Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1909-01-01 · Heft 1 (1.1.1909) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063469-3063470--05847-3072801
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 1. Die Wahrheit Leite 9 werden. Der größte und beste Deutsche seiner Zeit, L e s s i n g. schloß den unvergeßlichen Mendelssohn an seine Brust und Lessing war es, der seinem Freunde im „Nathan dem Weisen" ein unsterbliches Denkmal setzte, diesem hohen Liede der Vorurteilslosigkeit und Geistesfreiheit. An Lessing schließt sich würdig an Herder, der große Humanitätsapostel. Damit man an diesem nicht genügend zu würdigenden Umstand nicht kühl vorüber gehe, mögen als Folie einige Verse ans einem Gedicht folgen, das ein Franzose geschrieben, ein Zeitgenosse Lessings und Herders: Es lebt, kaum von der andern 9Belt gekannt, Ein Volk voll Aberwitz und Wankelmut, Vernarrt in jeden Aberglaubens Unsinn, Von seinen Nachbarn stets besiegt nnd kriechend Im Sklavenjoch, für andere Nationen Der ew'ge Gegenstand nur der Verachtung. Und Gottes Sohn, Gott selbst, sich seiner Macht Entäußernd, läßt im Fleisch sich znm Genossen Des widerwärt'gen Volkes herab; er tritt Durch einer Jüdin Mutterschoß ins Leben, , Er krümmt sich unter ihr ... . Wer hat diese, die Galle erregenden, schnöden Worte gesprochen? Nun, meine Herren Juden nnd läßt Euch sagen, Ihr wißt nicht, wie viel die Glocke geschlagen. Der Weise von Ferney, Voltaire, der „große Voltaire" war's, dem Popper vor drei Jahren eine Monographie gewidmet, in der er vor Verzückung für seinen Helden nicht ein noch ans wußte, und die von der jüdischen Presse mit Trommelnnd Paukenschall rezensiert wurde, Voltaire war's, der Geschichtsforscher, der diese Jamben niederschrieb und behauptete, bas Volk des Josna, der Hasmonäer und des Barkochba sei von seinen Nachbarn stets geschlagen worden und für andere Nationen der Gegenstand nur der Verachtung. O, „großer Voltaire", der Du im Verein mit Roitssean für den Erreger nnd Verursacher der französischen Revolution giltst, sage mir doch an, wann und wo hätten sich die Juden, dieses „widerwärtige Volk", mehr „kriechend im Sklavenjoch" besnnden, als Deine eigene Nation, deren' Ketten zit brechen Du ja eben berufen warst? In ihrem eigenen Land nnd unter ihrer eigenen Regierung gewiß nie und nimmer, nie weinten in den Jordan jemals so blutige Tränen geknechteter Menschen hinab, als in die Seine und die Loire!! Das war Voltaire, der Georgs- und Graalsritter gegen Vorurteile, von dem Katharina II., au Grimm schrieb: „Schon lange reflektiere ich in meinen Handlungen ans zwei, Dinge nicht mehr: den Dank der Menschen und die Geschichte. Ich tue das Gute, ums Gute zu tun, nichts weiter; und das hat mich wieder ans der Mutlosigkeit nnd Gleichgiltigkeit für alle Dinge dieser Welt aufgerichtet, die mich bei der Nachricht von Voltaires Tod überkommen hatten. Denn er ist mein Lehrer; er oder vielmehr seine Werke haben meinen Geist und Kops gebildet. Ich glaube es Ihnen schon oft gesagt zu haben, ich bin seine Schülerin; als ich noch jünger war, wünschte ich ihm zu gefallen; hatte ich etwas getan, so mußte es, um mir zu gefallen, wert sein, ihm mitgeteilt zu werden; und sogleich erfithr er es. Er war so gewöhnt daran, daß er mich zankte, wenn ich ihm keine Nachricht gab und er sie von anderswoher erfuhr." „Geben Sie mir hundert Exemplare der Werke meines Meisters, damit ich sie überall niederlege. Sie sollen zum Beispiel dienen; man soll sie studieren, aliswendig lernen, ich will, daß die Geister sich daran nähren." Sie will sich eine ca8a santa, wie die von Loreto vom Hanse in Ferney machen lassen. („Deutsche Rundschau", 1880.) Ich schließe, lim des genannten herrlichen Dioskurenvaares. um Lessings nnd Herders willen, wollen wir Johann Gottlieb Fichtes Manen versöhnlich die Hand reichen. Ja. es erscheint im höchsten Grade rvahrscheinlich, 'daß als erste Etappe zitm Weltfrieden dereinst Inden und Deutsche als Brüder einander in die Arme fallen werden, so sehr die Aussicht dahin auch durch giftige Ausdünstungen der Gegenwart, in denen die Dunkelmännergestalten der Stöcker, Lueger mib Geßmann im mit) mit dem Nebel wallen, benommen ist. Wahrlich, soll die „moralische Ordnung" des Philosophen Fichte, das