Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1909-01-01 · Heft 1 (1.1.1909) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063469-3063470--05844-3072798
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seile 6 Die Wahrheit Nr. 1. von einer Zentralstelle aus verteilen oder mindestens kontrollieren ließe, und welche Summe von dauerndem Nutzen könnten wir dadurch schaffen. Auch ist es meines Erachtens eine der obersten Pstichteu einer jüdischen Gemeinde für die verlassenen Kinder zii sorgen und ich kann uns den Vorwurf nicht ersparen, daß dies bisher nicht in entsprechendem Maße geschah. Die Gefahr, die von dieser Seite droht, wird nämlich vielfach verkannt und auch unterschätzt. Ich habe zu der Lebenskraft des Judentums viel zu viel Vertrauen, um es bedroht zu sehen, wenn etwa einzelne Kinder, was ja leider in der Tat vorkommt, dem Judentum abwendig gemacht werden, die weit größere Gefahr sehe ich vielmehr darin, daß solche Kinder, die zwar dem Namen nach dem Judentum angehören, aber nicht in jüdischem Geiste erzogen werden, aus Abwege geratend, der Indenschast Schaden und Schande bereiten. Wir haben für diese Post in Anbetracht des schlechten Standes unserer Finanzen nur £ 20.000.— eingesetzt, doch bin ich mir nicht eilten Moment darüber im unklaren, daß dieser Betrag lvird wesentlich erhöht werden müssen, wenn wir aus dem so überaus wichtigen Gebiete der Kinderfürsorge halbwegs erfolgreich wirken wollen. Abschnitt 0, Finanzielle und administrative Angelegenheiten, läßt sich im ganzen nicht fassen, und muß ich hier über die einzelnen Kapitel referieren. Kapitel 29, Kultnsstener. ist auf Grund des Ergebnisses im Jahre 1907 mir £ 50.000.— höher angenommen worden; Kapitel 30, Gemeindeverwaltung, hat, trotzdem diesmal die Post 29, Drncksorten bei Vorstaudswahlen, K 16.000.— entfällt, doch nur ein Gesamt-Mindererfordernis von £ 3000.—, weil Gehalte und außerordentliche Erfordernisse sub Post 1, 2, um K 12.000.—, Beitrag znm Pensionsfond Post 26, um £2000.—, diverse Spesen, Post 30, um £ 2000. — gestiegen imb als neue Ausgabspost das Erfordernis für die Gemeindekanzlei im XXI. Bezirk mit £ 3600.— hiuzugekommen ist. Dagegen sind bei Post 4, Mietwert, Post 8, Mobilien-Erhaltnng. Post 20/21, Drucksorten und anderen Posten, insgesamt Mindererfordernisse von K 6200— eingestellt. Bei Kapitel 31. Matrikelamt, sind infolge von Gehaltserhöhungen Post 1/2 K 2000.— mehr in die Ausgaben eingesetzt, denen kleine Ersparnisse bei anderen Posten, sowie die mit £ 900.— höher veranschlagten Einnahmen gegenüberstehen. Gesamt-Mehrerfordernis bei diesem Kapitel ist £ 1600.—. Kapitel 32, Pensions-Zulagen, erfordert £ 2500.— weniger als im letzten Budget, ebenso sind die Ausgaben bei Kapitel 23, Gnadengaben, um K 2000.— znrückgegangen. Kapital 34, Gebäude-Erhaltung und Verwaltung, hat einen um £ 10.000— höher veranschlagten Ueberschnß. — j Es würde zu weit führen, wenn ich hier, wo es sich meist um rein buchmäßige Annahmen handelt, ins Detail gehen würde und verweise ich auf den Ihnen vorliegenden Voranschlag. Kapitel 35. Gebäude-Inspektion und Technisches Amt, ist wenig verändert; bei Kapitel 36, Zinsen und Kontokorrent- Spesen, ist der Zuschuß um £ 3000.— höher augeuommen, als im Vorjahre; Kapitel 37, Diverse Einnahmen und Ausgaben, hat ein Minder-Erforderniß von £ 22.000 —, weil vor allem der im letzten Budget, Post 8, als Zuschuß für Floridsdorf veranschlagte Betrag von £ 12.000.— hier entfällt, da er ja und leider in wesentlich erhöhtem Maße auf die anderen Kapitel aufgeteilt wurde, ferner sind für die Allgemeine Reserve, Post 11, um Li 10.000.— weniger eingestellt, als im vorjährigen Budget. Das Kapitel. Darlehens-Rückzahlinigeu und Annuitäten, ist gegen das Vorjahr um K 900.