Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 1. Präsident, daß der neue Lehrplan für den Religionsunterricht an den Mittelschulen bereits ansgearbeitet und in wenigen Wochen dem Vorstande zur Diskussion vorgelegt werden werde. Betreffs der angeregten Statutenänderung verweist er schließlich daraus, daß ja im Vorstande ein Statuteu-Revisions-Komitee besteht, dessen D&nmiui der Vertreter, Herr Dr. Leopold Kohn ist. Dieses Komitee hat bereits einzelne Fragen dem Plenum vorgelegt und wird auch weiter seine Tätigkeit fortsetzen. Spezialdebatte. Zu Abschnitt A führt Dr. Markus Spitzer aus, daß der Vorstand trachten müsse, in der Minjatiimsrage die Reibungsflüchen zwischen Gemeinde und den Vereinen zu vermindern. Dies sei nur daun möglich, weint betreffs der Subventionen an die Belhausvereine ein bestimmter Maßstab ansgestellt und auch eine Norm bezüglich der Bewilligung temporärer Bethäuser festgesetzt wird. Hiezu bemerkt der P r ä s i d e n t, daß eine solche Norm bereits besteht und Konflikie nur dann zutage traten, wenn seitens der Bewerber um temporäre Belhäuser versucht wurde, sich über diese Norm hmwegznsetzen. Vertreter Salo Cohn beantragt, mit Rücksicht darauf, daß der Voranschlag unter Mitwirkung sämtlicher Vorstandsmitglieder w ederholt durchberaten wurde, von einer Spezialdebatte abznsehen und das Budget en bloc anznnehmen. Der Präsident erachtet dies nicht für opportun, da das Budget im Plenum abschnittweise behandelt werden müsse. Vertreter Dr. Maxim. Steiner ergreift im Abschnitt B zur Post . Reserve für Mittelschullehrer" das Wort. Er habe bereits im Vorjahre bei der Bndgetberatung zu dieser Post gesprochen und wurde wegen seiner Aeußernngen im offiziösen Lrgan der Knltusgemeinde vermoppelt. Er habe damals betont, daß die Erfolge des Religionsunterrichtes an den Mittelschulen nur dann bessere würden, wenn ein gutes Schulbuch, ein Präparalionsbuch, wie es für den Unterricht in den klassischen Sprachen vielfach besteht, auch sür den hebräischen Unterricht versaßt würde. Die Mittelschnllehrer-Konserenz habe sich gleichfalls sür das Präparalionsbuch ausgesprochen, aber bisher ist dasselbe nicht gedruckt worden. Mittlerweile wurde ein neuer Lehrplan vorgelegt. der wieder die Abfassung des Präparationsbnches hinansschieben wird. Das komme ihm so vor wie das Kleid der Penelope. In einer Sitzung wird der Gegenstand beschlossen und in der nächsten werden die Maschen wieder ausgetrennt. I. Sekretär Dr. Lieben, gibt die Aufklärung, daß das Präparationsbuch zusammen mit dem neuen Lehrplati herausgegebeu werden wird. Zuni Abschnitte 0 stellt Vorsteher Schrämet eine Anfrage betreffs der Verwendung der Ueberschüsse aus dem Friedhofswesen. Baurat M a r m o r e k frägt, ob betreffs eines neuen Friedhofes bereits Verhandlungen gepflogen werden. Der Präsident erklärt, daß der Vorstand diese Frage im Auge behalte, aber der Zeitpunkt sei noch verfrüht, um bestimmte Verhandlungen hierüber zu pflegen. Zu demselben Gegenstand bemerkt Vertreter Salo Cohn, daß selbst wenn solche Verhandlungen bereits geführt würden, es nicht opportun wäre, in öffentlicher Sitzung hierüber zu berichten. Bei Abschnitt G führt Referent Max F r a n k, reflektierend aus eine frühere Bemerkung des Präsidenten aus, daß das übrigens nicht gesetzlich, sondern durch eine Ministerialverordunng sestgelegte Prinzip, die Personaleinkommensteuer nicht zur Grundlage einer weiteren Steuerbemessung zu machen, mittlerweile bereits in der sogenannten Militär-Krüppelstener durchbrochen wurde. Es wäre daher angezeigt, sich neuerdings an die Regierung zu wenden, vielleicht wird diesmal der Erfolg des Ansuchens ein besserer sein. Nach Schluß der Debatte wird der Voranschlag pro 1909 einstimmig genehmigt. Der Präsident erklärt, daß der Voranschlag im Sinne des § 90 der Statuten während der Dauer von 14 Tageu zur Einsichtnahme der Gemeindemitglieder aufgelegt werden wird und schließt hierauf die