Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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©eite 6. Die Wahrheit Nr. 2. Tempelvercir» für Mariahilf und Neubau. Die 35. Generalversammlung des ,Israel. Tempelvereines für die beiden Gemeindebezirke Mariahilf und Neubau in Wien." der stetig auf der Bahn planmäßigen Fortschrittes und gedeihlicher Entwicklung fortschreitet, fand Mittwoch, den 30. Dezember, 7 Uhr abends, in dem stets an seinen genialen Erbauer, den unvergeßlichen Banrat Fleische r. gemahnenden Zeremoniensaale unter dem Vorsitze des wackeren und umsichtigen Präsidenten Dr. Jakob Engel statt und bol wie immer ein erfreuliches Bild opferwilligen, einträchtigen und zielbewnßten Zusammenwirkens zwischen Vorstand und Mitgliedern, dem die Erhaltung einer der schönsten Andachtsstätten in Wien, ohne jeden Beitrag seitens der Muttergemeinde, zu danken ist. Der Vorsitzende. Präsident Dr. Engel, eröffnet die Versammlung, konstatiert deren Beschlußfähigkeit und begrüßt zunächst als Delegierten der Knltnsgemeinde. den alten, bewährten Freund und Gönner des Vereines. Herrn Vertreter Salo Cohn, dessen Erscheinen in der Generalversammlung stets freudig aufgenommen wird, weiters Herrn Rabbiner Dr. Ta glicht, den Obmann des Vereines „Nachlath Jeschurun" Dr. Carl L ö w y, die Vorstandsdamen Frieda Strauß und Dr. Engel vom Mariahilfer Franen-Wohltätigkeitsverein, die Vertreter der jüdischen Presse und die anwesenden Vereinsmitglieder. Nach Verifizierung des vom Schriftführer Herrn Hermann Liebermann verlesenen Prolokolles der Generalversammlung vom 30. Dezember 1907 durch den Präsidenten und die Verifikaroren Dr. L ö w y und Moriz M a n t l e r, verliest der Vorsitzende folgenden Bericht: „Geehrte Generalversammlung! Bevor tvir Ihnen über die Chronik des Vereines und unsere Tätigkeit im abgelaufenen XXXV. Vereinsjahre berichten, ziemt es sich wohl an dieser Stelle des seltenen und bedeutungsvollen historischen Momentes zu gedenken, den wir alle vor kurzer Zeit freudvollen Herzens miterlebt haben, — das glorreiche 60jährige Regie r u n g s j n b i l ü n m n n s e r e s gütigen Kai s e r s! Noch hallen in unser aller Herzen die goldenen Worte nach, die unser hochherziger Herrscher den Repräsentanten der Wiener Judenschaft auf seine Ansprache erwiderte, in welchen ebensoviel Gerechtigkeit wie verdiente Anerkennung unseres Vvlksstammes und unserer kulturellen Bestrebungen liegt. Dieses Kaiserwort, es sollte zum immerwährenden Gedächtnisse in allen Gotteshäusern verewigt werden. Und so wie er bei dieser Gelegenheit gezeigt, daß sein väterliches Herz allen Bewohnern ohne Unterschied des Glaubens, also auch unserem Volksstamme in gleicher Liebe zugeneigt ist, so hat er während seiner ganzen Regiernngszeil Gerechtigkeit und Güte walten lassen, so daß wir nur mit dem Gefühle innigster Dankbarkeit das Regierungsjubiläum freudigen Herzens milzufeiern berechtigt waren. Wir haben am 2. Dezember einen solennen Fostgottesdienst veranstaltet, der durch den Besuch des Vizepräsidenten der Knltnsgemeinde, Herrn Dr. Gustav K o h u. hervorragender Festgäste und, wie wir mit Freude konstatieren, auch sehr zahlreicher Vereiusmitglieder ausgezeichnet war. Wir wollen auch an dieser Stelle unsere heißen Gebete für das lange Leben und die Wohlfahrt unseres allgeliebten Monarchen wiedergeben, auf daß er noch ungezählte Jahre die Geschicke seines Reiches freudvoll und erfolgreich lenken möge. Das walte der Himmel! (Bravo!) Zu unserem eigentlichen Thema übergehend, berichten wir Ihnen, daß wir heuer nach längerer Zeit zum erstenmale eine erfreuliche Steigerung der Mitgliederanzahl zu verzeichnen haben. Zu Ende des Vorjahres verzeichneten wir 260 Vereinsmitglieder. Von diesen sind im abgelanfenen Jahre 4 ausgetreten. 