mutter gefunden und in der Frau Fischer eine mütterliche Freundin sürsganze Leben erhalten, (Fortsetzung folgt.)