Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Deile 8. Die Wadrbeu ')h. 2 die Herren Ignaz Klein, Hermann König, Kommerzialrat Karl Kraus wieder- und Herr Leopold Waller neugewählt. Ueber eine brieflich gegebene Anregung des Herrn B a r k a n, sowie über Anregungen des Herrn Sohr und S t o w a s s e r entspinnl sich eine kurze Debatte. Herr Stow a s s e r spricht der Leitung des Vereines den Dank der Generalversammlung ans. Herr Leopold Waller dankt für die Neuwahl, Herr- Kommerzialrat Kraus im eigenen Namen, sowie im Namen seiner Kollegen für die Wiederwahl und hieraus wird die Generalversammlung vom Vorsitzenden geschlossen. Leitende Ideen der allgemeine« jüdische» Kolouisationsorgauisation. Von Dr. Adolf Nosfig. (Schluß.) Vor allem mutz es unser Bestreben sein, unsere eigene Organisation zu einer wirklich leistnngsfähigeti zu gestalten. Es wäre eine durchaus verfehlte Idee, wenn Sie alles nur von der Schaffung des gemeinsamen Ausschusses der Organisationen erwarten, wenn Sie auuehmen würden, daß unsere Kolonisationsorganisation nur schöne Pläne zu entwerfen hätte, die dann mit dem Gelde anderer, reicherer Körperschaften verwirklicht werden könnten. Diese Organisationen geben bereits jahraus, jahrein die ihnen zur Verfügung stehenden Summen für ihre eigenen Werke aus; auch die Jca ist dazu statutarisch gezwungen. Und selbst für diese bereits unternommenen Werke fehlt es stets an Mitteln. Durch die Kooperation der Organisationen wird nur größere Planmäßigkeit und Konzentration in der Gesamtheit der jüdischen Wohlsahrtstätigkeit, ein nützliches Jneinandergreifen der von verschiedener Seite in Angriff genommenen Werke erzielt werden; die finanziellen Ersparnisse jedoch werden bei dem unerläßlichen weiteren Sonderbestande der einzelnen Organisationen relativ sehr gering sein. Keineswegs werden größere Summen frei werden, die nun gemeinsam für Kolonisationszwecke verausgabt werden könnten. Und gerade das ist es, was heute dringend nottut: die Schaffung eines neuen, erheblichen Budgets für die Kolonisation. Das ist die Hauptaufgabe, die sich den Mitgliedern der Berliner Konferenzen eröffnet. Diese aus allen Ländern znsammengekommeneu, hervorragenden Glaubensgenossen können sich ttnmöglich damit begnügen, die bestehenden Organisationen zu belehren, wie sie ihr Geld zu verwalten haben. Die Lage der östlichen Judenheit ruft nach Kolonisation, die Kolonisation ruft nach neuen Mitteln: da ist es Pflicht eines solchen Kreises jüdischer Finanzkapazitäten, auch etwas Selbständiges zu schaffen. Ich möchte hier eine Bemerkung nicht unterdrücken. Die Stiftung der Jca durch Baron Hirsch war zweifellos eine epochemachende Wohltat für die Juden. Sie hat aber auch unleugbar eine seltsame, minder erfreuliche Nebenwirkung ansgeübt. Sie hat nämlich durch die enorme Größe der Spende die jüdische Wohltätigkeit speziell auf kolonisatorischem Gebiete entmutigt, ja beinahe gelähmt. Man betrachtete Baron Hirsch gewissermaßen als den Erlöser der Juden auf kolonisatorischem Gebiete, der die Schuldigkeit aller übrigen Glaubensgenossen aus sich genommen habe. ES verbreitete sich die Suggestion, daß die Jca mit ihren 200 Millionen alles im Bereiche der jüdischen Kolonisation Nötige leisten und daß auf diesem Gebiete nichts ohne die Jca geschaffen werden könne. Diese phantastisch große, aber noch lange nicht hinreichend große Stiftung wurde wie ein riesiger Goldklumpen augestarrt, der die jüdische Initiative allmählich in einen hypnotischen Schlaf versenkte. Es ist Zeit, daß unsere finanziell leistungsfähigen Glaubensgenossen aus diesem bypnotischen Zustande erwachen und mit einer ernsten, instinktiven Bewegung — in die eigene Tasche greifen. Daß das eine absolute Notwendigkeit für die Durchführung des Kolonisatiouswerkes in seinem ganzen erforderlichen Umfange ist, geben die Leiter der Jca selbst durchaus zu. So äußerte Herr Reinach: „Die richtigste Idee in ihrem Expose ist die, daß die jüdische Gesamtheit die Pflicht hat, aus eigenen Kräften ein neues großes Budget für die Kolonisation aufzubringen." Und Herr Leven, der Präsident der Jca und Alliance sagte mir: „Wir haben keineswegs den Ehrgeiz, die jüdische Kolonisationstätigkeit zu monopolisieren. Wenn anderwärts ein seriöses, leistungsfähiges Aktionszentrum entsteht, können wir das nur mit Freude begrüßen. Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn Ihre Mittel anfangs nur bescheiden sein sollten. Die Alliance hat auch als Kolonisationsgesellschaft begonnen und als sie Mikweh Israel gründete, war es mit ihren Fonds sehr knapp bestellt. Aber jede Organisation, die einen nützlichen Zweck verfolgt, entwickelt sich allmählich." Die jüdische K o l o n i a l b e w e g u n g. Der Zeitpunkt ist für ein Unternehmen, wie wir es Vorschlägen und wie es die Konferenz vom 29. Mürz beschlossen hat, ein exzeptionell günstiger. Das ist der Hauptgedanke, den Sie wohl von hier mitnehmen imb in Ihre Kreise hinaustragen werden: daß der Augenblick gekommen i st, wo d a s jüdische Kapital die Möglichkeit hat, sich an dem bevorstehenden w i r t s ch a s t l i eh e u Au fs ch w u u g d e r T ü r k e i in v o r t e i l h a s t e st e r W e i s e zu beteiligen, indem es gleichzeitig den vertriebenen Glaubensgenossen ein Asyl schasst. Wenn Sie heute im Orient Grundstücke erwerben, Pflanzungen anlegen, Fabriken gründen oder Bahnen bauen, so werden Sie sich nach Jahren dazu beglückwünschen, denn die bedeutende Zunahme der Bevölkerung und der Kultur wird ihre Werte verzehnfachen. Die Inden haben im Laufe der Geschichte schon vielen Völkern zu wirtschaftlichem Emporblühen verholfen. Man hat ihnen dafür mit der Ausweisung gedankt. Lassen Sie ein einziges Mal die Früchte des jüdischen Unternehmungsgeistes der jüdischen Energie und des jüdischen Geschicks den Juden selbst, lassen Sie sie Ihren gehetzten, müden, obdachlosen Glaubensgenossen zugute kommen. Lassen Sie uns jene Bewegung erzeugen, die heute zeitgemäß ist: eine j ü d i s ch e K o l o u i a l b e w e g u n g. Lassen Sie uns jüdische K o 1 o n i a l k r e i s e schaffen, die au dem Humanitären Unternehmen der Besiedlung des Orients auch geschäftlich beteiligt sind oder vielmehr an diesem geschäftlichen Unternehmen Humanitär beteiligt sind. Diese stolze Versammlung darf es nicht für unmöglich halten, aus eigener Macht etwas Neues, Großes ins Leben zu rufen. Ihr Appell an das große jüdische Publikum wird genüget!, wenn Sie nur einen Betriebsfonds von entsprechender Größe schaffen werden. Es handelt sich bloß um eine einzige große Anstrengung, in einem außergewöhnlichen, man darf es fugen: historischen Augenblick. Wenn Sie Freunde der präventiven Rettungsaktion sind, so beweisen Sie es dadurch, daß Sie bei diesem Anlasse eine noch weitherzigere Mildtätigkeit bekunden, als nach einer Katastrophe. Ihr edles Werk wird zweifellos von Erfolg gekrönt sein. Sie eröffnen es unter Umständen, die eine neue, große^ kolonisatorische Wirksamkeit der Juden kategorisch verlangen. Die Hoffnungen, welche die russischen Juden auf die revolutionäre Bewegung gesetzt hatten, sind für unabsehbare Zeit zunichte gemacht; sie werden nach wie vor zur Auswanderung gezwungen sein. Ihre Lage in Nordamerika wird von Tag zu Tag kritischer. In demselben Moment aber eröffnen sich ihnen durch die türkische Verfassung in unmittelbarer Nachbarschaft die Pforten eines aussichtsreichen Koloniallandes. Wenn man diese Umstände erwägt und wenn man berücksichtigt, welches Echo schon unser erster Aufruf in den maßgebenden Kreisen der Judenheit geweckt hat. so muß man nicht eben ein weitschauender Politiker sein, um sich zu sagen: Hier keimt ein geschichtliches Werk, hier entsteht eine neue Strömung! Vertrauen wir uns ihr getrost au; sie wird ihr Ziel nicht verfehlen. Denn wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Verschiedene Unchrichten. Wien. Freitag-Abend, den 8. Jänner 1909, Predigt im Stadttemvel. Wien. (Vortragsabend.) Der „Jüdische Kolonisationsverein" veranstaltet am 11. d. M.. abends 7^ Uhr, im Festsaale des Oesterceichischen Ingenieur- und Architekten-Bereines, I., Eschenbachgasse 9, seinen vierten Vortragsabend. Herr Maler A. L. Mielich-Mielichhofer wird über: „Von Edom bis Moab," uralte Wege und Siedlungen im Lichte zeit-