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Die Wahrheit · 1909-01-01 · Heft 1 (1.1.1909) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 1. Die Wahrheit. Seite 7. und den vielen anderen m meinem vorjährigen Referate berührten; großen Aufgaben, vor denen wir stehen, gerecht zn werden, j müssen wir auch Wege suchen, auf denen neue Eiunahmsq netten! zu erschließen sind, denn unter keinen Umständen darf das Gleichj gewicht unseres Gemeindehanhaltes dauernd gestört werden, weil! dies die Zukunft in unberechenbarer Weise belasten würde. Diese! Einnahmsqnellen sehe ich, wie ich bereits wiederholt in öffent-! lichen Versammlungen besprach, in allererster Linie in der Staats-! Hilfe, die man uns bisher gegen alles Recht nicht gewährt hat,; die man uns aber nicht mehr lange wird vorenthalten können. j Sie werden mir sicher alle zllstimmen, meine sehr verehrten j Herren, wenn ich sage, daß es ein himmelschreiendes Unrecht ist,! wenn der Staat sämtliche Kultenunterstützt, mit Ausnahme des j jüdischen, wenn die jüdischen Stenergelder mit dazu benützt; werden, nm die katholische, die evangelische und die griechisch-; orientalische Congrna zu bezahlen, die noch immer weiter erhöht; wird, während wir selbst vollständig leer ausgehen. Und wenn j einzelne unserer jüdischen Mitbürger murren, weil sie die Steuer. . die wir ihnen anfznerlegen genötigt sind, zn hoch finden, so : mögen sie uns doch sagen, woher wir denn die Mittel nicht nur : für unseren Kultus, sondern hauptsächlich für unsere Kranken. , Siechen, Waisen und Erwerbsnufähigen nehmen sollen, wenn das | soviel gepriesene Staatsgrundgesetz so gehandhabt wird, daß wir : wohl die gleichen Pflichten, aber nicht die gleichen Rechte wie! unsere nichtjüdischen Mitbürger haben. Es ist eine wohl noch j der traurigen Vergangenheit entstammende Eigenschaft von uns Inden, daß wir jedes uns angetane Unrecht wie einen unabwendbaren Schicksalsschlag ruhig hinnehmen, es z. B. selbst- . verständlich finden, daß wir bei allen öffentlichen Empfängen! immer in der Rangordnung zuletzt kommen, und dieses Beispiel ist eigentlich geradezu symptomatisch. Wenn wir aber diesen im*; würdigen Zustand dauernd schweigend hinnehmen, wenn wir . noch weiter in der alten Passivität verharren, dann werden mit j Recht einmal jene, die nach nns kommen, nur mit Geringi schätznng ans nns znrückblicken. Denn die Zeiten sind gottlob vorüber, in denen unsere Vorfahren jeden Gewaltakt, jede Willkür; in Demut schweigend hinnehmen m u ß t e n. Mögen die von > unseren Gegnern eifrig geschürten Flammen des Judenhasses noch * so hoch emporlodern, sie werden nichts vermögen gegen unseren festen Willen, von dem Platze nicht zn weichen, ans dem wir stehen. Wir sind treue Bürger dieses Staates, unsere fiele Opserwilligkeit, unser Palrivtismus, unsere treue Anhänglichkeit an das Herrscherhaus wurde nie in Zweifel gezogen, im Gegenteil erst in jüngster Zeit ans Allerhöchstem Munde ausdrücklich anerkannt. Und so fordern wir vom Staate als vollberechtigte Bürger die Anerkennung der gleichen Rechte nicht nur durch Worte, sondern auch durch Taten. Ich empfehle das Budget Ihrer Annahme. Generaldebatte. Dr. Markus Spitzer dankt zunächst dem Referenten für das ausgezeichnete Referat, das derselbe über das Budget erstattet hat, wobei er auch den trockenen Ziffern eine gewisse Poesie abzngewinnen wußte, die nur ein begeisterter Jude empfinden kann. Redner hält dafür, daß in der Budgetdebatte möglichst viele Vorstandsmitglieder das Wort ergreifen sollten, denn der Vorstand ist verpflichtet, den Gemeindemilgliedern bekanntzngeben, wie die Srenergelder verwendet werden, und gerade in der Bndgetdebatke ist die beste Gelegenheit gegeben, dieser Pflicht nachzukommen und die einzelnen Zweige der Verwaltung zn beleuchten. Ein Vergleich der Budgets vor ungefähr 15 bis 20 Jahren mit dem heutigen zeigt, wie sehr sich seither alle Jnstitrltionen entwickelt haben und wie hoch die Ansprüche an die Knltnsgemeinde gestiegen sind. Um ein Beispiel heranszuheben, wird jetzt für das W o h l t ä t i g k e i t s w e s e n ein gleicher Betrag lvie für den Unterricht, u. zw. L 600.000.