7 leider gestorben, hingegen 22 neue Mitglieder hinzugekommen, so daß '.vir im ganzen einen Zuwachs von 11 Mitgliedern im heurigen Jahre zu verzeichnen haben. Der unerbittliche Tod hat leider reiche Ernte in den Reihen unserer Mitglieder gehalten und wir beklagen den Verlust der Mitglieder : Markus A b e l e s, Alfred G e r n g r o ß, kais. Rat Salomon K o h u b e r g e r, Leopold Landes s, A. R. L ö w e nst e i n, Adolf P o l l a k und Heinrich S i l b e r st e i n. Kais. Rat Kohnberger stand an der Wiege unseres Vereines und hat durch viele Jahre dem Vorstände angehört. Stets widmete er seine bedeutende Sachkenntnis und Arbeitskraft mit Eifer dem Wohle des Vereines. Er spendete die zwei prachtvollen großen Kandelaber vor der Bnndeslade und hat sich bei den Sammlungen für den Tempelbau in hervorragendem Maße beteiligt. Wir beklagen in ihm einen aufrichtigen Freund unseres Tempels und eine um die Oeffentlichkeit und die gemeinnützigen Interessen hochverdienten Mann, dessen Wirken gewiß dem Judentum zur Ehre gereichte. Herr Adolf P v l l a k hat in der schwierigen Zeit vor und während des Tempelbanes im Vorstande unseres Vereines mit besonderem Fleiße gewirkt und war bis in seine letzten Tage ein begeisterter Anhänger unseres Tempels, zu dessen Errichtung er seinen Teil beigetragen hat. Mit besonderem Bedauern verzeichnen wir den Heimgang des Vereinsmitgliedes A. R. L ö w e lt ft e i n. der allezeit ein opferbereiter Förderer unserer Sache gewesen ist und in pietätvoller Weise in unserem Tempel eine Maskirfür seine verstorbenen Eltern gewidmet hat. In den Herren Markus A b e l e s, Alfred G e r u g r o ß, Leopold L a u d e i s, Heinrich Silberstein, verlieren wir langjährige, sehr geschätzte Mitglieder unseres Vereines. An dieser Stelle wollen wir auch mit Wehmut des Heimganges der trefflichen Frau Zäzilie E i s e n b e r g e r gedenken, die tiefbetranert im abgelanfenen Jahre das Zeitliche gesegnet hat. Sie war eine Frau von ganz hervorragender Begabung und hat sich als Gründerin und Leiterin des Mariahilfer Frauen-Wohltätigkeitsvereines, dem sie über ein Vierteljahr- Hundert ihre ganzen Kräfte gewidmet, ein unvergängliches Verdienst um das Armenwesen unserer Bezirke erworben. Sie war aber auch eine begeisterte und opferbereite Freundin unseres Tempels, den sie bis in ihre letzten Lebenstage immer gerne und freudig besucht hat, und für den sie im Vereine mit ihrem Gatten, dem uns unvergeßlichen, langjährigen Vizepräsidenten, KommerzialratS. E i s e n b e r g e r, allezeit ein lebhaftes, warmes Interesse gezeigt hat. das sich vor allem in ungemein reichen Gaben zur Errichtung des Tempels und . der steten Förderung unserer materiellen Zwecke betätigt hat. Wir werden der Verewigten auch in unserem Kreise ein dankbares ehrendes Gedenken bewahren. Der Sohn der Verblichenen, unser geschätzter Kollege, Herr Kommerzialrat Max E i s e n b e r g e r, hat in traditioneller Pietät für die Verstorbene ein Maskir in unserem Tempel im Betrage von K 2000 gewidmet, und wollen wir auch an dieser Stelle rühmend hervorheben, daß er durch eine Spende von X 3000 für eine „Zäzilie Eisenberger-Stiftung" innerhalb des Frauen-Wohltätigkeitsvereines seine hochherzige Gesinnung neuerdings in besonderer Weise dokumentierte. Aus der Gallerte der Toten heben wir noch hervor die edle Gattin unseres geschätzten Kollegen, Kommerzialrates Karl Krau s, Frau Hedwig K r a u s. Sie haben sich, sehr geehrte Anwesende, zum Zeichen der Ehrung unserer Toten von den Sitzen erhoben, und Sie gestatten. daß von dieser Kundgebung im Protokolle der heutigen Sitzung Vermerk geschehe. Zn den Agenden des Vereines übergehend, die in sechs Plenar- und zahlreichen Sektionssitznngen des Vorstandes erledigt wurden, gedenkt der Bericht der aufopfernden und ausgezeichneten Tätigkeit der Herren Bethausvorsteher Michael F e i t l e r. Sigmund G e w i t s ch, Jonas L a m b e r g, Rudolf Weil und Szamu Weiß, denen für die hingebungsvolle und gewissenhafte Durchführung ihres Ehrenamtes anerkennender Dank ausgesprochen wird, weiters der Verwendung der Zinsen der M a x l e i s ch e r - S t i f t u n g im Sinne des Stiftbriefes und konstatiert das günstige Ergebnis der beiden Bethaus-Filialen im Hotel Savoy und im Festsaale des Architekten- Vereines zu den hohen Feiertagen, wo die Gottesdienste nicht nur einen sehr würdigen Verlauf genommen, sondern auch einen sehr zahlreichen Besuch und ein namhaftes, materielles Erträgnis ergeben haben. Die Tatsache, daß beide Filialen sozusagen ausverkauft waren, und entgegen dem Willen der Knltnsgemeinde