Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063469-3063471--05862-3072817- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 2. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung Seite 11. Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes werden die geehrten Herren Kantoren dringendst ersucht, das Abonnement für den neuen Jahrgang, wie auch die eventuell restlichen Abonnementsbeträge umgehend einzusenden. Die Ehrfurcht im Gotteshaus. „Schnell in den Tempel, langsam heraus!" das war die Devise unserer alten Frommen. 2)£u elfterem wollten sie offenbar dem Znspätkommen Vorbeugen und gleichzeitig den edlen Eifer bekutiden, den sie für den Besuch des Gotteshauses hegten, und sie gingen langsam ans dem Gotteshanse, um dem Bedauern Ausdruck zu geben, daß das Gebet nicht noch länger dauerte. Doch wer richtet sich heute noch nach diesem schönen 'Wahlspruch? Selbst Leute mit dem guten Vorsatz des Etaschkomas bes hamidrasch erkennen nicht den wahren Wert desselben, und kleines Beispiel soll uns den krassen Beweis hiefür erbringen. Es war in Prag. Ich kam gerade rekonvaleszent ans dem Spitale. und ging in die nahegelegene K . . Synagoge, .um meine Andacht zu verrichten und dem Allgntigen zu danken für seine Hilfe, die er mir in schweren Stunden angedeihen ließ. Doch als ich die Hallen betrat, die sonst von mysteriöser und doch von so vielsagender Stille erfüllt sind, tönte mir lautes, weltliches Geschwätz entgegen. Meine Nerven, ohnedies vom Krankenlager geschwächt, wurden ob dieser Profanierung der heiligen Stätte aufgeregt und Unzufriedenheit des Gemüts trat an die Stelle der Seelenruhe, der ich so sehr benötigt hätte. Was war nun der Gesprächsstoff der sich wie im Wirtshaus benehmenden Gesellschaft? Um die Aufnahme eines Anshilfsvorbeters und Baal-tvkea für irgend eine kleine Landgemeinde zu den kommenden hohen Festtagen ging die laute Debatte. Man glaubte sich schier ans den Pilsner Jahrmarkt versetzt, denn dort wurden bekantltlich vor Jahren solche Anfragen und Angebote zu dieser Jahreszeit gemacht. Erst als der Herr Oberkantor kam, der mich erkannte und freundliches Willkommen entbot, schien ein wenig Rücksichtnahme auf dessen' Person, Rabbiner war überhaupt keiner anwesend, einzulreten und der Schames eröffnet das Sabbal-Minchagebet. Schon das überlaute Beten jedes einzelnen Tempelbesuchers ließ mich erkennen, daß es hier noch nach alter orthodoxer Weise zngehe nub daß das regellose Summen und Brummen beim Gottesdienste mit der lauten Unterhaltung vor Beginn desselben ganz gut harmoniere. In früheren Jahren, dessen erinnere ich mich noch aus der .Jugendzeit, gab es namentlich in den kleinen Prager Synagogen, z. B. vor dem Sabbat-Mincha- und Maariw-Gvttesdienst, immer ein solches Plauderstündchen, aber daß im Zeitraum von fast 40 Jahren darin kein Wandel geschaffen wurde, hat mich überrascht, und auch die allehrwürdige K . . Synagoge hat mit dieser Einrichtung nicht gebrochen. Bei dieser Gelegenheit fällt mir gerade das Wort „Schmusen" ein. dessen Ethymologie mir nicht ganz sicher scheint, doch glaube ich es von dem Worte „Schemuak“, der Bericht, im gemeineren Sinn das Geklatsch. herleiten zu können, und das „Schmusen" war schon in alter Zeit, wenn es während des Gebetes geschah, sehr verpönt. Wie oft ist deshalb nicht brennender Streit zwischen Vorständen und Gemeindemilgliedern entstanden, wenn ersterer durch Zischen und Abwinken Ruhe gebietend waltete, während letztere bas Recht zu besitzen vermeinten, als Steuerzahler un- .gehindert ein Wörtchen reden zu können. Doch alles umsonst. In neuerer Zeit werden selbstgewählte Ordner oder auch bezahlte Diener verwendet, um die Ruhestörer durch Ermahnung, und als letztes Mittel, durch Allsweisung an ihre Pflicht, sich der der Gespräche zu enthalten, zu erinnern. Die Leidenschaft des „Schmnsens" hat fast alle Kreise ergriffen, und wenn jemandem die Zeit im Tempel zu langweilig wird, was gewöhnlich beim Vorlesen der Thora geschieht, so stellt er an seinen Nachbar irgend eine Frage, und