— in den Ausgaben gestiegen. Wenn ich bei diesem Kapitel von Veränderungen gegen das Vorjahr gesprochen habe, so kann ich mit großer Genugtuung feststellen, daß die Pflichttreue und Anhänglichkeit unseres Beamtenkörpers unverändert blieb, und gerne will ich an dieser Stelle unserer Beamtenschaft, an ihrer Spitze Herrn kais. Rat Dr. Theodor Lieben, für ihre nie versagende Mithilfe, auch bei der diesjährigen Bndgetberatuug unseren herzlichsten Dank aussprechen. Auch die anerkennnngswerte Leistung des Herrn Liquidators, Emil Katz, bei der so überaus schmierigen und verantwortungsvollen Zusammenstellung des Budgets sei besonders hervorgehoben. Wenn Sie nun, meine verehrten Herren, all diese einzelnen Posten znsammennehmen, so ergibt sich, wie bereits erwähnt, ein Fehlbetrag von £ 81.173.33, also eine scheinbare Besserung gegen das letzte Budget, welches dieseit Fehlbetrag von £ 196.779.61 angenommen hat. Wenn wir aber den Voranschlag kritisch beleuchten, so sinden wir sofort, daß die Ausgabeposten konstant steigen, denen eine entsprechende Steigerung der Einnahmen, mit Ausnahme des etwas höher präliminirten Einganges aus derKültnssteuer, keineswegs gegenübersteht, und daß das scheinbar bessere Ergebnis des kommenden Finanzjahres nur durch zitsällig entfallende größere Ausgabeposten des vorangegangenen Jahres begründet ist. Außerdem darf man ja nicht übersehen, daß die im nächsten Jahre zur Auszahlung gelangenden £ 80.000.—, Rest des Baues der Mikwah, Seite 139, Post 10 und £ 100.000.—, Seite 139, Post 9, eigentlich das Defizit des nächsten Jahres ans fast £ 260.000.— erhöhen würden, wenn dieser Betrag nicht durch eine unter dem Titel „Ansznnehmendes Darlehen" in den Einnahmen sub Post 8, Seite 138 eingestellte Summe von £ 180.000.— buchmäßig, aber keineswegs tatsächlich bedeckt erscheinen würde. Auch darf man nicht vergessen, daß das in diesem Verwaltnngsjahre 1908 entstehende Defizit doch auch schließlich ans irgend eine Weise wird getilgt werden müssen. Wie groß das Defizit des laufenden Jahres 1908 sein wird, werdeit wir erst nach erfolgtem definitiven Rechnungsabschluß bestimmen können, daß aber ein solches, wenngleich kein übermäßig hohes, vorhanden ist, steht leider bereits heute außer Frage. Und dies ist umso bedauerlicher, da für absehbare Zeit an eine Rednziernng des Ansgabenbndgets nicht nur nicht zu denken ist, sondern wir vielmehr im Gegenteil mit Steigerungen zu rechnen haben, einerseits im Hinblick auf das ständige Wachsen der jüdischen Bewohnerschaft, und zwar gerade jener Schichten, die zur Steuerleistuug tu der weitaus überwiegenden Mehrzahl nicht herangezogen werden können, im Gegenteil, eher unserer Hilfe bedürfen, andererseits aber, und ich möchte sagen, in erster Linie, weil wir eine Reihe von Verpflichtungen haben, die als überaus wichtig bezeichnet werden müssen. Ich denke dabei hauptsächlich an eine Regulierung der Gehalte unseres Lehrkörpers, mit der wir uns hoffentlich im nächsten Jahre noch beschäftigen und dieselbe der Erledigung znführen werden, vorausgesetzt, daß sich der Entwurf, den das Bureau demnächst ausarbeiten wird, als durchführbar erweist. Ich will von allen ethischen Momenten, die ich ja übrigens genügend oft beleuchtet habe, absehen, und nur die eine praktische Erwägung, Ihnen, meine verehrten Herren, vorlegen. Nach langer Arbeit ist es gelungen, uns wenigstens großenteils einen Stand von Religionslehrern zu gewinnen, welche die Gewähr für eine würdige pädagogische Leitung bieten; wollen wir diesen nicht nur erhalten, sondern auch in dem gleichen Sinne weiter entwickeln, dann müssen wir den Religionslehrern ein entsprechendes, möglichst sorgenfreies Auskommen bieten, und wenn es früher anders war. wenn das Lehrermateriale einstens kein gutes gewesen ist, so lag die Schuld gewiß hauptsächlich an der schlechten Besoldung. Es ist natürlich, daß jede Gemeinde in erster Linie dafür sorgen muß, daß ihr Nachwuchs zu guten Juden heraugezogen werde. dazu aber bedarf es guter Lehrer. Solche besitzen wir heute zum großen Teile, und werden sie ja hoffentlich auch bald ans unserer Lehrerbildungsanstalt zur Versügnng haben, aber wir müssen sie den heutigen geänderten Lebensverhältnissen entsprechend besolden, sonst werden wir sie eben nicht haben. Und deshalb ist die Regulierung der Lehrergehalte nicht etwa eine dem Mitleide entspringende, sondern durch die Pflicht der Selbsterhaltung diktierte Forderung. Auch die Frage der Erweiternrig des alten, oder des Ankaufes eines neuem Friedhofes rückt immer drängender an nits heran, ebenso die endliche Errichtung eitles unserer Gemeinde würdigen Amtshauses, verbunden mit der Wiederherstellung unserer altehrwürdigen Stadtsynagvge. Es ist selbstverständlich, daß wir diese letzterwähnten großen Verpflichtungen nicht zu erfüllen imstande sein werden, wenn uns nicf)t unsere jüdischen Mitbürger, an die wir seinerzeit appellieren werden müssen, hilfreich und tatkräftig zur Seite stehen werden. Um aber diesen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.