Gottesreich ans Erden, je der Realisierung entgegenreifen, so werden Juden und Deutsche im Verein: beu Grundstein zu diesem Bane legen. Ein Vortrag über Edom. Samstag, den 12. Dezember hielt Herr Rabbiner Doktor K a m i n k a vor einer gedrängten Zuhörerschaft im Bethamidrasch znm erstenmale nach dem Ableben des Lektors Friedman n den traditionellen Sabbatvonrag. Unter den Anwesenden befanden sich auch der Präsident des Bethamidrasch-Vereines, Rabbiner Dr. Schmiedl und zahlreiche Vorsteher verschiedener Bethansvereine. Herr Dr. K a m i n k a leitete auch diesmal seinen Vortrag mit einem Nachruf auf den seligen Lektor ein, der 45 Jahre hiitdurch allsabbatlich die Thora zu erklären pflegte. In Anknüpfung an das Wort im Wochenabschnitle -pzsh ,-Srr 8d -ebn bemerkte er, daß nach der Massora das Wort „ul’rni“ dreimal in der Bibel vorkomml, einmal an dieser Stelle in der Thora, dann in den Propheten bei König Saul, endlich im Buche der Weisheit, Kohelet 8ajr m Dies erinnere an einen Nachruf, der im zweiten Jahrhundert der üblichen Zeitrechnung von Rabbi Gamliel auf den Hingeschiedenen Gelehrten Samuel Hakatan gehalten wurde. Er sagte, dies könne auch mit Bezug ans den seligen Lektor Friedmaun wiederholt werden. Reiche Männer sterben und hinterlassen ihre Reichtümer den Nachfolgern; Könige sterben und hinterlassen den Erben ihre Kronen; der verstorbene Weise hat aber sein Bestes und Vorzüglichstes mit sich ins Grab genommen. Ebenso wäre es aussichtslos für einen, der nach Lektor Friedmann die Ehre hat, im Bethamidrasch Vorträge über den Pentateuch zu halten, die Art nnd Methode des Hingeschiedenen Meisters, welche ihm einen Weltruf eingetragen, nachzuahmen. Es könne jeder Nachfolger sich nur bemühen, aus seine eigene Weise die Schätze hervorznholen die in den Worten der Bibel enthalten sind. Auf die Sidra übergehend, beleuchtete der Vortragende eingehend die geschichtlichen Beziehungen Israels zu E d o in, welche sich im Verhalten Jakobs gegenüber Eian tviederspiegeln nnd machte unter anderem die Bemerkling. daß das Fehlen jedes Grolls, jeder Zornempfindung nnd jeder Rachsucht bei Jakob gegen Esau im Berichte der Genesis, ebenso im vierten und fünfte Buche Moses mit Bezug auf Edom mit als entscheidendes Argument betrachtet werden kann für das hohe Alter der fünf Bücher Moses nnd für die U n h a l t b a r k e i t der bezüglichen Anschauungen der modernen B i b e l k r i r i k. Noch zur Zeit Josaphats, um 900 v. Ehr. kämpften I u d a, Israel und Edom Schulter au Schulter gegen Moab; aber seit König Amazja. um 838 v. Ehr., waren die Edomiter verhaßte Kriegsfeinde, denen gegenüber eine versöhnliche, brüderliche Sprache nicht denkbar ist. Damals wurde, nach dem Berichte im zweiten Buche der Könige. Kapitel 14, Vers 7, die F e l s e n b u r g Edoms (Sela) erobert, y8cn n» ran Eine Reminiszenz an dieses Ereignis ist ohne Zweifel auch der allgemein mißverstandene und von der christlichen Theologie gegen die Moral des alten Testamentes ansgebeutele Schluß des Psalmes 137 von der angeblichen „Zerschmetterung der Knäblein am Fellen." xben 8k -p88u; ns* ps:i Das Wort bedeutet aber an dieser Stelle nicht Knäblein, sondern die kämpfende Jugend nnd Sela sei nicht der Felsen, sondern die eroberte Stadt Sela Edom. Aber schon das zweite Buch der Chronik, das zu einer Zeit verfaßt wurde, als der Haß gegen das verräterische Edom, wie es in Obadja geschildert ist, wegen der Teilnahme an der Zerstörung Jerusalems verbreitet war, deutet die Tradition ans der Kriegschronik nach Art eines Midrasch. Zn den 10.000 gefallenen Edomiten des Buches der Könige, fügt dann II. Chron. offenbar als freie Deutung von j?8d hinzu, daß n o ch 10.000 Edomiter (aber immer noch Krieger, nicht Knäblein) von einem „Felsen" hinuntergestürzt wurden nnd den Tod fanden. — Die Ausführungen des Herrn Dr. K a m i n k a wurden mit gespannter Aufmerksamkeit und regem Jitleresse entgegengenommen und der Redner wurde nach Schluß des Vortrages warm beglückwünscht. Verschiedene Nachrichten. Wien. Freitag-Abend, den 1. Jänner 1909, Predigt im Leopoldstädter Tempel. Wien. (Vortragszyklus aus jüdischer Geschichte Literatur uud Kultur.) Donnerstag, den 7. Jänner 1909, präzise

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.