wird dieselbe von diesem nicht beantwortet, dann wird der zweite und dritte Nebensitzende beigezogen. Und sind es nicht die Männer im Parterre, so sind es die Frauen auf der Gallerie, und sind es nicht die Frauen, so sind es die Mädchen auf dem Chore. Doch wenn man glaubt, daß der Drang, Neuigkeiten zu erzählen, sich nur bei uns Juden eingenistet hat, so irrt man. Da erzählte mir vor einigen Jahren unser Stadtapotheker, der nebenbei bemerkt, ein von klerikalem Geist beseelter Mann war, daß er oft in die Lage gekommen sei, seinem Unmut Luft zu machen über die Mädchen und jungen Herren auf dem Chore, die während der geistlichen Funktionen verschiedene Allotria da treiben, so daß er dem Schreiber dieser Zeilen gegenüber die Worte gebrauchte: „Es sollte sich jemand das in der Synagoge erlauben, was diese jungen Leute bei uns aus dem Kirchenchore treiben, der würde schön zur Türe gewiesen!" Aber selbst in früheren Zeiten, wo diese Unsitte allgemeiner verbreitet war, waren auch bei uns viele Ausnahmen zu verzeichnen, u. zw. dort, wo eine gewisse, traditionelle Vornehmheit für Weihe und Andacht bürgte, und als einen Zeugen ans früheren Tagen lasse ich den verewigten Oberkantor Professor Friedman» in Budapest sprechen. Er sagte: ..Wenn man im Seitenstettentempel in Wien auch bloß einem Miucha-Gebel an Wochentagen beiwohnt, so ist man sofort von dem Gedanken beherrscht, daß man sich hier im Gotteshaus einer Großstadt befindet, so andachterweckend ist es daselbst ob der Ruhe und Weihe, die sich hier einstellt." Ein gut Teil für die Audachtserhebung beim Gebet trug auch die Einführung der Orgel bei, und das in vielen modernen Gemeinden normierte leise Jnterprälndieren beim 18er Gebet hat ebenfalls seine Wirkung nicht vesehlt. Ueberhaupl ist die Orgel die beste Ruhegebieterin, denn sie appelliert an das Herz des Menschen, und wer könnte dieser sausten Aufforderung widerstehen? Und so gibt es der Mitte! genug, z. B. das Erscheinen des Predigers auf der Kanzel rc.. zur Erziehung und Erzielung guter Sitten und Wohlanständigkeit im Gotleshause. Das gilt aber alles nur für die Lauen, der Glaubensstarke bedarf jedoch keiner Mittel zur Förderung der Andacht. Das Betreten der heiligen Stätte allein gibt ihm genügend Anlaß, jeden weltlichen Gedanken abznstreifen und nur in dem „Lacbasaus benoam adonoj“ in dem Beschauen der göttlichen Erhabenheit seine volle Befriedigung zu finden. Jnngbunzlau, im Dezember 1908. B. S. Literarische Aotiz. In jüngster Zeit habe ich die Ueberzeugnng gewonnen, daß selbst im Kreise der zeitgenössischen jüdischen Gelehrten eine Abhandlung Rapoports über den Ausspruch in Sofrim 15 L'iLD —N2 fast gar nicht bekannt ist und erlaube mir daher auf dieselbe hier aufmerksam zu machen. Sie dürfte überdies die letzte literarische Veröffentlichung des großen Meisters der jüdischen Wissenschaft sein - denn sie datiert ans dem Jahre 5626 und am Hütlenfeste des Jahres 5627 ist Rapoporr gestorben. Die Abhandlung befindet sich in dem von Dr. M. Letteris herailsgegebenen und in Wien, 1866, im Berlage von Jakob Schloßberg erschienenen Briefsteller c-tp 'rrca, wo auch noch andere hervorragende jüdische Gelehrte der damaligen Zeit einige ihrer gelehrten Arbeiten abdrncken ließen. Wahrscheinlich ist der Ort der Veröffentlichung schuld daran, daß so wenige von der Abhandlung Rapoports Kenntnis haben, n-r: cpani: Kgl. Weinberge-Prag. Rabb. Star k. Erklärung. Auf die mannigfachen an uns gelangten Zuschriften, welche ans das gegen die „Oesterr. Wochenschrift" gewendete „Eingesendet" des Schriftführers des kroatischen Kantoren-Verbandes in der vorwöchentlichen Nummer unseres Blattes Bezug nehmen, sehen wir uns veranlaßt zu erklären, daß diese Euunziation, wie wir nachträglich erfahren, die offizielle Billigung des Vereines nicht besitzt, daher wir es nicht für angezeigt halten, diese Angelegenheit zum Gegenstände einer weiteren öffentlichen Diskussion zu machen und dieselbe zu einer Boykottbeweguug gegen die „Oesterr. Wochenschrift" ausznnützen. Die Redaktion.