Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. Die Wahrheu Leite 5 Da miit N. N. mit 1. Jänner 1905 nnbestrittenerinaßen Mitglied der Knltnsgemeinde war, damals also noch alle Rechte und Verpflichtungen eines Mitgliedes hatte, so war er damals zur Beitragsleistnng verpflichtet nnd erstreckte sich diese seine Verpflichtung unmittelbar ans das ganze Verwaltnngsjahr 1905. Wien, am 31. Oktober 1908. I a c o b i na. p. Zu Fichtrs Uachlatz. Wir erhalten folgende Zuschrift: Löbliche Redaktion! Es ist doch kaum glaublich, daß Herr S. Vineta nicht die alten, vor mehr als 100 Jahren veröffentlichten Schriften Fichtes kennen sollte. Aus diesen (Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution 1793, 2. Edit., p. 132) geht ja deutlich hervor, daß Fichte von nationalem Eigendünkel nnd Judenhaß ganz erfüllt war. „Ihnen (den Juden) Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich kein Mittel, als in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in dem auch nicht eine jüdische Idee sei. Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein anderes Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern und sie alle dahin zu schicken." Gegen die Angriffe Fichtes schrieb Dr. Saul Ascher die Schrift: „Eisenmenger der Zweite, Sendschreiben an Fichte," Berlin 1794. Mit Recht bemerkt Grätz (Gesch. d. Juden, B. 11, S. 249): „Man kann Fichte als den Vater und Apostel der deutschtümelnden Judenfeindlichkeit ausehen, eine eigene Gattung, bis dahin unbekannt, oder vielmehr nicht znm klaren Bewußtsein gekommen." Welch himmelweite Kluft zwischen den galligen Expektorattonen des nationalbeschränkteu deutschen Philosophen nnd den Welt und Menschheit umfassenden Auslassungen des Verfassers von Jesaia 11 nnd noch mehr von Jes. 2!!! 8t. Herr S. Vineta, dem wir diese Zuschrift vor Drucklegung zur Einsicht übermittelten, gibt hierauf folgende Erwiderung: Sehr geehrte Redaktion! Herr St. beginnt mit dem Satz: Es ist doch kaum glaublich, daß Herr S. Vineta nicht die Schriften Fichtes kennen sollte. Ich erwidere darauf mit der Gegenfrage: Warum sollte dies so unwahrscheinlich sein? Ich nehme die Rechlswohltat des Goetheschen Wortes für mich in Anspruch: „Viel ist mir bewußt, doch alles weiß ich nicht." In einem Nekrolog über Wilhelm Busch war lobend hervorgehoben, daß des Verstorbenen wissenschaftliches Gepäck gar schwer gewogen, da er — man staune — sogar Kants „Kritik der reinen Vernunft" gelesen hatte. In der „Deutschen Rundschau" stand es jüngst schwarz auf weiß, Goethe habe das Knutsche Hauptwerk, zu dessen Lektüre ihn Schiller gedrängt, mißdeutet und mißverstanden, ja, Schiller habe sogar Goethen darüber geklagt, daß er seine kleineren philosophischen Aufsätze leider ohne genügende wissenschaftliche Vorschulung geschrieben und wie schwer ihm dies falle, mehr seiner Intuition zu folgen, als erlernten Theorien. Seine poetische, vornehmlich aber dramatische Produktion lag auch während seines Käntstudiums brach und Schiller wandte sich von demselben denn auch überdrüssig geworden, ab. Es ist eine Binsenwahrheit, daß die Originalität des Schriftstellers durch zu vieles Aneignen fremder Meinungen erheblich leidet und Emmerson sagt: We postpone our literary work, until we have more ripeness, and skill to write, and we one day discower, that onr literary talent was a youthful effervescence, wliidh we hawe now lost.*) Gegen dies Gebot, sich vor Uebereiser zu schützen nnd znviel Treibhanshitze zu scheuen, habe ich mich allerdings schwer vergangen. Wie viele Philosophen, vom alten Plato nnd mehreren alten Weltweisen angesangen, über Hume, Locke, Kartesius, Spinoza, Kant bis zu Schopenhauer, Nitzsche. Ewald, Jerusalem, *) Wir verschieben unsere literarische Tätigkeit, bis wir mehr Reife erlangt und Geschick zum Schreiben, und wir entdecken eines Tages, daß unser schriftstellerisches Talent eine jugendliche Aufwallung war, die wir nun verloren. Wundt, Stein, Zimmermann. Oswald, Kvhn, dem Neukantianer re. habe ich