öffentliche Sitzung. Johann Gottlieb Fichtes Nachlaß. Von S. Bineta. (Schluß.) Darüber, was Gemüt sei, sind tiefgründige und psychologische Untersuchungen angestellt worden. Statt etwas Geheimnisvolles, Hochgelehrtes dahinter zu suchen, täte man wohl am besten, das tiefe Gemüt des Deutschen als Gefühlsüberschwang zit bezeichnen, im Gegensatz zu dem verständigen, anmutigen, witzigen, leichtsinnigen Franzosen und zum Willensstärken, zielbewußten, tatkräftigen Inselbewohner. Daß dieses Nebenwegen des Gefühls nicht immer einen Vorzug bedeuten kann, ist ebenso klar, wie die vulgäre Erkenntnis, daß es nicht immer bessere und edlere Gefühle sein müssen, die den Deutschen bewegen, sondern ebensowohl deren Gegenteil. So hat sich, um nur ein Beispiel zu erwähnen, ans dem Wiener mit Gemüt, dem „gemütlichen Wiener", der recht ungemütliche Antisemit herausmetamorphosiert. Ich kann es mir nicht versagen, hier eine Episode einzuflechten, die als weiterer Beleg sür des Deutschen Gemüt gelten mag. Johann Heinrich V o ß kennt fast jeder Gebildete als den Uebersetzer der Homerischen Gesänge und den Verfasser zweier lieblicher Idyllen. „Louise" und „Der siebzigste Geburtstag". Wie erstaunt ich war, als ich vor kurzem ans ein Gedicht stieß, ans dem ich einige Zeilen zitiere, läßt sich schwer schildern. Einer der gräflichen Brüder Stolberg, die dem Hainbund angehörten und mit Voß eng befreundet waren, verriet katholisierende Tendenzen und da richtete der Dichter der „Louise" denn eine „Warnung" in Versen an seinen Freund, die freilich nichts fruchtete, denn Stolberg trat trotzdem zum Katholizismus über: Du, zum Licht zwangloser Veruuiifr von Luther Miterkämpst, Du Forscher der Offenbarung, Du im Anhauch griechischer Lust gehobener Adler der Freiheit, (!) Pfaffenknecht? Abschwörest Du Licht und Wahrheit? Am Altarschmaus dann des gebacknen Gottes Schnaubst Du dem. was Menschen vom Tier erhebet, Haß und Verfolgung? Hör's Stolberg! Worte von Gott verkünd' ich. Alter Freund! Mißtraue der Priestersatzuug, Wenn den Abgott auch der Sirene Zauber- Stimme beschönigt. Schau, wie dort aufstarrender Pfaffen Chortauz Um des Abgotts Opferaltar einherhinkt: „Gott allein Uns Gott! o gesegu' allein Uns, Fluche beit andern!" Fleuch, o fleuch Stolberg, wie des Turbanträgers Und des kiioblauchduftigeu Rabbis Messer, Fleuch gebetabkupeluder Glatzenpfäffleiu Tand und Betörung! Voß spottet seiner selbst und weiß nicht wie, er wirft den Katholischen vor, daß sie betend lästern: o gesegist allein uns, fluche den andern. Im selben Atem aber spricht er das anathema sit ans über die harmlose Kopfbedeckung des Moslems und dessen Beschneidungsmesser, über den Knoblauch des Juden und ditto sein Messer und endlich über den Rosenkranz und geschorene Tonsuren. Bleibt nichts, als das gebeneidete Luthertum. Die Bekenner des Konfulse und die Bnddhaisten, die in ihrem frommen Wahn sich vom Ungeziefer plagen lassen, ohne daß sie es zu töten wagen, sind — man weiß nicht warum — übergangen. Voß preist den „Anhauch griechischer Luft" und doch mischte sich in denselben der Duft des Knoblauchs; die ärmeren Bürger Athens konslimierien, wie allbekannt, sehr viel Zwiebel und Knofel, ebenso die heutigen Italiener. Diesen gönnt man sie, dem armen Rabbi nicht. O pfui, Voß! Wenn das am grünen Holz geschieht, was soll mit dem dürren werdeu? Ist das der Ausfluß Deines gepriesenen deutschen Gemütes, der Du einer der Großen im Königreich der klassischen deutschen Literatur bist (nicht etwa der romantischen), wie kann es um Herz und Gemüt des unliterarifchen Pöbels bestellt sein, dem die Sonne Homers nicht geleuchtet, für den Plato, Sokrates, Epiktet, Mark Aurel, Boethins umsonst gelebt haben?! Doch trotzdem und trotz alledem dürfen nur eine Tatsache nicht vergessen, die das bisher Gesagte mit' einem Schlage entkräftet: ein Deutscher war es, kein Franzose oder Engländer, der sich nicht scheute, eines Juden Herzensfreund zu