— verwendet. Hiemit erfüllt die Knltnsgemeinde allerdings eine alte Sitte des Jndentnms, aber die Wohltätigkeit wird jetzt nicht ans Erbarmen geübt, sondern sie stellt sich als obligatorische soziale Fürsorge dar, gegenüber dem konfessionellen Boykott, unter welchem Misere Glaubensgenossen zu leiden haben. Der Blldgetreferent hat ansgesührt, daß wir an den Staat berechtigte Ansprüche zur Erhaltung unseres Kultus stellen können. Das ist allerdings ri.luig, aber das nüherliegende wäre, zn prüfen, was Stadt und Land zu tun verpflichtet sind, denn in dem großen kommunalen Budget, zn dem wir Juden doch einen so großen Perzemsatz beilragen, wird nichts für jüdische Zwecke verwendet. Bon Seiten des Vertreters Herrn Salo Cohn wird oft darauf hingewiesen, daß wie in anderen Großgemeinden, die Wohltätigkeitspflege durch Komitees geübt werden sollte, wodurch die Gemeinde bedeutend entlastet würde. Weiln wir hier in Wien uns nur ans solche Komitees verlassen hätten, dann hätten wir wol lange auf die großen und schönen Institutionen, die der Gemeinde zur Ehre gereichen, warten können. Im übrigen ist ja für unsere reichen Glanbensgenossen noch immer die Bahn für derartige Komitees frei und die Gemeinde wird die Bildung derselben gewiß frendigst begrüßen. Anerkennenswert sind auch die großen Opfer der Gemeinde für den Kultus. Im Gotteshaus pulsiert das jüdische Leben und es ist die Aufgabe der Gemeinde den Wiener Gottesdienst, der mustergiltig für die ganze Welt geworden ist, ans seiner Höhe zn erhalten. Allzngroße Spariamkelt wäre hier nicht am Platze und für die nächste Zeit wird es wohl notwendig sein, einen größeren Tempel in der inneren Scad! zn bauen, ebenso auch ein zweites Gotteshaus im zweiten Bezirke mit vrtlwdoxem Ritus, wodurch die Minjansrage ihrer Löinng näher gebracht würde. In der Wahlbewegnng gelegentlich der letzten Vorstandswahlen wurde von allen Parteien ans die Notwendigkeit der Reorganisation des R e l i g i o n s n ti t e r r i ch l e s hingewiesen, umsomehr sei es zn bedauern, daß der schon lange angekündigte Lehrplan für die Mittelschulen bisher noch nicht erschienen ist. Der Vorstand wird auch einer zeitgemäßen S t e n e rr e s o r m. ans Grund der Personaleiukommensteuer, sein Augenmerk znwenden und vor allen darangehen müssen, das Steuerminimnm von 20 K herabznsetzen. Die Befürchtung, daß die große Mehrzahl derjenigen, die bisher 20 K gezahlt haben, nun den niederen Satz werden zahlen wollen, sei nicht am Platze, denn die Einschätzung wird ja in den Kommissionen besorgt. Aber durch Herabsetzung der Steuer könnten der Gemeinde 10.000 Steuerträger gewonnen werden. Der Vorstand wird auch die Frage der Bezirksk o m m i s s i o n e n in Ordnung bringen müssen, und er darf darüber nur Freude empfinden, daß sich eine so große Anzahl von jüdischem Geiste beseelter Männer herandrängt, nm für die Gemeinde etwas zn tun. In jedem Falle wäre es wünschenswert. daß jede einzelne Eingabe einer Bezirkskommissivn binnen einer gewissen Frist im Vorstände zur Verhandlung gelangt. Auch in der Verwaltung der Gemeinde dürste sich eine Aendernng als notwendig erweisen. Bei aller Anerkenilung sür die Tüchtigkeit des Bertrererkolleginms kann nicht geleugnet werden, daß gegenwärtig der übrige Teil des Vorstandes von der Mitarbeit so ziemlich ausgeschlossen ist, und vor allem wäre es opportun, Beschlüsse der Kommissionen, in denen die Fachmänner des Vorstandes sitzen, wenn sie vom Vertreterkolleginm verworfen werden, dem Plenum zur endgiltigen Entscheidung vorzulegen. Unabweislich zeigt sich auch die Forderung nach Erhöhung der Zahl der Vorstandsmitglieder. Die Wünsche der Opposition, mag sie sich in fortschrittlicher oder konservativer Beziehung äußern, können nicht vollkommen uitberücksichtigt bleiben, wenn man nicht den Streit in der Gemeinde in Permanenz erklären will. Eine der nächsten Aufgaben des Vorstandes wird es daher sein miiffen, nach den angedenreten Richtungen eine Stalntenänderung herbeiznsnhren. Redner erklärt schließlich sür das Budget zn stimmen, da es von echt jüdischem Geiste erfüllt ist. Präsident Dr. Stern bemerkt zn den Anssührnngen des Vorredners, daß die Bemessung der Knltnsstener nach der Personaleinkommenstener nicht nur deswegen itnmöglich sei, weil zu letzterer keine Zuschläge gemacht werdeit dürfen, sondern weil gesetzlich der Einblick in die Stenerlisten nicht gestartet ist. Alle bisher diesbezüglich an die Regierung seitens der Knltnsgemeinde gemachten Eingaben wurden abgewiesen. Weiters erklärt der

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