nicht mir heißem Bemühen studiert und bin so klug, als wie zuvor; ich kann nicht einmal sagen: „Ich heiße Doktor gar." Glücklicher- oder unglücklicherweise fehlt in dieser Liste Fichte, von dem ich nur seine „Reden an die deutsche Nation" kenne; der verdammte Schopenhauer mit seinen Verachtung und Geringschätzung atmenden Bemerkungen über Fichte und Schelling hat mich vom Lesen dieser Beiden abgehalten. Meine Unwissenheit zu entschuldigen, will ich die Eingangsworte meiner eigenen Artikelserie, „Aesthetik nnd Judentum", in Nr. 41 der „Wahrheit", Jahrgang 1907, zitieren, sie lauten: „Kourad Lange, der bekannte Kuustphilosoph nnd Professor an der Universität in Tübingen, veröffentlichte vor kurzem einen Artikel über ,Aesthetik' und stellt eine funkelnagelneue Theorie auf, deren Glanz nur dadurch einigermaßen getrübt erscheint, daß sie Moses Mendelssohn schon vor 150 Jahren anfgesnnden und publiziert hat. Lange führt dies selbst an, versickert jedoch, seine Theorien unabhängig davon und ohne Kenntnis der einschlägigen Mendelssohnschen Schrift ans sich selbst heraus geschöpft zu haben. Es wäre unnötig, dieser Behauptung mit Mißtrauen zu begegnen, auch wenn man nicht mit einem Ilebermaß von Leichtgläubigkeit behaftet ist. Bezeichnete Schiller sein Zeitalter als tintenklecksendes Säknlnm, so müßte man das unsere das tintenregnende nennen. Es gilt von so viel Neuerscheinungen Notiz zu nehmen: daß auch ein Gelehrter — dieser vielleicht erst recht nicht — weder Zeit noch Lust hat, die brachliegenden Schätze der Vorzeit in ihrer Ruhe zu stören." Wenn also ein Gelehrter und Fachphilosoph eine solche Blamage mit stoischem Gleichmute trägt, um wie viel leichter muß die Bürde meines eigenen Mißgeschickes mir erscheinen: vielleicht habe ich auch damals nur deshalb es unternommen, Ewald zu entlasten, weil ich ein dunkles Vorgefühl des meiner harrenden eigenen Unheils hatte. Aus allen Buchhandlungen starren uns ja die S ch r i f tst e l l e r - B r e v i e r e entgegen; es ist eben unmöglich geworden, alles in sich aufzunehmen. Der letzte Polyhistor, von dem man sagen konnte, in einem Kopfe stecke der ganze kulturelle Besitzstand seines Zeitalters, war der große Leibniz. Tempi passati. Von der Graetzschen Geschichte des Judentums freilich kann die vorgebrachte Entschuldigung leider nicht gelten, diese kenne ich nnd da suche ich mich mit der ungeschminkten Erklärung herauszuhauen, daß mein Gedächtnis — Gott sei es geklagt — an Treue und Zuverlässigkeit zu wünschen übrig läßt. Desungeachtet glaube ich gezeigt git haben, daß meine Ignoranz nicht von der Art des bücherfeindlichen Bielohlawek sei und ich mich mit derselben in besserer Gesellschaft befinde. Habe ich mich über den Eiugangssatz des Langen und Breiten ergangen und steht mein Bekenntnis an Aufrichtigkeit hinter den „Confessions" Rousseaus nicht zurück — ich hätte auch einen anderen Weg eiuschlagen und meine Unwissenheit zu verhüllen trachten können, statt sie zu beschönigen — so kann ich mich bei der Erwiderung aus den Schlußsatz umso kürzer fassen. Wohl besteht eine weite Kluft zwischen den von dem geehrten Herrn St. angeführten Expektorationen Fichtes und den Auslassungen des Verfassers des Buches Jesaia — ich habe kurzweg Jesaia gesagt, aber in bibelexegetische Auseinandersetzungen lasse ich mich nicht ein — allein gar keine zwischen dieser letzteren nnd der von mir zitierten Stelle ans Fichtes Nachlaß. Unter gewissen Restriktionen, die ich jedoch zu machen nicht unterlasse, läßt sich recht gut eine Parallele ziehen und ich halte auch den Grundgedanken meines Artikels aufrecht, denn es wäre eine durchaus verfehlte Logik, aus dem Umstande, daß z. B. Schopenhauer Antisemit war, folgern zn wollen, man dürfe ihn nicht nmtatis mutandis mit Kvheleth vergleichen. Alle Welt tut dies, Schopenhauer sogar selbst. So erübrigt mir denn nur noch. Herrn St. meinen aufrichtigen Dank für seine Belehrung und die Ausfüllung einer Lücke in meinem Wissen auszusprechen. 8. Vineta.